Konfrontiert mit der Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) entschied sich unsere Tochter Catia für einen offensiven und öffentlichen Weg im Umgang mit ihrer Neurodivergenz. Ihr erstes Interview mit einer regionalen Schweizer Tageszeitung Anfang 2024 fand schnell nationale Beachtung. Seither haben die NZZ, FAZ, Stern.de, das ZDF und das Schweizer Fernsehen (SRF) ihre Story aufgegriffen. Besonders informative und kreative Ansätze im Umgang mit ADHS liefert dabei die ZDF-Doku „RE:TURN: ADHS als Gamechanger“ (Link siehe unten).
Mehr zum Thema: Umgang mit ADHS aus Elternperspektive
Sind junge Sportler:innen mit einer ADHS-Diagnose konfrontiert, ist das private und sportliche Umfeld sogleich mit involviert. Eltern, Trainer:innen und die Peers sind herausgefordert und müssen einen passenden Umgang mit den Betroffenen lernen. Auch die ZDF-Journalist:innen haben die Diskussion mit uns Eltern gesucht, verständlicherweise finden unsere Erläuterungen nur am Rande Erwähnung. Trotzdem -oder wie im (Nachwuchs-)Leistungssport häufig beschrieben – gilt auch hier: ohne Eltern geht es nicht.
ADHS-Facts: Bewegung und Sport wirken positiv auf die Neurodivergenz
Für ADHS sind drei Hauptsymptome charakteristisch: Hyperaktivität (übersteigerter Bewegungsdrang), Unaufmerksamkeit (gestörte Konzentrationsfähigkeit) und Impulsivität (unüberlegtes Handeln). Gemäss Bundesministerium für Gesundheit (D) zählt ADHS zu den häufigsten psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Metaanalysen berichten von einer ADHS-Prävalenz im Kindes- und Jugendalter von 5.3% bis 7.2%, wobei im Leistungssport von einer etwas höheren Verbreitung ausgegangen wird.
Berg & Claussen (2020) vermuten einen sportbezogenen Vorteil: «Der vielleicht naheliegendste Grund hierfür ist der inhärent erhöhte Bewegungsdrang bei Personen mit ADHS, der dazu führen kann, dass Betroffene vermehrt sportlich aktiv sind. Eine über längere Zeit ausgeübte sportliche Aktivität kann die ADHS-Kernsymptomatik von ADHS, ebenso wie den Schweregrad der Komorbiditäten, reduzieren.» Üblicherweise erfolgt eine multimodale Therapie bestehend aus Psychoedukation, Verhaltenstherapie und medikamentöser Behandlung, häufig ergänzt durch Elternschulung und Familientherapie.
Die persönliche Überforderung als Vater…
Meine Selbsterkenntnis mag lapidar klingen: Ich bin kein Experte im Umgang mit ADHS. Als angewandt tätiger Sportpsychologe bringe ich u.a. ein breiteres Wissen in klinischer Psychologie mit, trotzdem kam ich in der Rolle eines betroffenen Vaters auch an Grenzen meiner Beanspruchungsfähigkeit («Resilienz»), meines Verständnisses und meiner Geduld. Catias «Chaos im Kopf» manifestiert sich mitunter in emotionalen Ausbrüchen, Wutanfällen und selbstdestruktiven Verhaltensweisen, die mich an den Rand der Überforderung brachten. Ich merkte, dass auch wir Eltern dringend auf Unterstützung, Austausch und zwischenmenschlichen Halt angewiesen sind.
Andererseits komme ich nicht umhin, meinen Wissensstand zu schärfen, mich im Kontakt mit anderen betroffenen Eltern und Trainer:innen zu engagieren und meine Haltungen und Handlungen im Rahmen von Supervisions- und Interventionsangeboten zu reflektieren. Besonders hilfreich dazu waren Teilnahmen an psychoedukativen Ausbildungsseminaren sowie die Lektüre sportbezogener Fachliteratur – hier verweise ich gerne auf den Blog meiner Kollegin Cristina Baldasarre (siehe mehr zum Thema), die in ihrer psychotherapeutischen Praxis häufig in Kontakt mit Sportler:innen mit ADHS-Diagnose steht.
