Prof. Dr. Oliver Stoll: Krisenmonat Juni (Streakrunning-Serie, Teil 7)

Es waren 243,4 Kilometer im Juni meines geplanten „Streakrunning-Jahres 2018“. Nur im Januar bin ich noch weniger gelaufen. Das deutet schon mal an, wie es mir im Juni so ergangen ist. 1564 Kilometer sind es mittlerweile in diesem Jahr. Das werden dann wohl sicher über 3000 Kilometer bis Jahresende (wenn ich denn mein Pensum durchziehen kann). Die vielleicht wichtigste und schönste Nachricht ist wohl, dass ich mittlerweile seit 182 Tagen – täglich laufe. Das ist exakt ein halbes Jahr!

Zum Thema: Streakrunning-Serie, Teil 7

Abbildung: Screenshot aus RUNALYZE. Die wichtigste Information steht wohl genau in der Mitte

Der Juni war der bisher schwierigste Monat für mich. Als Läufer (auch wenn man nicht streakt), stellt man sich manchmal die „Sinnfrage“ – also „Warum mache ich das überhaupt?“ Während des halben Jahres ist mir das bis Juni eigentlich nur ein einziges Mal passiert. Und die Antwort habe ich schnell gefunden. Es war eben eine kleine Sinnkrise, die sich nach so ca. 5 Kilometern Laufen automatisch wieder verzogen hatte. Im Juni allein habe ich mich das vier bis fünf Mal gefragt. Oftmals bin ich einfach nur lustlos vor mich hin gejoggt, habe meine Gedanken mit Musik aus dem Ipod vertrieben und den Fokus dann nur meine Lieblingssongs gerichtet. Am 12. Juni hat mir Frauke den Streak gerettet, als ich früh morgens so gegen 6 Uhr schon nach Halle zur Arbeit gefahren bin und erst so gegen 21 Uhr wieder zurück war. Da saß ich schließlich total erschöpft mit ihr auf dem Balkon und sie fragte mich, ob ich denn schon gelaufen sei, was ich verneinte. An diesem Tag hatte ich nicht einmal die notwendigen 20 Minuten gefunden, um wenigstens diese eine Meile zu laufen. Also saßen wir da, und Sie fragte mich, was den mit dem Streak sei, und ich zuckte nur mit den Schultern. Darauf sagte Sie: „Komm zieh dir die Laufklamotten an, wir laufen jetzt noch eine kleine Runde“.

Es war aber eben auch der Monat eines ziemlich emotionalen Ereignisses, nämlich die Rückkehr zum Ort, an dem ich mir 2014 einen läuferischen Lebenstraum erfüllt habe, nämlich die 100 Kilometer von Biel zu laufen. Es war dann auch der erhoffte, emotionale Lauf. Da ich ja nicht die 100, sondern nur die 56 Kilometer gelaufen bin, war ich im Vorfeld recht zuversichtlich, dass das zu machen ist, ohne mir mein Erlebnis aus dem Jahr 2014 mit einem Misserfolg zu zerstören. Hingefahren bin ich allein, weil Frauke an diesem Freitag noch lange arbeiten musste. Das heißt auch, dass ich die Vorbereitung bis zum Start um 22 Uhr allein umsetzen musste – da war keine soziale Unterstützung, die den möglicherweise aufkeimenden Stress abpuffern konnte. Aber das war gar kein Problem. Das Umfeld war mir ja bekannt, ich wurde sogar persönlich von der Organisation begrüßt, die ja das Buch von Frauke und mir „Einmal war ich in Biel“ für die Siegerehrung der Top 3 jeder Altersklasse bekommen sollten. Die Bücher hatte ich ja mitgebracht. Ich war sehr gelassen und positiv aufgeregt bis zum Start. Und wieder spürte ich diesen „energiegeladenen Startkanal“, die positive Kraft eines jeden und einer jeder, die diese Nacht unter die Füße nehmen wollten. Frauke hatte mir dieses Jahr wieder eine kleine „Überraschung“ vorbereitet. Ich hatte zehn kleine Zettel dabei, auf jedem eine kleine kognitive Aufgabe, die ich alle fünf Kilometer lösen musste. Es war anders als 2014, kein Vollmond, kein sternenklarer Himmel, sondern bewölkt und immer kamen kleine Regenschauer durch, was uns aber nicht störte, denn es war relativ warm. Und dann ging es los. Viele Erinnerungen poppten vor meinem inneren Auge auf. Und es war ein einziger Genuss, dieser Lauf durch die Nacht. Am emotionalsten war dann auch wieder der Punkt, an dem sich „ganz plötzlich wieder alles zu verändern begann“ – die Nacht ging und der neue Tag kam. Und wieder rollten mit Tränen über die Wangen. Und da war es dann schon ziemlich nah bis zum Ziel, denn es war so ca. 4 Uhr und gegen 5 Uhr war ich dann auch im Ziel in Kirchberg, wo mich Frauke erwartete und mich in ihre Arme schließen konnte. Und der Tag „danach“ – Ja, der war natürlich schmerzhaft, aber bei weitem nicht so schlimm, wie ich erwartet hätte. Ich musste auch hier nicht einmal das Minimum – „also nur die 1 Meile-Karte“ ziehen, sondern es waren dann sogar 2,5 Kilometer. Vielleicht auch deshalb, weil ich es schon Vorfeld akzeptiert hatte und das eben genau diese Situation zum Streakrunning dazugehört, vor allen Dingen, wenn man den Spagat Täglichlaufen und Wettkämpfe laufen hinkriegen will. Ich habe diesen Lauf nach Biel stoisch und geduldig ertragen – vielleicht sogar mit einer insgeheimen Dosis „Genugtuung“.

