Johannes Wunder: Was Basketballer von Bergsportlern lernen können

Die Basketballsaison steht vor der Tür und bald beginnen in allen deutschen Profi-Ligen die „Spiele“. Die übliche Vorbereitungszeit von etwa sechs bis acht Wochen neigt sich dem Ende zu. Zeit, nochmal alles aus den Spielern herauszuholen, um „on-point“ in die Saison zu starten. Viele Trainer denken hierbei an erneutes Wurftraining, weitere Einheiten mit taktischen und technischen Schwerpunkten. Was häufig wenig Beachtung findet, sind mentale Hilfestellungen für die Sportler, damit nicht nur der Körper auf dem Punkt fit ist, sondern auch das Köpfchen mitspielt.

Zum Thema: Sportpsychologische Methoden für den Teamsport

Johannes Wunder
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“Gut zwei Drittel aller Sportler sind nicht in der Lage, ihre Top-Leistung dann abzurufen, wenn es darauf ankommt.” So beschreibt mein Kollege Oliver Stoll (zur Profilseite) in einem Interview mit dem BR seine Erfahrungen (https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/sportpsychologie-was-bringt-mentales-training/799739). Auch im Teamsport und natürlich im Basketball ist diese Problematik ein leidiges Thema. Immer wieder ist zu beobachten, dass ein Team erst im zweiten Viertel ins Spiel findet oder gar erst nach der Halbzeitpause. Ab und an wird im Anschluss davon gesprochen, dass die Gegner das Team überrollt haben.

Was können Ursachen im Teamsport sein, dass die Mannschaft nicht „on-point“ fertig ist?

Zu Beginn ist es wichtig, zu differenzieren, dass ein Team aus mehreren Individuen besteht, welche im Idealfall ein gemeinsames Ziel verfolgen. Für den Trainer bedeutet dies aber nicht nur, ein Team zu formen, sondern auch, dass man auf zwei Ebenen methodisch arbeiten kann, Leistungen punktgenau abzurufen – individuell und über das Kollektiv.

Die Möglichkeiten, ein Kollektiv so vorzubereiten, dass die Leistung ab dem Sprungball abgerufen werden kann, sind natürlich begrenzt. Abgesehen vom taktischen und technischen „Fahrplan“, gibt es dennoch Punkte, die auch ein Trainer steuern kann:

  • Wann trifft sich das Team vor dem Spiel in der Halle?
  • Wie viel Zeit bleibt bis zum gemeinsamen Warm-Up?
  • Wie lange und vor allem wie intensiv wird das Warm-Up gestaltet?
  • Wann gibt es die obligatorische Kabinenansprache?

Vorhandene Grenzen

Diese Liste kann mit Sicherheit beliebig ergänzt werden, gibt aber bereits einen Einblick, worauf auch ein Trainer zugreifen kann, um das Abrufen von Leistung steuern zu können. Aber Vorsicht: Nur bedeutet ein frühzeitiges Ankommen an der Halle nicht unbedingt, dass die Spieler die Zeit nutzen, um sich körperlich und mental auf den bevorstehenden Wettkampf vorzubereiten. Und auch ein noch so strukturiertes Warm-Up, bei dem auf Belastungsspitzen oder den Abfall der Konzentration eingegangen wird – sei es mit entsprechenden Übungen beziehungsweise Drills oder eben einer Abstimmung der Belastungsdynamik mit der Kabinenansprache – haben immer entsprechende Grenzen.

Natürlich kann auch der Trainer durch ein fokussiertes Auftreten und eigene Abläufe seine Spieler dazu bringen, ihm zu „folgen“. Die Wichtigkeit des Wettkampfes kann so herausgehoben werden – auch während der Trainingswoche. Leadership gilt in diesem Zusammenhang nicht nur für die Top-Spieler, sondern vor allem für den Trainer.

Fokus auf Routinen

Nur bleiben bei all den Werkzeugen des Trainerstabs noch viele Fragen offen. Für mich ist eine davon essentiell: Haben die Spieler Zeit für ihre eigenen Routinen? Und noch wichtiger: Haben die Spieler überhaupt eigene Routinen?

