Prof. Dr. Oliver Stoll: Der Zauber des Lächelns der Kinder in Mossul

Seit einem Jahr engagiere ich mich im Rahmen meiner universitären Tätigkeit in Mossul im Irak. Mossul, die Stadt und deren Bewohner zwischen Juni 2014 und Juli 2017 so sehr unter der Besatzung des sogenannten IS leiden musste, bevor sie von den Alliierten Kräften der irakischen Armee und des kurdischen Peschmerga mit Luftunterstützung der USA befreit wurde. Geblieben ist eine teilweise brutal zerstörte Stadt und eine tief traumatisierte Bevölkerung. Für mich kurioserweise auch ein sportpsychologisches Tätigkeitsfeld…

Zum Thema: Dienstleistungen abseits der Leistungsoptimierung

Familien wurden auseinandergerissen. Kinder und Erwachsene wurden Zeugen unendlicher Gräueltaten. Kinder verloren ihre Eltern und hausen teilweise immer noch in den Ruinen der Altstadt – eine humanitäre Katastrophe. Und wirklich schwer zu ertragen, insbesondere dann, wenn man ein paar Stunden vorher in einer ganz anderen Welt in den Flieger gestiegen ist… 

Im Westen, die Altstadt von Mossul:  Hier leben noch immer Menschen (Januar 2019)

Nadhim Al-Watar, Professor für Sportpädagogik an der Universität Mossul kenne ich schon seit über 15 Jahren. Im Jahr 2002 reiste er das erste Mal mit Mitteln des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) nach Halle, um unter anderem mit mir über zukünftige, gemeinsame Forschung im Schnittfeld von Sport, Pädagogik und Psychologie zu diskutieren. Keiner von uns beiden hätte damals vermutet, dass sich diese kollegiale Freundschaft einmal in einem solch dramatischen Kontext entwickeln würde. Denken wir aber mal nur fünfeinhalb Jahre zurück: Nadhim Al-Watar packte seine Familie ins Auto, als der IS im Juni 2014 einmarschierte und flüchtete nach ins circa 80 Kilometer entfernte Erbil, das im kurdischen Autonomiegebiet liegt und somit „sicher“ war. Sein Glück, denn im „Exil“ konnte er schon für die Zeit nach der IS-Okkupation denken und planen und aktivierte somit auch schon rechtzeitig seine Netzwerke, zu dem auch ich gehöre. 

Kinder in den Ruinen

Im August 2018 kam Nadhim Al-Watar erneut nach Halle, um mit mir über ein „universitäres Kooperations- und Wiederaufbauprojekt“ zu sprechen. Das ging natürlich nicht ohne einen Partner, der ein solches Projekt finanziell untersetzt. Mit dem schon erwähnten Deutschen Akademischen Austauschdienst war dieser mutmaßlich schnell gefunden. Dafür musste aber natürlich erst einmal ein vernünftiger und inhaltlich fundierter Antrag her. Gesagt – getan! Für das Jahr 2019 genehmigte der DAAD ein erstes Projekt, was es den beiden Universitäten Halle-Wittenberg und Mossul einander ermöglichte, erste gemeinsame Schritte zu unternehmen. 

Ich erinnere mich noch, wie mich im Januar 2019 regelrecht der Hammer traf als ich das erste Mal in Mossul war. Die Altstadt ist eigentlich komplett zerstört. Im Osten der Stadt gab es wenigstens eine halbwegs funktionierende Kanalisation und Wasser, aber im Westen gab es fast nichts mehr. Und die Kinder turnten in den Ruinen herum, in denen auch teilweise noch Minen vermutet werden. Das war für mich Motivation genug, hier etwas tun zu wollen. 

