Dr. René Paasch: Coming-out im Fußball

Homosexualität ist noch immer ein Tabuthema im Fußball. Trotz des Coming-outs von Thomas Hitzlsperger hat sich bislang kein weiterer deutscher Nationalspieler oder Topspieler aus der Bundesliga geoutet. Diesbezüglich gibt es jetzt einen Vorreiter. Der MLS-Profi Collin Martin hat sich als erster US-Fußballer während seiner aktiven Karriere öffentlich geoutet. Auf Twitter erklärte der Spieler, weshalb er den Schritt gewagt hat. Warum Homosexualität im Fußball trotz prominenter Coming-outs und zahlreicher Aktivisten immer noch ein schwieriges Thema ist und was sich geändert hat, möchte ich in diesem Blogbeitrag näher erläutern.

Zum Thema: Homosexualität im Fußball

Homosexualität im Fußball ist ein sensibles und brisantes Thema. Trotz des Coming-outs von Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hat sich bisher kein anderer Nationalspieler mehr öffentlich dazu bekannt. Der ehemalige Spieler von Aston Villa, VfB Stuttgart, Lazio Rom und VfL Wolfsburg (u.a.) ging 2014 an die Öffentlichkeit, jedoch erst nachdem er seine aktive Karriere beendet hatte und das mit größter Vorsicht und Sorgfalt. Die Entscheidung, sich öffentlich zu seiner Homosexualität zu bekennen, sei sehr persönlich und müsse akzeptiert werden. Da sind wir uns größtenteils wohl hoffentlich alle einig. Doch Akzeptanz ist nicht von allen zu erwarten. Zwar sollten Fans, Trainer und Mitspieler gleichermaßen ein offenes Umfeld schaffen und Toleranz zeigen. Doch sieht der sportliche Alltag nach wie vor anders aus. Beleidigungen, verbale Attacken im Netz oder auf dem Platz sind keine Seltenheit. So haben viele homosexuelle Fußballer immer noch Angst vor Anfeindungen und gesellschaftlicher Ächtung.

Der MLS-Profi Collin Martin ist da viel weiter. Er ist der erste US-Fußballer, der als aktiver Spieler seine Homosexualität bekannt gab. Nach seinem Coming-out erhielt der US-Fußballer breite Rückendeckung. Unter dem Hashtag #soccerforall dankten ihm andere Spieler, Vereine und Fans für seinen Mut und seine Offenheit. Großartig!

Stabiles Stigma?

Doch scheint die Umsetzung immer noch schwierig zu sein. Professor Dr. Oliver Stoll hatte sich bereits im Jahr 2014 zum Thema „Stigma Homosexualität im Fußball“ geäußert (https://www.die-sportpsychologen.de/2014/12/23/prof-dr-oliver-stoll-homosexualitaet-im-fussball/). Sein Fazit: Je mehr erfolgreiche Trainer und Sportler zu ihrer sexuellen Orientierung stehen, sich dazu bekennen und je transparenter sie ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten machen, desto stärker werde die Stigmatisierung verschwinden. Dem kann ich nur zustimmen! Doch was hat sich wirklich in den vergangenen Jahren im Profifußball getan?

Ein paar Beispiele:

  • Das Magazin Mannschaft führte im Jahr 2017 eine Befragung bei verschiedenen deutschen Bundesliga-Vereinen durch, welche Rolle Menschenrechtsfragen bei der Wahl des Trainingslagers spielen. FC Bayern München, Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt antworten darauf nicht. Weitere Clubs gaben nur allgemeingültige Antworten.
  • Der ehemalige FIFA-Präsident Joseph Blatter forderte kurz nach der Vergabe der Fußball-WM 2022 homosexuelle Fans auf, aus Respekt vor dem Gastgeberland auf Sex während der WM zu verzichten. Es hagelte Kritik! Blatter entschuldigte sich öffentlich.
  • Aber es gibt auch positive Beispiele: Der Schweizer Regisseur Marcel Gisler hat einen Kinofilm über eine schwule Liebesgeschichte im Profi-Fußball gedreht. Erzählt wird in “Mario” eine Liebe zwischen zwei U21-Fußballspielern von Young Boys Bern, die sehr unterschiedlich mit ihrer Homosexualität umgehen. Entstanden ist ein absolut sehenswerter Film, der im Oktober 2018 in die Kinos kommt und hoffentlich viel Anerkennung und Verbreitung findet.
  • Etwas älter aber ebenso empfehlenswert ist die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Doku-Reihe “Tabubruch – Der neue Weg von Homosexualität im Fußball” von Aljoscha Pause

Coming-out und Identität   

Der Grund warum Profi-Fußballer nicht offen schwul leben können, ist aus meiner Sicht eine Mischung aus den alten Denkweisen und -strukturen sowie dem Marktwert des Spielers. Fußball ist ein globales Geschäft und ein Fußballspieler, der Karriere machen will, würde seinen Marktwert dadurch gefährden. Insider bestätigen dies. Und es geht noch weiter: Ein mir bekannter Funktionär und Spielerberater berichtete mir, dass es für homosexuelle Spieler zwischen der Bundesliga und der Dritten Liga gängige Praxis sei, zur Tarnung Schein-Beziehungen mit Frauen zu führen. Diese Spielerfrauen würden zum Teil sogar von Agenturen vermittelt. In diesem Zusammenhang stellt sich mir eine Frage: Welchen Beitrag können wir alle leisten, damit diese soziale Ungerechtigkeit verbessert werden kann?

