Dr. René Paasch: Reale Trainingsübung für ein Fußballteam im Lockdown

Im Moment steht der Sport in vielen Bereichen Corona bedingt still. Auch der größte Teil des Fußballs. Viele Trainer stehen vor der Herausforderung, ihren Teams in Video-Sitzungen immer wieder spannenden Inhalt zu liefern. Dazu gibt es hier nun etwas Input. 

Zum Thema: Zusammenhalt über Erlebnisse sichern

Geben Sie den Spielern die Aufgabe, innerhalb von zwei Wochen, eine technische Ausführung wie die exakte Ballmitnahme des Stürmers nach einem Steilpass zu üben. Die Umsetzung dieser Übung soll bestmöglich dokumentiert werden. 

Wenn Sie den Text brandaktuell, also Mitte Februar 2021 lesen, dann fragen Sie sich wahrscheinlich, ob ich noch alle Latten am Zaun habe? Denn von West nach Ost ist Deutschland eingeschneit wie lange nicht und es herrschen satte Minusgrade. Aber genau fängt hier die Übung an Spaß zu machen und ihren Sinn zu erfüllen. Was ich damit sagen will, mache ich mit der folgenden fiktiven Konstellation deutlich.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung

Zwei junge und begabte Nachwuchstalente bekommen wie ihre Mannschaftskameraden auch zwei Wochen Zeit, die genannte Aufgabe – also die exakte Ballmitnahme des Stürmers nach einem Steilpass – zu absolvieren und zu dokumentieren. Jason, so nennen wir den einen, weiß genau, was zu tun ist. Als Erstes besorgt er sich das passende Material: Bälle, Hütchen, kleine Tore, Sportplatzsuche, Wetterprognose prüfen, eine hochwertige Kamera „coaching eye“ und beauftragt einen befreundeten Individualtrainer und einen Torwartspieler, der diesen Trainingsprozess begleiten soll. Als Nächstes kümmert er sich um die graphische Darstellung der Trainingseinheiten, wie bspw. der Übungsaufbau, Laufwege, Ballweg, Dribbelweg u.v.m., bevor er seine vorhandenen Erfahrungen an exakten Ballmitnahmen nach Steilpass auffrischt. Erst jetzt merkt er, dass ihm die Zeit davonläuft. Bevor er den ersten Trainingsreiz setzt, ist bereits einige Zeit verstrichen. 

Dirk, so nennen wir den Zweiten aus unserem Beispiel, handelt vergleichsweise unüberlegt. Er sucht mit seinem Freund eine naheliegende Wiese, kramt gedanklich seine letzten Erfahrungen zu diesem Thema hervor und fängt sofort an zu üben. Nach und nach fügen sich die ersten Übungen wie von selbst zu einem stimmigen Bewegungsablauf. Läuft also bei ihm.

Unser Fehler im System

Was sollen Ihnen die beiden Beispiele aufzeigen? Jason arbeitet ressourcenorientiert. Er will sich optimal vorbereiten, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Bloß ermöglichen seine Ressourcen allein kein Übungsergebnis. Schlimmer noch, sie hemmen seine Kreativität. Wir ahnen bereits, dass Dirk in dem Wettbewerb deutlich vor Jason landen wird. Und hier kommt der springende Punkt: In unsere normalen Welt führen die meisten von uns ein sportliches Leben wie Jason. Wir streben dauerhaft danach, die Ausgangslage zu optimieren – danach, mit Wissen und Beziehungen unsere Chancen zu verbessern. Wir sammeln die Ressourcen für ein gutes sportliches Leben. Leider sind wir so beschäftigt damit, dass uns das Gefühl abhanden kommt, was genau das bedeutet. 

Bei ambitionierten jungen Fußballern geht das dann meist so: Ein erfolgreiches Nachwuchsleistungszentrum, umfangreiche bestmögliche Materialien, Fahrdienst und die Trainer sollten im besten Fall alle Fußball-Lehrer sein. Einsatzzeiten, geschossene Tore und das beste Schuhwerk, darf dann auch nicht fehlen. Ich besitze, also bin ich. Aber macht das glücklich? Nein. Es schafft lediglich Voraussetzungen! Die Sinnsuche selbst ist damit nicht erledigt. Ob wir unser Leben als gelungen empfinden, hängt davon ab, wie sehr wir uns mit der Welt und dem dazugehörigen Verein oder dem Team verbunden fühlen. Denn ein erfülltes Leben steht und fällt mit der Qualität unserer Beziehungen. 

Zusammenfassung

Wenn Sie jetzt also als Trainer ihrem Team eine solche “einfache” Aufgabe geben, dann lösen sie ganz schön was aus. In der aktuelle Corona-Pandemie umso mehr: Sie schaffen für ihre Spieler ein Erlebnis, sie stellen die Kinder und Jugendlichen vor eine Herausforderung – und dies trotz der individuellen Trennung im Sinne des mannschaftlichen Zusammenhalts.

Und wie großartig ist es, wenn Sie die Übung genau heute (also an einem kalten Februartag des Jahres 2021) in Auftrag geben? Die Spieler finden alles andere als ideale Bedingungen vor. Aber im Ergebnis müssen sie umso kreativer werden. Und genau da wollen wir im deutschen Fußball ja wieder hin, oder?

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Dr. René Paasch
Dr. René Paaschhttp://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

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