Johanna Constantini: Sind wir denn kompetent genug?

In den vergangenen Jahren lässt sich wohl nicht nur in Österreich – und damit meinem persönlichen Heimatland – sondern auch in Deutschland und der Schweiz beobachten, dass die Coaching-Branche einen stetig wachsenden Berufszweig darstellt. Es scheint zudem so, als gäbe es für beinahe jedes Problem, jede Herausforderung und jede Frage die eigens dafür vorgesehene Coaching-Lösung. In diesem wahrhaften Dschungel an Beratungsangeboten ist es alles andere als einfach, sich aus Athletensicht sowohl für die richtige Beratung, als auch für den passenden Coach zu entscheiden. In der Sportpsychologie sind schießlich sowohl Psychologen, Sportpsychologen sowie Motivations- und Mentalcoaches als auch Sportwissenschaftler mit Zusatzausbildung tätig, weshalb sich die Herausforderung der richtigen Wahl immer wieder bestätigt. Doch bei allem, was wir sind und dank welcher Ausbildung wir uns auch immer Coach oder Berater nennen dürfen, sollten wir uns nicht vor allem selbst immer wieder fragen, ob wir denn kompetent genug sind?

Zum Thema: Qualitätsmanagement in der Sportpsychologie

Johannas Beitrag zum Hören. Quelle: Soundcloud

Ein Grund mehr sich diese Frage zu stellen, ist jener, dass die Sportpsychologie in den meisten Fällen keine Leistung ist, die von jenen Athleten in Anspruch genommen wird, bei denen aktuell alles glatt läuft, die vielmehr von einem Erfolg zum nächsten jagen. Davon abgesehen, dass sich immer mehr Mannschaften sinnvollerweise für eine langfristige Begleitung entscheiden, sind es vor allem akut belastete Einzelathleten, die einen Sportpsychologen kontaktieren. Auf welchen die Wahl fällt, ist meist weniger von Ausbildungen, als vielmehr von Empfehlungen, örtlichen Gegebenheiten und womöglich auch von finanziellen Belangen abhängig. 

Da unsere Athleten also selten Unterschiede zu machen scheinen, wenn es um die Ausbildungsskala geht und vielmehr nach anderen Kriterien entscheiden, müsste die Einschätzung der Kompetenz bei uns selbst beginnen, oder nicht?

Die eigenen Grenzen kennen

Wir sollten kritisch mit uns umgehen. Weil es eben jene Labilität unser aller Klienten ist, die wir keinesfalls ausnutzen sollten. Eine Situation, die unseren eigenen Stolz zwar ideal bedient – ja, wir werden gesucht, gefunden und gebraucht – unseren Kunden bei falscher Behandlung jedoch teuer zu stehen kommen kann. 

Johanna Constantini, die-sportpsychologen.at

Johanna Constantini

Sportarten: Pferdesport, Laufsport, Wintersport, u.a.

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Es soll nicht meine Intention sein, einem bestimmten Berufszweig – egal ob Psychologe, Coach oder Sportwissenschaftler, die allgemeine Kompetenz in der sportpsychologischen Beratung abzusprechen. Alleine schon deshalb nicht, weil zu einer professionellen und damit kompetenten Betreuung weit mehr zählt als die berufliche Qualifikation. Neben Empathie, der Einhaltung der Berufsethik sowie der Fähigkeit, theoretisches Wissen mit praktischen Ansätzen zu vereinen, gilt es vor allem, die eigenen Grenzen zu kennen. 

Kritische Fragen

„Steht der Athlet vor Herausforderungen, denen ich mich nicht gewachsen fühle?“, „Spüre ich, dass ich mit meinem Latein am Ende bin und meinen Kunden besser bei einem Kollegen aufgehoben fühle?“, „Habe ich das Gefühl, zwischen meinem Kunden und mir stimmt die Chemie schlichtweg nicht?“

Fakt ist: Wir alle können nicht alles können. So wie es Sportarten geben mag, mit denen sich der eine mehr und der andere weniger identifizieren wird, so gibt es auch Herausforderungen, die dem einen Berater liegen, während der andere Coach sich dabei überfordert fühlt. Vor allem den Grenzgang zwischen der Arbeit an den gesunden, leistungsbezogenen Anteilen des Athleten und Symptomen einer dauerhaften Erschöpfung oder gar depressive Tendenzen dürfen wir in unserem Tätigkeitsfeld nicht übersehen. 

Denn am Ende ist Experte nur derjenige, der sich selbst zu fragen traut: „Bin ich denn kompetent genug?“

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