Miriam Kohlhaas: Wenn die Ente wieder schwimmen lernt – das Selbstexperiment

Wenn Sportler aus heiterem Himmel eine schwerwiegende Verletzung trifft, dann ist dies häufig ein derber Einschnitt. Was passiert aber, wenn einer sportpsychologischen Expertin ein vergleichbares Schicksal ereilt? So geschehen bei Miriam Kohlhaas, die am Umgang mit ihrer Verletzung und den damit verbundenen Weg zurück für euch, liebe Sportler, nutzen will. Aber lest mehr…

Wer übrigens die ersten beiden Teile der Mini-Serie verpasst hat, darf das hier nachholen: Teil 1: Miriam Kohlhaas: Officer Down – das Selbstexperiment (Link), Teil 2: Miriam Kohlhaas: Ich selbst bin die bewegende Kraft – das Selbstexperiment (Link).

Zum Thema: Umgang mit Verletzungen

Mehr Infos zu Miriam Kohlhaas: https://www.die-sportpsychologen.de/miriam-kohlhaas/

Direkt nach der Operation bekam ich für eine Woche eine Aircast Schiene, die vom Knöchel bis zum Oberschenkel ging. Na Bravo! Das war wie ein Holzbein, welches an mir dranhing. Besonders nachts ist diese riesige Schiene nicht zu empfehlen – was aber sein muss, muss eben sein. Und dennoch: Ich hasste sie! Sie nahm mir Freiheit, Eigenständigkeit und gutes Wohlbefinden.

Etwa eine Woche später, durfte ich auf eine Metallschiene wechseln, die sich immerhin 60 Grad beugen ließ. Ich erinnere mich gut daran, wie ich sie das erste Mal Wechseln durfte. Aber: Ich traute mir ohne Physio diese Beugung meines Knies nicht zu. Noch nicht einmal, die neue Schiene anzuprobieren. Zwischenstand: Dieses Bein war für mich mehr denn je wie ein Fremdkörper!

Wachsendes Verhältnis zur Schiene

Drei Wochen später durfte der Radius auf 90 Grad erweitert werden – welch eine Freude! Diese Einstellung begleitete mich nun wochenlang und die Schiene und ich wurden irgendwie, unerwartet, Freunde. Die zu Beginn so verhasste Einschränkung gab mir plötzlich Sicherheit. Die Vorstellung, ohne sie zu sein, machte mir Angst. Meine Gedanken zu dieser Zeit: Was, wenn ich falle, stolpere oder umknicke? Was, wenn ich mehr beugen würde als 90 Grad?

Und als der Arzt dann irgendwann zu mir sagte: „Jetzt muss die Ente wieder schwimmen lernen – leg deine Schiene ab!“ – löste das nicht etwa Freude in mir aus. Aber wie Recht er doch hatte! Die Ente ist dazu bestimmt, zu schwimmen, genau wie mein Bein dazu bestimmt ist, zu laufen.

100%-iges Vertrauen?

In dieser Phase wurde mir klar, wie es sich für die Athleten anfühlt, wenn jemand nach einer schweren Verletzung etwas von 100%-igem Vertrauen erzählt. Das Vertrauen muss erst wieder wachsen, so wie sich der Muskel wieder aufbaut. Es braucht Zeit und wichtige Erlebnisse wie das erste Training, das erste Spiel! Da geht es dann um das Gefühl und die Sicherheit, dass alles hält.

Und ich kann euch sagen: Erst als die Schiene ein paar Tage weg war, hatte ich überhaupt die Möglichkeit, mir und meinem Bein mehr und mehr zu vertrauen. Ich spürte, wie die Sicherheit wieder zurück in mich selbst wanderte und ich von einem äußeren Faktor unabhängig wurde.

Besonderer Talisman

In meiner Arbeit mit verletzten Athleten hatte ich schon mehrfach Anrufe, dass Sportler ihre Schiene zum Spiel mitnehmen wollten. Dies aber in einer Phase nach einer Verletzung, in der es eigentlich längst ohne Schiene ging. Sie hatten die Unsicherheit, die Schiene plötzlich brauchen zu müssen.

Und auch das Gefühl kenne ich nun aus eigener Erfahrung. Und ganz ehrlich, meine Schiene fährt nun immer in meinem Auto mit, falls ich sie plötzlich mal brauche. 😉

Natürlich sage ich mir, was ich auch meinem Athleten in diesem Moment sage: Du wirst sie nicht brauchen! Aber gibt sie Dir Sicherheit, dann nimm sie mit! In diesem Sinne habe ich ab jetzt mein ausgepacktes Geschenk in mir fest verankert. Meine Schiene ist aber immer parat.

Und so schwimmt sie wieder, die Ente!

Und es fühlt sich so wahnsinnig gut an!

All ihr wundervollen verletzten Sportler, was gibt euch Sicherheit und Halt?

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