Dr. Fabio Richlan: Sportpsychologie im Radsport

Der psychologische Zustand eines Profi-Radfahrers spielt eine wesentliche Rolle, wenn es darum geht, in Training und Rennen auf höchstem Niveau zu bestehen. Diese Erkenntnis setzt sich zusehends im internationalen Radsport durch. Demgegenüber hat die altmodische Ansicht, dass ein Sportpsychologe ausschließlich bei psychischen Problemen um Unterstützung gebeten wird, in der Welt des Profiradsports mehr und mehr ausgedient. Nichtsdestotrotz ist die Arbeit an der psychischen Gesundheit ein essenzielles Betätigungsfeld – aber eben nicht das einzige. Hier beschäftige ich mich mit sportpsychologischen Ansätzen, mit deren Hilfe Radsportler ihre Leistung optimieren können.

Zum Thema: Was Radsportler über psychologische Fähigkeiten wissen sollten

Egal welcher Fahrertyp, welche vergangenen Erfolge oder zukünftigen Ziele, eines ist den meisten Profis gemeinsam: das Streben nach Spitzenleistung und der stetige Wunsch, sich zu verbessern. Die Entwicklung der psychologischen Fähigkeiten trägt entscheidend dazu bei. Denn sie hat zum Ziel, die eigene maximale Leistung im Rennen nicht nur abzurufen, sondern in Drucksituationen aufzublühen und über sich hinauszuwachsen.

Die Rolle des Sportpsychologen besteht darin, ein umfassendes Verständnis der psychologischen Vorgänge des Fahrers zu entwickeln, sowie die richtigen Strategien zur Verfügung zu stellen, welche dabei helfen, die für den Fahrer individuell benötigten psychologischen Fähigkeiten zu entwickeln, um seine Leistung auf dem Rad zu verbessern.

Mögliche Gefahren

Die Rolle des Fahrers besteht darin, ehrlich in seiner Selbsteinschätzung zu sein, sowie diszipliniert und konsequent an der Entwicklung der eigenen psychologischen Fähigkeiten zu arbeiten. Das kann natürlich auch unangenehme Erfahrungen beinhalten, aber dieses Risiko besteht ohnehin immer, wenn man sich verbessern will.

Manche Fahrer drücken sich davor, sich mit den eigenen Gedanken und Gefühlen auseinanderzusetzen und hoffen darauf, dass diese ihre Leistung im Rennen nicht negativ beeinflussen werden. Die meisten Profis aber haben bereits erkannt, dass sie ihre individuellen psychologischen Fähigkeiten aktiv entwickeln können, um eine bessere Leistung abzuliefern.

Mehr Infos zu Dr. Fabio Richlan: https://www.die-sportpsychologen.de/fabiorichlan/

Psychologische Flexibilität

Dabei geht es weder um die perfekte Vorbereitung, noch um den idealen psychologischen Zustand vor einem Rennen, denn diesen erreichen auch die größten Champions nur selten. Was sie aber besitzen, ist psychologische Flexibilität: Die Fähigkeit, sich einer Situation mit Offenheit und Konzentration anzupassen und den psychologischen Zustand zu entwickeln, der es ihnen ermöglicht, die individuelle optimale Leistung abzurufen. Und zwar unabhängig von den Herausforderungen.

Die psychologischen Anforderungen an den Fahrer sind hochkomplex: Unterschiedliche Rollen und Aufgaben, Akzeptanz dieser Rollen, Teamtaktik und –verhalten bzw. –leistung, Kommunikation, Verhalten in vorhersehbaren und unvorhersehbaren Rennsituationen, intuitive Entscheidungen in Sekundenbruchteilen, und so weiter. Das Ganze in einem hochdynamischen und gefährlichen Umfeld und unter höchster körperlicher Belastung. Solange sich der Fahrer aber dessen bewusst ist, was er im Renngeschehen denkt, fühlt, macht, und wie er die Kontrolle über diese Bereiche zurückerlangen kann, wenn es die Situation erfordert, wird er auch dem höchsten Druck standhalten können. Und nicht nur standhalten können, sondern aufblühen und über sich hinauswachsen!

Selbstreflexion und Selbstregulation

Das Gefühl, die Kontrolle über sich selbst zu haben ist ein wesentlicher Faktor für sportlichen Erfolg und wird von Fahrern oft in Flow-Situationen beschrieben, die sich automatisch und mühelos anfühlen. Durch die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen psychologischen Vorgängen im Vorfeld eines Rennens (oder Trainings) kann die Wahrscheinlichkeit erhöht werden, in solch einen automatischen Zustand zu gelangen. Mit zunehmender Expertise wird die psychologische Flexibilität automatisiert und geschieht danach ohne bewusste Intervention.

Die kritische Selbstreflexion ist der erste Schritt auf dem Weg zur automatischen Selbstregulation. Die folgenden Fragen können dabei helfen, die Selbstbeobachtung und -wahrnehmung zu unterstützen:

  • Verstehst du deine aktuellen psychologischen Vorgänge und bist du dir dessen bewusst, was du denkst, was du fühlst und wie du in Drucksituationen reagierst?
  • Weißt du, in welchem psychologischen Zustand du in kritischen Momenten deiner Leistung sein möchtest und verstehst du die Auslöser, die diesen Zustand stören können?
  • Kannst du deine Gedanken und Gefühle in Drucksituationen effektiv regulieren und weißt du, wie du in einen automatischen Zustand kommen (und darin bleiben) kannst?

Erfolgreiche Fahrer und ihre Verantwortung

Diese oder ähnliche Fragen sind nur der erste Einstieg in die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen psychologischen Vorgängen, denn ein Fahrer muss sich dessen bewusst sein, was er denkt, fühlt und macht, um es zu verändern. Einzelne psychologische Fähigkeiten können niemals separat vom restlichen psychologischen Zustand des Fahrers betrachtet oder entwickelt werden (dazu zählt natürlich auch die psychische Gesundheit). Erfolgreiche Fahrer übernehmen die Verantwortung für die Entwicklung ihrer psychologischen Fähigkeiten und scheuen sich nicht vor den ehrlichen und vertraulichen Gesprächen mit dem Sportpsychologen ihres Vertrauens.

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