Ein wichtiger Schritt dafür ist die Berliner Erklärung: Am 17. Juli 2013 unterzeichneten eine Vielzahl hochrangiger Vertreter/innen aus Bundesministerien, (Fußball-)Sportvereinen und -verbänden sowie weiteren Institutionen, etwa die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und die Charta der Vielfalt e.V. erstmals eine gemeinsame Erklärung gegen Homophobie und für Vielfalt, Respekt und Akzeptanz im Sport. Mittlerweile haben sich zahlreiche Vereine und Institutionen aus allen Ebenen des organisierten Fußballsports angeschlossen und setzen damit Meilensteine gegen Homophobie und für Akzeptanz. Daraus entstand ein umfangreiches Angebot: Aktiv für Akzeptanz, Bildungsangebote für Vereine und Verbände sowie nachhaltige Forschung für mehr Durchblick (http://www.fussball-fuer-vielfalt.de/initiative/). Trotz aller institutionalisierten Bemühungen dürfen wir den Menschen mit seiner einzigartigen Identität aber nicht vergessen.

Identität

Für Homosexuelle hat sich vieles verbessert, das Coming-out hingegen bleibt aber nach wie vor ein langer Prozess. Von Betroffenen hört man immer wieder von negativen Reaktionen in der Familie und Freunden. Es werden dann schwachsinnige Kommentare wie „das ist nur eine Krise“ genannt. Manchmal endet dadurch eine Beziehung oder auch eine Karriere. Als homosexueller Fußballer muss man sich ständig neuen Herausforderungen stellen. Wenn man jemand neues begegnet, einen neuen Verein hat oder auch gefragt wird, muss man immer wieder entscheiden, wie viel man erzählt. Damit Akzeptanz entstehen kann, ist es unglaublich wichtig, dass die Familie, Freunde und Teamkollegen (siehe positiv Beispiel MLS-Profi Collin Martin) aktiv unterstützen.

Für den US-Psychologen Richard Ryan von der Universität von Rochester, ist das nur allzu verständlich. In seiner Studie (Legate, N; Ryan, R. M.; Weinstein, N., 2011) befragte er gemeinsam mit seinen Kolleginnen 161 Homosexuelle, die zwischen 18 und 65 Jahre alt waren. Etwa ein Drittel der Teilnehmer waren schwul, ein weiteres Drittel lesbisch, die restlichen bisexuell. Sie interessierten sich für das Coming-out und welche Erfahrungen sie hinterher gemacht haben (Arbeit, Familie, Freundeskreis, Religionsgemeinschaft). Erkenntnisse: Offenbar wirkt sich die Art der Umgebung erheblich auf die Transparenz aus. In ihrer Religionsgemeinschaft verbargen die Teilnehmer ihre sexuelle Orientierung am häufigsten, 69 Prozent behielten es für sich. In der Schule (50 Prozent) und im Job (45 Prozent) neigten die Befragten ebenfalls zur Stille. Wesentlich offener gingen sie mit ihrer Neigung im Familienkreis um, hier bekannten sich immerhin 64 Prozent. Am wohlsten fühlten sie sich mit dem Coming-Out im Freundeskreis, hier spielten 87 Prozent mit offenen Karten. Nach Ryan hat jeder Mensch drei universelle psychische Grundbedürfnisse: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt sind, neigen Homosexuelle offenbar dazu, ihre Neigung zu verbergen. Übertragend auf den Fußball: Je wohler und sicherer man sich in einem Verein/Mannschaft/Fankultur fühlt, desto eher könnte sich ein Spieler für ein Coming-Out entscheiden. Das wiederrum fördert nicht nur das körperlich Wohlbefinden, sondern auch die seelische Gesundheit.

Dr. René Paasch
Per Klick zum Profil von Dr. René Paasch: https:https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Fazit

Ich hoffe, dass die Bundesliga und die Nationalmannschaft weitere Zeichen setzen und ihre Einflussmöglichkeiten nutzen, so wie es der DFB z.B. in Zusammenarbeit mit Thomas Hitzlsperger bereits getan hat. Zeichen der Akzeptanz von Vielfalt lassen sich auf unterschiedliche Art und Weise setzen. Und was ist mit einem Coming-out? Ich empfehle schwulen Fußballern, sich zusammen zu tun und ein “Gruppen-Outing” zu machen. Dieser Schritt müsste entsprechend gut geplant sein, vielleicht sollten einige Experten aus dem PR-Bereich oder vertrauensvolle Medienleute hinzugezogen werden. Einen helfenden Beitrag können sicher auch wir Sportpsychologen leisten. Die öffentliche Last würde sich bei einer kollektiven Aktion dann auf mehrere Schultern verteilen. Der Profi-Fußball wird sich früher oder später ohnehin der Realität stellen müssen.

Mehr zum Thema:

Prof. Dr. Oliver Stoll: Stigma Homosexualität im Fußball

Literatur

Legate, N; Ryan, R. M.; Weinstein, N. (2011): Is Coming Out Always a “Good Thing”? Exploring the Relations of Autonomy Support, Outness, and Wellness for Lesbian, Gay, and Bisexual Individuals

Internet

http://www.fussball-fuer-vielfalt.de/

http://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1177/1948550611411929

Quelle

Coverfoto: Szenenbild aus dem Film “Mario”, das Bild wurde im PR-Material der Agentur Rische-PR zur Verfügung gestellt

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