Abbildung: Freude und Genuss pur beim Ultramarathon in Biel

Diese Läufe mit Startnummer…

Am letzten Tag diesen Monats war aber erneut ein Lauf „mit Startnummer“ auf der Tagesordnung. Der Sachsentrail, ein wirklich sehr schöner und erlebnisreicher Landschaftslauf durch die Gegend um Breitenbrunn im Erzgebirge. Gemeldet hatte ich für die 19 Kilometer mit ca. 500 positive Höhenmeter. Diesen Lauf kenne ich gut. Seit es diesen Lauf gibt (also seit 2014) war ich immer mit dabei und alleine viermal von fünf Veranstaltungen auf dieser 19 Kilometer-Distanz. Also – alles in allem kein großes Problem, alles bekannt – die Strecke, das Profil, die Umgebung, super Wetter – eben alles eine Angelegenheit, auf die man sich nur freuen kann. So ging ich auch an den Start. Ich war sehr entspannt und gelassen, als es los ging. Die ersten sechs Kilometer sind traumhafte Downhill-Singletrails, auf denen man sich zwar stark konzentrieren muss, aber ansonsten ein einziges „Runtergeballere“ – voll geil! Bis KM zwölf war auch noch alles im grünen Bereich, aber danach hat es mir komplett „den Stecker gezogen“. In den folgenden Anstiegen hatte ich mit heftigen Kreislaufproblemen zu kämpfen, musste teilweise stehen bleiben und wandern, um halbwegs vernünftig weiter zu kommen. Diese sieben Kilometer waren eine einzige Qual. Im Ziel waren es dann 2 Stunden und 25 Minuten. Eine Strecke, die ich ansonsten leicht zehn Minuten schneller laufen kann.

Natürlich beschäftigt mich das alles im Nachhinein. Das emotionale Auf und Ab, rund um das Laufen. Die relativ vielen motivationalen Krisen in diesem Monat. Irgendwas war anders im Monat Juni. Der schöne Sommermonat Juni, an dem es hell ist, bis 22 Uhr und der dich mit Wärme und eine blühenden Natur verwöhnt war ein schwieriger für das Vorhaben: „Ein Jahr Streakrunning“. Vielleicht aber fordert auch die Arbeitsbelastung gerade seinen Tribut, wobei ich das Laufen immer als hervorragenden Ausgleich empfunden habe. Vielleicht ist es aber auch das Dilemma, indem ich mich schon seit Anfang an befinde: Wettkämpfe zu laufen bedeutet sich eben immer wieder einer leistungsbezogenen Herausforderung zu stellen. Es bedeutet eben, sich immer wieder einem inter- und intraindividuellen Vergleich zu unterwerfen. Es geht dann eben immer entweder gegen „Gegner“ oder gegen eine individuelle, leistungsbezogene Verbesserung der Zeit im ZIel. Man könnte ja jetzt empfehlen, die Wettkämpfe einfach so mitzulaufen, ohne ein Leistungsziel. Aber das eben – konterkariert das Wesen eines „Wettkampfes“. Es ist eben ein Unterschied, ob ich mich einem Wettkampf stelle, oder ob ich eben einfach nur raus gehe, und schaue, wie weit und wie lange mich der „Impuls“ treibt – ob eine, zwei oder fünf Stunden – ob 1 Meile, 5, 10 oder 40 Kilometer weit. Und bis heute kämpfe ich diesen Entscheidungskampf, den ich irgendwann einmal für mich persönlich beenden werden muss. Der Juli hat schon begonnen, und ich laufe….weiter….

 

Die komplette Serie:

Prof. Dr. Oliver Stoll: Streakrunning ist „Mentales Training“ (Streakrunning-Serie, Teil 1)

Prof. Dr. Oliver Stoll: Grenzenlose Gelassenheit (Streakrunning-Serie, Teil 2)

Prof. Dr. Oliver Stoll: Die Sinne schärfen sich (Streakrunning-Serie, Teil 3)

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gefangen zwischen Leistungsorientierung und Bauchgefühl (Streakrunning-Serie, Teil 4)

Prof. Dr. Oliver Stoll: April – der Monat, in dem sich alles verändert… (Streakrunning-Serie, Teil 5)

Prof. Dr. Oliver Stoll: Laufen im Mai – Von Hitze, viel Grübeln und mit allen Sinnen genießen (Streakrunning-Serie, Teil 6)

 

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