… und was mich Catias Medienarbeit lehrt
Catia feiert im kommenden August ihren 25. Geburtstag. Sie ist erwachsen und geht motiviert und selbstbewusst ihren Lebensweg. In unserer «Familienkonferenz» haben wir mit ihr diskutiert, ob und wie sie ihren Umgang mit der Neurodivergenz auch öffentlich thematisieren will. Sie hat sich schliesslich dafür entschieden, sich zu «outen» und in den Medien Stellung zu nehmen: authentisch, selbstkritisch und beispielhaft. Ihre Beweggründe sowie «dos und dont’s» im medialen Diskussionsrahmen beschreibt sie in einer Stellungnahme für die-sportpsychologen.de folgendermassen:
Meine grundsätzlichen Überzeugungen
Die öffentliche Diskussion, die Catia mit ihrer Präsenz auslöst, spüre ich auch, wenn ich in Vereinen und Verbänden Referate zum Thema «Elterncoaching» halte. Sehr häufig werde ich auf meine Erfahrungen mit ADHS angesprochen und um eine Stellungnahme aus Sicht des Vaters gebeten. An Catias Beispiel leite ich ab, welche grundsätzlichen Überzeugungen ich vertrete.
– Eltern von jungen Sportlerinnen mit ADHS sollten den Sport primär als wertvolles Instrument zur Stärkung des Selbstwertgefühls, des Selbstbewusstseins, der Konzentration (kognitive Fähigkeiten) und der sozialen Kompetenzen begreifen. Verstärktes Elterncoaching im Rahmen der ADHS-Thematik begrüsse ich sehr!
– Mein persönlicher («passender») Umgang mit unserer Tochter erforderte stets eine Mischung aus Geduld, Zuversicht, Zugewandtheit, kommunikativer Skills, Leidensfähigkeit, Präsenz – und auch das Aushalten von Distanz. Wenn ich von Catia weiss (und lese), dass sie sich bei uns jederzeit willkommen fühlt und sich unserer Unterstützung gewiss ist, fühle ich mich in meiner Rolle als Vater bestätigt.
– Ein positiver, mutiger und engagierter Umgang mit ADHS kann und darf nicht über die mitunter leidgeprägten und desaströsen Schattenseiten hinwegtäuschen, mit welchen heranwachende Menschen aufgrund ihrer Neurodivergenz konfrontiert sind. Ein effekthascherischer, simplifizierender und unsensibler Umgang mit dieser Thematik erweist insbesondere jungen Sportlerinnen einen Bärendienst. Wenn TV-Star Heidi Klum die Metapher ihrer «ADHS-Superpower» medienwirksam zelebriert, die sie tausend Dinge gleichzeitig erledigen lässt, bleibt vielen von ADHS betroffenen Jugendlichen und deren Familien nur ein ungläubiges Staunen – und Wut darüber, eben nicht über diese Superpower zu verfügen! Selbstverständnis und Haltung der Sportpsychologie im Umgang mit ADHS definiere ich – wie oben ausgeführt – ganz anders!
Und: Der Referent:innen-Pool von www.die-sportspychologen.de (zur Übersicht) bietet auch in diesem Themenbereich umfassende Expertise an und steht Interessent:innen bei Anliegen und Fragen gerne zur Verfügung.
«Wie aus Schwäche Stärke wird.»
Die Überschrift zum tiefgründigen ZDF-Beitrag könnte Catias Überzeugung entsprungen sein: Die Dokumentation erzählt inspirierende Geschichten junger Menschen, die in Krisen neue Wege einschlagen. Auch für junge Sportler:innen steckt die neurologische Besonderheit voller Kreativität, Energie und neuer Perspektiven. Hintergründe und Motive für ihr mediales Coming-out schildert uns Catia in der Doku gleich selbst 🡪 Video: RE:TURN: ADHS als Gamechanger
Weitere Veröffentlichungen:
Anmerkung: Die Beiträge befinden sich hinter einer Paywall – auf Anfrage (h.gubelmann@die-sportpsychologen.ch) sind diese beim Autor erhältlich.

ZDF Doku: „RE:TURN: ADHS als Gamechanger“


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Literatur:
Leithäuser, R. & Beneke, R. (2013). Sport bei ADHS – Plan für Desaster oder verschenkte Ressource? Dtsch Z Sportmed. 64: 287-292.doi:10.5960/dzsm.2013.096
Berg, X, & Claussen, M.C. (2020). Sportpsychiatrie und -psychotherapie. ADHS im Leistungssport. DNP – Der Neurologe & Psychiater; 21 (5): 37-42.
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