Julia Cetin und Pia Festl-Wietek: Wenn es einfach passt – warum Matching in der Sportpsychologie so entscheidend ist

Die menschliche Beziehung spielt in der Sportpsychologie eine immens wichtige, aber manchmal unterschätzte Rolle. Im folgenden Text berichten Julia Cetin und Pia Festl-Wietek von einem gemeinsamen Workshop, den sie kürzlich für den Deutschen Ski-Verband (DSV) gegeben haben. Bis dahin kannten sie sich nur von gemeinsamen Super- und Intervisionen oder Weiterbildungen im Netzwerk Die Sportpsychologen (Netzwerk beitreten). Seite an Seite liefen die beiden nun zur Bestform auf, wie ein eingespieltes Team. Zufall?

Zum Thema: Beziehungsfaktoren für die erfolgreiche sportpsychologische Arbeit   

„Arbeitet ihr eigentlich schon ewig zusammen?“ Diese Frage haben wir an diesem Tag mehr als einmal gehört. Und ehrlich gesagt mussten wir beide darüber schmunzeln. Denn die Wahrheit war eine ganz andere. Bevor wir gemeinsam zum Workshop aufgebrochen sind, kannten wir uns erst seit kurzer Zeit. Nur digital über das Netzwerk Die Sportüsychologen Zwei oder drei Gespräche hatten wir geführt, mehr nicht. Keine jahrelange Zusammenarbeit, keine gemeinsamen Projekte, keine eingespielten Abläufe.

Und trotzdem standen wir wenig später gemeinsam vor einer Gruppe aus Trainerinnen, Trainern, Lehrkräften und Coaches des Westdeutschen Skiverbands und gestalteten im Rahmen des DSV-Programms Mental Stark einen Fortbildungstag rund um das Thema mentale Stärke.

Zwischen dem wirklichen Kennenlernen und dem Ende des Workshops lagen lediglich 36 Stunden. 36 Stunden gemeinsames Reisen von München nach Winterberg im Sauerland, Vorbereiten, Austauschen, Fachsimpeln, Lachen und natürlich auch die kleinen Herausforderungen, die entstehen, wenn zwei Menschen plötzlich viel Zeit miteinander verbringen. Rückblickend war genau diese gemeinsame Reise vielleicht der eigentliche Workshop und der Beginn unserer Zusammenarbeit.

Mehr als Methoden

In der Sportpsychologie sprechen wir häufig über Methoden:

  • Visualisierung
  • Selbstgespräche
  • Achtsamkeit
  • Zielsetzung
  • Routinen.

Keine Frage, all das sind wichtige Werkzeuge. Gleichzeitig erleben wir in unserer täglichen Arbeit immer wieder, dass eine andere Komponente mindestens genauso wichtig ist: Die Beziehung. Denn keine Methode entfaltet ihr volles Potenzial, wenn die Basis zwischen den Menschen nicht stimmt.

Das gilt für die Zusammenarbeit zwischen Sportpsychologinnen und Athletinnen genauso wie zwischen Trainern und Sportlern – und, wie wir selbst erleben durften, auch zwischen zwei Referentinnen.

Pia Festl-Wietek und Julia Cetin von Die Sportpsychologen

Es muss nicht jeder zu jedem passen

Oft entsteht der Eindruck, gute Coaches oder Sportpsychologinnen müssten mit jedem Menschen gleichermaßen arbeiten können. Wir sehen das etwas anders.

Natürlich braucht es Fachwissen, Professionalität und Empathie. Aber trotzdem gibt es Menschen, die einfach besser zusammenpassen als andere. Genau wie im Sport. Nicht jeder Trainer passt zu jedem Athleten. Nicht jede Mannschaft harmoniert automatisch. Nicht jede Doppelpaarung funktioniert. Warum sollte das in der Sportpsychologie anders sein?

