Wolfgang Seidl: Weshalb Sinner und Alcaraz nicht nur Vorbilder für den Nachwuchs sind

Es ist selten, dass eine Generation gleich zwei Spieler hervorbringt, die das Tempo einer ganzen Sportart neu definieren. Jannik Sinner und Carlos Alcaraz tun genau das. Beide sind jung, explosiv, komplett und haben ein mental-taktisches Selbstverständnis, das für viele Spieler wie aus einer anderen Welt wirkt. Wer aktuell in den Top 50 spielt, spürt diese Verschiebung deutlich. Die Messlatte wurde nicht nur höher gelegt, sondern verschoben. Doch was bedeutet das für all jene, die Woche für Woche gegen diese Dominanz anspielen, im Wissen, dass sie vielleicht nie ganz oben ankommen werden? Und was bedeutet das für junge Spieler, die erkennen, dass manche Gleichaltrige bereits deutlich voraus sind?

Zum Thema: Wie die Tenniswelt mit der Dominanz von Sinner und Alcaraz umgehen kann

1. Akzeptieren, ohne zu resignieren

Die größte mentale Herausforderung beginnt oft im Kopf: „Wenn die zwei vorneweg alles gewinnen, was bleibt dann für mich?“ Genau hier trennt sich mentale Reife von mentaler Selbst-Sabotage. Es geht nicht darum, sich mit Sinner oder Alcaraz zu vergleichen, sondern darum, die Realität anzunehmen, ohne den eigenen Handlungsspielraum zu verlieren.

Eine harte, aber kraftvolle Wahrheit lautet: 

Du musst nicht der Beste sein, um in deiner Karriere Höchstleistungen zu bringen.

Viele Spieler stehen sich selbst im Weg, weil sie von Erwartungen geleitet werden, die ihnen nicht guttun. Momentum entsteht erst dann, wenn der Fokus wieder auf der eigenen Weiterentwicklung liegt. Sie verheddern sich oft im Vergleich mit Gleichaltrigen. Eine kleine Routine vor jedem Training oder Match hilft, den Fokus wieder dorthin zu lenken, wo er hingehört, ins eigene Einflussfenster.

Empfehlung: Nimm dir kurz eine Minute Zeit und notiere zwei Punkte:

  1. Eine Sache, die heute klar in deiner Kontrolle liegt.
  2. Eine Sache, die du bewusst loslässt, weil sie außerhalb deiner Kontrolle liegt.

Diese kurze Reflexion lenkt die Aufmerksamkeit weg von Rankings, Gegnern oder Talentfragen und zurück auf das, was du heute tatsächlich beeinflussen kannst.

2. Die mentale Energie verschieben

Viele Spieler verschwenden mentale Ressourcen auf den falschen Ebenen. Sie denken über Rankings, den nächsten Hype oder die übermächtige Konkurrenz nach. Doch Energie, die nach außen fließt, fehlt später im Match. Die zentrale Frage lautet:
Wohin fließt meine mentale Energie, und wofür brauche ich sie wirklich?

Top-50-Spieler, die trotz der Dominanz der Spitze konstant erfolgreich bleiben, haben eine gemeinsame Fähigkeit:
Es gelingt ihnen, sich in Training und Wettkampf konsequent auf ihren eigenen Weg zu konzentrieren. Nicht: „Wie schlage ich Sinner?“ Sondern: „Wie verbessere ich heute meine Fähigkeit, unter Druck aggressiv zu bleiben?“

Empfehlung: Vor jedem Training definierst du einen klaren Satz, wie „Heute bin ich der Spieler, der…“

Beispiele:

  • „…tiefe Positionen hält, auch wenn es unangenehm wird.“
  • „…bei jedem Fehler sofort nach vorne geht.“
  • „…körperliche Müdigkeit als Auftrag nimmt – nicht als Ausrede.“

Dieser Satz ist dein Handlungsfokus. Kein Ranking, kein Gegner, kein Sinner–Alcaraz-Vergleich.

3. Das eigene Profil schärfen

Ein oft übersehener psychologischer Faktor: Viele Spieler werden mental unstabil, weil sie kein klares Bild davon haben, wer sie als Spieler sind. Sinner und Alcaraz dominieren auch deshalb, weil ihre Identität glasklar ist:

  • Sinner: Präzision, Ruhe, Tiefe, Linienkontrolle
  • Alcaraz: Explosivität, Instinkt, Kreativität

Viele Spieler der Top 50 hingegen spielen „gut“, aber ohne ein klares mentales oder taktisches Profil. Die wichtigste Frage lautet: Wofür soll dein Spiel stehen, wenn man dir zusieht? Wer seine eigene Identität schärft, findet Stabilität, unabhängig davon, wer an der Spitze steht.

4. Was Nachwuchsspieler daraus lernen können

Kinder und Jugendliche erleben das Phänomen „zu gut, um erreichbar zu sein“ sehr früh. Manche entfalten sich dann überhaupt nicht mehr. Andere entwickeln eine Art chronische Selbstzweifel-Dynamik.

Deshalb ist es im Nachwuchs zentral, folgende Botschaft zu verankern: „Dein Weg entscheidet – nicht der Abstand zur Spitze.“

Mentale Entwicklung im Nachwuchs heißt nicht, die Besten zu jagen, sondern die eigene Robustheit, Widerstandskraft und Spielfreude aufzubauen.

Übung für Jugendliche: „3 Fortschritte, die niemand sieht“ 

Notiere dir nach jedem Training drei Dinge, die sich verbessert haben, aber im Ranking oder Score nicht sichtbar sind.

Beispiele:

  • „Ich habe schneller umgeschaltet nach Fehlern.“
  • „Ich fand nach einem Fehler sofort wieder meinen Fokus.“
  • „Ich habe mich getraut, beim 30:30 mutiger zu spielen.“

Diese Übung verhindert, dass junge Spieler früh das Gefühl bekommen, „nicht gut genug“ zu sein.

Abschließender Gedanke

Sinner und Alcaraz verändern das Tennis. Aber das bedeutet nicht, dass alle anderen Spieler automatisch verlieren. Im Gegenteil, ihre Dominanz zwingt uns, über Leistung und Entwicklung neu nachzudenken. Nicht jeder wird Grand-Slam-Sieger, doch jeder kann seine eigene Höchstform erreichen – mental, spielerisch, persönlich.

Die entscheidende Frage lautet nicht: „Kann ich die zwei einholen?“

Sondern: „Wie gut kann ich werden, wenn ich mich auf meinen Weg fokussiere?“

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