Jojo Joyner – Mein Warum (#warum fragen wir nicht einfach die besten – Episode 8)

Sportarten: American Football, Fußball, Basketball, Handball, Baseball

Jojo Joyner stand bis zuletzt vor einer riesigen Entscheidung. Im Herbst war er mit den Schwäbisch Hall Unicorns deutscher Meister geworden. Er hatte sich den so großen Traum erfüllt, stellte sich nun aber die Frage, ob er am Höhepunkt seiner aktiven Karriere nun noch weiterspielen oder als Trainer an die Sideline wechseln soll? Viele unserer Gespräche behandelten dieses nicht zuletzt klassisch sportpsychologische Thema und die Fragen, die sich damit verbinden.

Da ist die Sache mit der Identität, die sich Jojo als Spieler aufgebaut hat. Aber was für eine Art von Trainerpersönlichkeit möchte er eigentlich werden? Was ist sein Warum?

Doch er wusste noch keine Antwort auf diese Frage. Dachte er, bis er mir eine sehr traurige Geschichte aus seinem Leben offenbarte. Eine Geschichte, die sein Leben verändert hat und die er in diesem Text erzählt.

In der Aufarbeitung dieser Geschichte kam ich zu der Überzeugung, dass ich ihm einen Rat geben kann. Ich sagte ihm: “Alles, was du brauchst, ist LÄNGST in dir!”

Jojo Joyners besonderer Gruß (Bild: Sven Grundner)

Dear Monica,

Als ich viereinhalb Jahre alt war, kam mir alles vor wie in einem schrecklichen Hollywoodfilm…

An diesem Tag habe ich mir geschworen, dass ich dich stolz machen würde… Ich wusste, würde ich diesen so furchtbaren Tag überstehen, würde es niemanden geben, der mir sagt, ich könne etwas nicht…

Ich war ein Kind der Liebe! Einer großen Liebe zwischen meinem Dad und meiner Mom. Mein Vater, als Amerikaner stationiert in einer Base des US Militärs. Footballspieler in der GFL bei den Munich Cowboys.

Das Leben in Verbindung mit dem American Football wurde mir also quasi in die Wiege gelegt. Als ich in der 1. Klasse die Aufgabe bekam, meinen späteren Berufswunsch zu malen, da malte ich mich als Footballspieler im selben Trikot, welches mein Vater auch trug. Damals war dieser Sport in Deutschland noch kaum bekannt. Aber mit zehn Jahren erlebte ich meinen ersten German Bowl mit. An diesem Tag war mir klar, dass ich selbst als Spieler auch einmal in meinem Leben diesen so besonderen Moment miterleben möchte.

Der stolzeste Vater an der Sideline

Als ich dann meinem Dad irgendwann sagte, ich würde zum Tackle-Football gehen, verbot er es mir zunächst aus Angst, ich könnte mich so schwer verletzten, wie er es einmal tat. Aber ich tat es trotzdem und bei meinem ersten Spiel war er der stolzeste Vater an der Sideline.

Als ich ca. acht Jahre alt war, hat mein Vater wieder geheiratet und meine Schwester ist geboren worden. Als ich 15 Jahre alt war, haben sich die beiden getrennt und wir zogen zurück nach Amerika.

Football war das Zuhause

Ich habe mich so fremd gefühlt. Lediglich Football hat sich für mich immer wie Zuhause angefühlt, ganz egal, wo ich gelebt habe. Auch dort. Damals war ich nicht wirklich begeistert von dieser Entscheidung. Wieder musste ich von vorne beginnen. Neue Freunde, eine neue Schule, neue Regeln und eine neue Umgebung. Ich erinnere mich so gut an meinen ersten Schultag an der Highschool. In der Mittagspause saß ich völlig alleine an einem der vielen Tische. Aber ich konnte Football spielen, also ging ich zum Highschool-Team. In meinem ersten Training warf ich einen 40 yard-Pass. So durfte ich ab diesem Zeitpunkt sofort im Team der Varsity mitspielen. Dort bekam ich auch zum ersten Mal einen richtig harten Tackle vom Starting Cornerback, quasi ein kleiner Willkommensgruß – und ja, es tat höllisch weh.

