Stell dir vor, du gehst mit Kopfschmerzen zum Arzt. Er öffnet seine Schublade, drückt dir eine Ibuprofen in die Hand und sagt: «Hier, das hilft.» Und tatsächlich – der Schmerz geht weg. Bis er wiederkommt. Und dann wieder. Und irgendwann fragst du dich, ob der Arzt vielleicht nie wissen wollte, warum der Schmerz da ist.
Zum Thema: Attention, Intensity und Intent als wichtige Fixpunkte sportpsychologischer Arbeit
Atemübungen gegen Nervosität. Visualisierung für bessere Leistung. Selbstgespräche gegen Zweifel. Die Werkzeugkiste ist prall gefüllt und manchmal funktioniert das Zeug sogar. Was mich stört: Wir fragen zu selten, warum das Problem überhaupt da ist. Es geht vom Anliegen aus, ohne das Thema dahinter zu berühren. Es optimiert Oberflächen. Es macht Athleten abhängiger von externer Regulierung – nicht freier von ihr. Und ein (mental) Coach, der sich wichtig macht, hat bereits verloren. Wir reparieren Symptome, statt Systeme zu verstehen (mehr dazu: siehe Link unten)
Der Stürmer, der im Training jede Chance trifft und im Wettkampf im letzten Moment den Fuss zurückzieht. Die klassische Reaktion: «Mehr schiessen üben. Vielleicht noch eine Visualisierungsübung.» Die systembezogene Frage wäre eine andere: Was passiert in diesem Menschen, wenn Publikum, Erwartung und Bewertung hinzukommen? Was reguliert er mit diesem Rückzug und wozu braucht er das?
Damit plädiere ich nicht bloss für wissenschaftliche Forschungen, sondern möchte Perspektive eröffnen, die ein grundlegend anderes Verständnis, wie Menschen funktionieren, ermöglichen kann.
Attention – der Spielmacher mit dem Tunnelblick
«Konzentrier dich!» ist der aus meiner Sicht meist nutzlose Ratschlag im Sport. Nicht weil Konzentration unwichtig wäre, sondern weil der Satz voraussetzt, dass Aufmerksamkeit ein Schalter ist. Ein oder aus. Dabei ist sie eher ein Mischpult mit mehreren Reglern gleichzeitig.
Ein Beispiel: Ein Spielmacher im Unihockey verliert in Drucksituationen regelmässig den Überblick. Er fokussiert zu eng, sieht nur den direkten Gegenspieler, übersieht den freien Mann auf der anderen Seite. Die Trainerin sagt: «Schau mehr auf den Raum.» Er nickt. Im nächsten Spiel passiert dasselbe. Warum? Weil niemand mit ihm erkundet hat, was sein Fokus in diesen Momenten eigentlich tut und wozu. Der enge Fokus ist keine Unfähigkeit. Er ist eine Regulationsstrategie unter Druck: Wenn alles zu viel wird, wird das Feld kleiner. Das schützt.
Was hilft, ist nicht der Befehl zur Weitsicht. Es ist die Frage: «In welchen Situationen kannst du den Raum sehen und was ist dann anders als in jenen, wo du ihn nicht siehst?» Daraus entsteht eine persönliche Aufmerksamkeits-Landkarte. Und aus der Landkarte entsteht Training, das tatsächlich auf das Muster zielt (mehr dazu: siehe Link unten).
Intensity – die Bogenschützin, die entspannt daneben trifft
Eine Bogenschützin vor dem entscheidenden Pfeil. Sie hat gelernt: Nervosität ist schlecht, Entspannung ist gut. Also atmet sie tief. Senkt den Puls. Ist ruhig. Und trifft daneben.
Was niemand ihr gesagt hat: Für sie funktioniert das Bild vom ruhigen See nicht. Sie braucht ein gewisses Mass an Anspannung, damit ihr Körper scharf gestellt ist. Ohne diese Schärfe verliert sie die Präzision. Das beschreibt das IZOF-Modell – die individuelle Zone optimaler Aktivierung. Diese Zone ist nicht für alle gleich. Und sie ist nicht durch Willensanstrengung herstellbar, sondern durch Selbstkenntnis. (mehr dazu: siehe Link unten)
Die Konsequenz für die Trainerin: nicht fragen «Wie entspannst du dich vor dem Wettkampf?», sondern «Wann hast du zuletzt dein bestes Ergebnis gezeigt und wie hat sich das in deinem Körper angefühlt, kurz davor?» Der Unterschied ist gewaltig. Im ersten Fall suchen wir eine universelle Lösung. Im zweiten suchen wir das Muster dieser einen Person.