Routinen sind eine Möglichkeit, sich auf den Wettkampf oder einzelne Ereignisse vorzubereiten. Jeder Basketballspieler kennt es und kann es im Schlaf ausführen: Den Freiwurf. Doch so gut Routinen beim Freiwurf helfen, es bleibt bei vielen Spielern auch bei eben dieser Routine. Andere Sportarten, wie Klettern oder auch Tennis, zeigen uns hierbei, wie es gehen könnte. Denkbare Basketball-Routinen könnten im individuellen Warm-Up eingebaut werden. Eine Abfolge von individuellen Übungen, die helfen, die eigene Komfortzone zu erreichen (z.B. Wurf) oder individuelle Dehn- oder Mobilisierungsübungen, um das Körpergefühl zu verbessern. Auch Routinen zur Wahrnehmung (Koordination, Reaktion) sind durchaus sinnvoll und es bietet sich an, diese in seine eigene Routine einzubauen.

Visualisierungen mit Anwendungsbeispielen

Ein großes Feld in der Sportpsychologie ist zudem das Thema Visualisierung. Beim Klettern sieht man sie regelmäßig. Athleten mit ausgestreckten Armen über dem Kopf hangeln sich mental durch die bevorstehende Route. Auch der Skifahrer Hermann Maier hat während seiner aktiven Karriere mit Visualisierungstechniken auf sich aufmerksam gemacht. Die Visualisierung könnte bei Basketballern damit beginnen, den Warm-Up-Prozess mental durchzuspielen, so dass am Ende der Zeit ein optimaler Zustand erreicht wurde, welcher von Beginn an Top-Leistung abrufen lässt.

Zum Beispiel: „Der Sprungball wird gewonnen und das Momentum ist sofort beim eigenen Team.“ Zudem wäre es möglich, dass technische Bewegungsabläufe durchgegangen werden, zum Beispiel Post-Up-Bewegungen bei Centerspielern oder Pick-and-Roll Varianten bei Aufbauspielern. Das alles kann je nach Bedarf noch mit den Anweisungen des Trainers während der Gegneranalyse abgeglichen werden, zum Beispiel mit den zu erwartenden Verteidigungsvarianten. Eine weitere Möglichkeit bietet sich bei besonderen Aufgaben. Jeder Spieler auf Profi-Niveau kennt seine unmittelbaren Gegenspieler und deren Spielerprofil. Auch die Charakteristik von guten Schützen oder schnellen Offensivspielern lässt sich gut in einer Visualisierung einbauen – der Sportler spielt gedanklich mehrere Aktionen durch, in der er den starken Offensivspieler am Zug zum Korb hindert.

Let the music play

Zu guter Letzt bietet auch die Musik eine Reihe von Möglichkeiten, seinen Kopf auf die bevorstehende Aufgabe vorzubereiten. Viele Athleten haben eigene Playlists vor dem Wettkampf, welche sie in „Stimmung“ bringen soll. Dies können sich auch Basketballspieler zu nutzen machen, einige Athleten sieht man hierbei bereits.

Abschließend bleibt noch zu sagen, dass es nicht nur darum geht, Techniken anzuwenden, sondern vielmehr die, die individuell am geeignetsten sind. Dafür ist es notwendig, dass die Spieler sich selbst, Stärken und Schwächen kennen. Zudem müssen die Spieler bei vielen Techniken in der Lage sein, achtsam den Ist-Zustand zu registrieren, um diesen mit dem Optimal-Zustand abgleichen zu können. Hierfür helfen Techniken aus dem Entspannungs- oder Achtsamkeitstraining beziehungsweise der Meditation.

Eigene Erfahrung

Mal am Rande: Bereits in einem vorherigen Artikel habe ich über Sportpsychologie im Wettkampfklettern geschrieben, insbesondere über die Spitzensportlerin Alma Bestvater. Nachdem einige Wochen ins Land gegangen sind, habe ich auch selbst die erwähnten Techniken beim Klettern oder Bouldern angewandt. Und es funktionierte hervorragend. Was ich damit sagen will? Basketballer können durchaus auch etwas von Bergsportlern lernen. Und: Individuelle Technikanwendungen aus der Sportpsychologie haben durchaus das Zeug, das Teamergebnis begünstigen.  

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