Erschütternde Erfahrungen

Zunächst ging es  – dem Antrag gemäß – um universitäre Strukturen. Studiengänge wurden verglichen und optimiert, zerstörte Forschungsstrukturen für die Mossuler Sportwissenschaft wurden revitalisiert. Vor allem im letzten Workshop standen dann die Kinder von Mossul im Vordergrund des Interesses. Kurz vor Weihnachten 2019 reiste ich mit Prof. Stefan Watzke, einem Psychotherapeuten aus dem Uni-Klinikum Halle sowie Dr. Amr Saad, einem arabisch sprechenden Sportpädagogen, nach Mossul, um nicht nur Fort- und Weiterzubilden, sondern auch um konkrete Hilfe anzubieten. Stefan Watzke führte kostenlose Therapie-Sitzungen mit Kindern, aber auch deren Eltern durch, Amr Saad nutzte verschiedene Entspannungsverfahren, um Kinder und Erwachsene zumindest für eine kurze Zeit ins „Hier und Jetzt“ zu holen und ich sportelte mit einer Schulklasse in einer wieder errichteten Turnhalle. EIne Turnhalle, die im Übrigen mit Mitteln der UN, aber auch der KFW und einer deutsch-irakischen Stiftung geschaffen werden konnte. 

Sportunterricht in Mossul

Wir drei Wissenschaftler waren kaum zurück, da wurde der Irak wieder zum Schauplatz von kriegerischen Auseinandersetzungen. Dies unterfüttert nur unsere Erfahrungen, die wir im Dezember gemacht haben und die mindestens in Teilen erschütternd sind. So weiß Stefan Watzke, dass die Eltern eigentlich mindestens genau so viel Psychotherapie brauchen, wie ihre Kinder, denn Eltern geben ihre Traumata im Erziehungsprozess unbewusst weiter. Mindestens genauso tragisch. Im gesamten Irak kommen gibt es nur 80 Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 220 auf 100.000 Einwohner. 

Prof. Dr. Oliver Stoll

Sportarten: Eishockey, Handball, Ultralang- und Langstreckenlauf, Triathlon, Biathlon, Wasserspringen, Boxen, Leichtathletik, Schwimmen, Floorball

Kontakt:

Facebook-Profil

+49 (0)173 – 4649267

zur Profilseite: https://www.die-sportpsychologen.de/oliver-stoll/

Die Nachfrage an Sportpsychologie

Im Gepäck haben wir aber auch viele neue Freunde und Dankbarkeit. Das schönste von allen Erinnerungen aber ist ganz sicher das Lächeln der Kinder von Mossul vor, während und nach den gemeinsamen Aktivitäten. Belohnt wurde das Engagement von Nadhim Al-Watar und mir inzwischen mit einer Verlängerung des Projekts um zwei weitere Jahre durch den DAAD. Im Februar reist eine Delegation mit jungen Nachwuchswissenschaftlern aus Mossul für 14 Tage wieder nach Halle. Geplant ist auch ein Info- und Begegnungsabend von Bürgern aus Halle und Leipzig und den Kolleginnen und Kollegen aus Mossul in den Geschäftsräumen von Frauke und mir in Leipzig in der Jahnallee 10. Weitere Details dazu erfahrt ihr alsbald auf meiner neuen Facebookseite: Prof. Dr. Oliver Stoll Sportpsychologische Beratung

Was das alles mit Sportpsychologie zu tun hat, fragt ihr euch vielleicht? Tatsächlich eine ganze Menge. Denn ich bin bei jedem Aufenthalt überrascht, mit welchen Fragen ich vor Ort konfrontiert werde. Die Menschen im Irak haben eine unstillbare Sehnsucht nach Normalität und die Sportler wollen auf sportliche Erfolge hinarbeiten. Und so unterstütze ich sie nun ganz konkret hinsichtlich von Teambuilding-Maßnahmen für Fußballteams und bezüglich dem mentalen Training von Gewichthebern. Mit mir macht das etwas und ich denke, dass auch meine Studenten und Athleten hier von meinen Erfahrungen aus einer anderen Welt profitieren können.

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