Warum es zwischen uns so gut funktioniert hat

Während unserer gemeinsamen Reise wurde uns schnell klar, dass wir in vielen Dingen ähnlich ticken:

  • Wir hören beide aufmerksam zu.
  • Wir lachen über ähnliche Situationen.
  • Wir nehmen unsere Arbeit sehr ernst, uns selbst aber nicht immer.

Vor allem hatten wir nie das Gefühl, uns gegenseitig beweisen zu müssen, wer mehr weiß oder wer gerade den besseren Beitrag liefert. Unser gemeinsames Ziel war von Anfang an klar: den Teilnehmenden einen möglichst guten, praxisnahen und inspirierenden Fortbildungstag zu bieten.

Vielleicht war genau das der Grund, warum wir bereits nach kurzer Zeit wie ein eingespieltes Team wirkten. Nicht weil wir uns lange kannten. Sondern weil unsere Werte, unsere Haltung und unser Verständnis von Zusammenarbeit erstaunlich gut zusammenpassten.

Was Athletinnen und Athleten daraus mitnehmen können

Viele Athletinnen und Athleten suchen nach der perfekten Technik oder der besten mentalen Übung. Sie lesen Bücher. Probieren Routinen aus. Schauen Videos. Dabei gerät eine entscheidende Frage manchmal in den Hintergrund:

Fühle ich mich bei dieser Person eigentlich gut aufgehoben?

Vertrauen ist keine Nebensache. Es bildet die Grundlage jeder erfolgreichen Zusammenarbeit. Erst wenn Menschen das Gefühl haben, verstanden und angenommen zu werden, entsteht der Raum, offen über Zweifel, Ängste oder Leistungsdruck zu sprechen. Genau dort beginnt häufig die eigentliche sportpsychologische Arbeit.

Das gilt auch für Trainerinnen und Trainer

Auch Trainer profitieren von einem guten Match mit ihren Athletinnen und Athleten. Fachwissen allein reicht selten aus. Menschen folgen nicht automatisch der Person mit den meisten Qualifikationen. Sie vertrauen Menschen, die authentisch sind, zuhören, ehrlich kommunizieren und echtes Interesse an ihrem Gegenüber zeigen.

Genau darüber wurde auch während unseres Workshops immer wieder diskutiert. Neben wissenschaftlichen Hintergründen und praktischen Übungen entstand ein intensiver Austausch darüber, wie Beziehungen aufgebaut werden und welchen Einfluss sie auf Leistung, Entwicklung und mentale Stärke haben. Denn mentale Stärke entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie wächst in Beziehungen.

Unser Fazit

Wenn wir heute an diese 36 Stunden zurückdenken, denken wir nicht zuerst an die lange Autofahrt oder an den Workshop selbst. Wir denken an das gute Gefühl, als Team unterwegs gewesen zu sein. An gegenseitiges Vertrauen. An viele, sehr viele gemeinsame Lacher. Und daran, wie schnell Zusammenarbeit funktionieren kann, wenn die Basis stimmt.

Das bedeutet nicht, dass zwei Menschen identisch sein müssen. Im Gegenteil. Unterschiedliche Perspektiven bereichern jede Zusammenarbeit. Aber gemeinsame Werte, gegenseitiger Respekt und echtes Interesse am Gegenüber schaffen etwas, das man kaum planen kann: Ein gutes Match.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse aus unserer gemeinsamen Erfahrung – und aus der Sportpsychologie insgesamt: Nicht jede Zusammenarbeit muss funktionieren. Aber wenn Menschen wirklich zueinander passen, entstehen Vertrauen, Offenheit und Entwicklung oft fast wie von selbst.

Und genau deshalb lohnt es sich, bei der Wahl einer Trainerin, eines Trainers oder einer Sportpsychologin nicht nur auf Qualifikationen zu achten. Sondern auch auf das Bauchgefühl. Denn manchmal merkt man schon nach wenigen Gesprächen: Das passt einfach.

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