In dem Moment habe ich mich zum ersten und einzigen Mal gefragt, ob ich das überhaupt möchte. Aber da war dieser Satz in meinem Kopf… und er wurde immer lauter…

There`s no quit!!

Wenn ich recht überlege, war dieser Satz schon immer in meinem Kopf. Im völlig anderen Zusammenhang ist er geboren. In einem Moment, als ich keine andere Wahl hatte. Und es ist der Satz, der mich seitdem durch mein ganzes Leben begleitet. Ganz besonders in Bezug auf Football war es aber etwas, was mich immer stark gemacht hat.

Also schwor ich mir, immer besser zu werden und so trainierte ich im darauffolgenden Sommer wie ein Verrückter an jedem einzelnen Tag. Im anschließenden letzten Highschool-Jahr spielte ich abwechselnd QB oder WR und bekam sogar am Ende des Jahres eine Auszeichnung als „Player of the year“. Das sogar als QB, was ja immer nur meine zweite Position war, denn im Herzen war ich immer durch und durch ein WR.

College-Rekorde

Von da aus ging mein Weg weiter ans College. Leider erlitt ich direkt in meinem ersten Jahr eine Verletzung und brach mir den Arm. Ein ganzes Jahr musste ich aussetzen. Aber mein Fokus war immer stark. In meinem Comeback-Jahr startete ich in 39 von 40 Spielen. In den darauffolgenden vier Jahren war ich bis auf ein Spiel Starter und noch immer halte ich in fast allen Kategorien eines WR die Rekorde für dieses College.

Es folgte ein Jahr, in dem ich mich entschied, meinen beruflichen Weg ein wenig voranzutreiben. Aber ich vermisste dieses Spiel so sehr. Damals schrieb mir ein alter Freund, ob ich nicht Lust hätte, nach Deutschland zurück zu kommen und mit ihm für seinen Verein die „Franken Knights“ zu spielen? 2010 bin ich dann dieser Bitte gefolgt und begann dort in der GFL 2 zu spielen. Wir verloren nur drei Spiele in der gesamten Saison, aber wir stiegen trotzdem nicht auf. Das war ziemlich bitter, dennoch war es eine super Zeit. Nach der Saison ging es dann zurück in die USA nach Hause, um im nächsten Jahr wieder in Deutschland für die Knights zu spielen. Dieses Jahr haben wir dann total gerockt, nur ein Spiel verloren und sind direkt in die GFL aufgestiegen. Drei Jahre noch habe ich für die Knights weitergespielt und hatte dort eine irre tolle Zeit mit vielen Höhen und Tiefen.

Europameistertitel und Weichenstellung

In dieser Zeit wurde ich auch Teil der deutschen Nationalmannschaft und mit dem Team Europameister. Dort habe ich schon viele meiner zukünftigen Teamkollegen der Schwäbisch Hall Unicorns kennengelernt.

Trotz aller Tiefen bei den Knights wollte ich sie nicht im Stich lassen. Als wir aber in meiner letzten Saison abgestiegen sind, war für mich klar, dass dieser Weg hier zu Ende ist. Zu dieser Zeit war ich nicht sicher, ob ich nicht sogar ganz mit dem Football aufhören würde. Im vorletzten Jahr bei den Knights nämlich ist meine kleine Tochter geboren worden und ich wünschte mir, mehr Zeit mit ihr verbringen zu können. Wenn ich allerdings weiter spielen wollen würde, war mir eines klar: Würde ich den Verein wechseln, wollte ich niemals gegen mein „altes“ Team spielen. Und so wechselte ich in die GFL zu den Schwäbisch Hall Unicorns. Schon einige Jahre vorher hatte Head Coach Jordan Neumann gesagt, wie sehr er sich über meinen Wechsel freuen würde.