Intent – wer ans Gewinnen denkt, verliert öfter
«Ich will unbedingt das Tor treffen.» Das klingt nach Fokus. Es ist oft das Gegenteil. Denn wer auf das Ergebnis zielt, zielt auf etwas, das ausserhalb seiner direkten Kontrolle liegt. Der Ball muss rein, der Gegner darf ihn nicht halten, der Fuss muss die Kraft genau richtig dosieren, das System «Athlet» verkrampft sich bei dem Versuch, all das gleichzeitig zu steuern.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein junger Eishockeyspieler zeigt im Training eine technisch saubere Rückhand. Im Spiel überzieht er den Schuss regelmässig. Der Grund: Sein Intent ist ergebnisorientiert. Er denkt ans Tor, nicht an die Bewegung. Als er beginnt, mit dem Fokus «Ich führe den Schuss bis zum Abschluss» – also einer Prozess-Intention – zu arbeiten, verändert sich etwas. Nicht weil er plötzlich entspannter ist, sondern weil er das System selbst machen lässt, was es das bereits kann (mehr dazu: siehe Link unten).
Noch einen Schritt weiter geht die Präsenz-Intention: «Ich bin voll da.» Kein Ziel, kein Plan, nur vollständige Aufmerksamkeit im Moment. Das klingt esoterisch, ist aber neurobiologisch gut beschreibbar und es ist das, was Athleten im Nachhinein als Flow beschreiben. Man kann Flow nicht erzwingen. Aber man kann Bedingungen gestalten, unter denen er sich einstellt. Wobei ich hier anmerken möchte, dass der Begriff «Flow» als Begriff mehr verspricht, als die Forschung aktuell belegen kann.
Soziale Systeme – ein Mensch unter Druck ist ein solches System – organisieren sich selbst. Sie entwickeln eine innere Logik mit einer Eigenaktivität, die aus gutem Grund entstanden ist. Wenn ein Athlet immer wieder in denselben mentalen Mustern landet, dann ist das keine Fehlfunktion. Es ist eine Stabilisierung. Und Stabilität ist erklärungswürdig. Die Frage ist nicht «Wie bringe ich ihn dazu, das anders zu machen?», sondern «Wozu braucht er genau das und unter welchen Bedingungen braucht er es nicht mehr?»
Fazit
Wer noch mitdenkt, dem fällt jetzt auf: Attention, Intensity und Intent sind keine drei getrennten Baustellen. Sie bedingen sich. Ein Athlet mit falscher Intention verkrampft – und damit verändert sich seine Aktivierung. Eine zu hohe Aktivierung verengt die Aufmerksamkeit. Eine verengte Aufmerksamkeit macht Prozess-Intentionen unmöglich. Das System dreht sich in die eine oder in die andere Richtung. Funktional oder dysfunktional scheinen mir wesentlich relevantere Orientierungspunkte als die Einordnung von richtig oder falsch. Deshalb braucht es das Verständnis des Musters hinter dem Muster.
Was wäre, wenn du beim nächsten auffälligen Verhalten eines Athleten – statt zur Schublade zu greifen – zuerst fragst: Was stabilisiert dieses System hier gerade? Und was bräuchte es, damit es das nicht mehr nötig hat?
Links zu erwähnten Texten:
- Stichwort Symptome: 13. August 2025: Christian Bader: Sportpsychologie – wir haben ein Problem | Die Sportpsychologen
- Stichwort Landkarte, 28. August 2025: Christian Bader: Warum „Konzentrier dich!“ oft der falsche Ratschlag ist | Die Sportpsychologen
- Stichwort IZOF-Modell, 11. September 2025: Christian Bader: Die blinde Suche nach der optimalen Aktivierung | Die Sportpsychologen
- Stichwort Prozess-Intention, 15. Oktober 2025: Christian Bader: Warum „Ich will gewinnen!“ oft zur Niederlage führt | Die Sportpsychologen

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