Stolzer Moment: Meisterfeier mit Tochter (Bild: Manfred Loeffler)

Von wegen Karriereausklang

An mein erstes Training dort erinnere ich mich gerne. Alle empfingen mich mit offenen Armen, alles war extrem professionell und das gesamte Programm vor Ort gefiel mir sehr gut. Wenn ich ehrlich bin, bin ich damals nur dorthin gegangen, um meine „Karriere“ langsam zu beenden und vielleicht etwas von meinem bisherigen Wissen weitergeben zu können. Aber plötzlich war ich Starter und in meiner ersten Saison kamen wir mit viel Arbeit und Schweiß ins Finale, den „German Bowl“.

Dann folgte die vergangene und meine letzte Saison, in der wir als undefeated Team eine Perfect-Season geschafft haben und am Ende im letzten Jahr dann zur Krönung den German Bowl gegen die Braunschweig Lions gewannen. Dieses Gefühl war unbeschreiblich. Das war alles, für was ich immer gearbeitet habe. Mein ganzes Leben als Footballspieler habe ich auf diesen Moment gewartet. Und jeder Druck und jede Anspannung fiel von mir ab. Alle Dinge, auf die ich verzichtet hatte, für jedes noch so harte Training, für all die Zeit und all die Entbehrungen… ist dieser eine Moment. Auf einmal hat sich alles gelohnt und alles hat einen Sinn.

Schwere Entscheidung

Nach diesem Moment habe ich mich viele Wochen und Monate gefragt, ob ich noch weiter spielen wollte oder, ob ich an die Sideline wechseln wollte? Und ich habe mich entschieden, für die Unicorns der WR Coach zu sein.

Ich bin irre gespannt, wie es plötzlich sein wird, dass all die Rituale, die ich seit so vielen Jahren an einem Spieltag habe, sich doch ändern müssen und werden. Wie so ein Spieltag doch anders ist, aus einer völlig neuen Perspektive heraus. Und es wird viele Dinge geben, die ich extrem vermissen werde. Allerdings bin ich auch sehr zufrieden mit meiner neuen Position und freu mich auf all die neuen spannenden Momente und Erfahrungen, die mich in Zukunft erwarten werden.

Jojo Joyners Ritual (Bild: Name des Fotografen folgt)

Der Gruß in den Himmel

Eines aber werde ich am meisten vermissen! Meine Zeit mit dir! Seit ich denken kann, beginnt bei mir jedes Footballspiel damit, dass ich in die Endzone laufe, dort auf die Knie gehe und mit dir spreche „I´m back again – ich habe die wundervolle Möglichkeit heute den Sport meines Lebens spielen zu dürfen. Bitte beschütze mich und meine Brüder.“ Und auch nach jedem Touchdown gehen meine Hände hoch zu dir und ich danke dir…

…Als ich viereinhalb Jahre alt war, kam mir alles vor, wie in einem schrecklichen Hollywoodfilm.

Mein Dad war die ganze Woche auf Geschäftsreise. Während mein kleiner Bruder und ich mittags in unseren Zimmern schliefen, wurde im gleichen Haus, nur eine Etage darunter, meine Mom Monica kaltblütig ermordet.

Dear Mom,
Du bist mein Warum! Mein Grund warum ich nie aufgeben habe, warum ich immer daran geglaubt habe, dass es nach all dem Dunkel auch wieder Licht in mein Leben gehört. Du und meine Tochter Mia seid der Grund, warum ich jeden Tag versuche, ein besserer Mensch zu sein.
Ein besserer WR und nun ein besserer Coach!

 

 

All ihr fantastischen Coaches, ihr WR, ihr deutschen Meister, was ist eigentlich euer Warum?

 

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