Jan D. Deneke: Perfektionismus im Nachwuchssport – Ursprung, Auswirkungen und Umgang

„Es ist vorbei, es ist vorbei. Endlich ist es vorbei!“ Aussagekräftige Gedanken des ehemaligen deutschen Nationalspielers Per Mertesacker nach dem Halbfinal-Aus bei der Heim-WM 2006 gegen Italien. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Im Profi-Fußball herrscht permanenter Leistungsdruck, eine dauerhafte öffentliche Beurteilung und eine konsequent perfektionistische Erwartungshaltung durch Medien, Sponsoren, Fußballclubs und in Teilen der Fangemeinschaft. Was am Ende zählt, ist die Leistung und der Profit. Für Schwäche ist da kein Platz. Doch viele Spieler können dem Druck und der dauerhaften Erwartungshaltung nicht gerecht werden und verdrängen ihre Zweifel. Aussagen wie die von Per Mertesacker sind hilfreich, denn sie zeigen den jungen Athleten, was es bedeutet, heute Fußball-Profi zu werden. 

Wer dieses Ziel erreichen will, muss nicht nur lernen mit Stress und Leistungsdruck umzugehen, sondern bereits in jungen Jahren täglich im Training zu bestehen. Dabei ist der Weg von der U11 des Nachwuchsleistungszentrums bis in den Profisport lang und hart. Perfektionistische Charakterzüge können dabei in Form von Antriebskraft und Motivation dauerhaft unterstützend wirken. Gleichzeitig tragen sie jedoch auch großes Gefahrenpotential in sich.

Zum Thema: Perfektionismus im Nachwuchssport  

Perfektionismus ist ein psychologisches Konstrukt, welches versucht, Unterschiede zwischen Personen bezüglich ihres Strebens nach möglicher Perfektion und Fehlervermeidung zu erklären. Nach Stöber und Otto (2006) hat Perfektionismus zwei Dimensionen: Zum einen das Perfektionistische Streben und zum anderen die Perfektionistische Besorgnis

Mehr Infos zu Jan. D. Deneke: https://www.die-sportpsychologen.de/jan-d-deneke/ 

Wer das perfektionistische Streben als Charakterzug aufweist, setzt sich meist sehr hohe persönliche Standards und lebt eine innere Organisiertheit. Der Perfektionismus richtet sich dabei oft nicht nur nach innen, sondern auch auf sein Umfeld. Die Person fordert von seinen Mitmenschen Leistung und ist nicht selten Motivator und Anführer. Das perfektionistische Streben sorgt dafür, dass die Person das Beste aus sich herausholt. Diese Fähigkeit ist im Leistungssport nicht nur gefordert, sondern (fast) Bedingung, um langfristig zu bestehen und seinen Weg durch die Nachwuchsleistungszentren bis in den Profisport gehen zu können. 

Die zweite Seite des Perfektionismus ist die perfektionistische Besorgnis. Die Stärke dieser Ausprägung entscheidet, ob der Perfektionismus ein gesundheitliches Risiko für die Person darstellt oder nicht. Bei einer starken Ausprägung hat die Person das Gefühl, den eigenen hohen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Sie entwickelt Angst, Fehler zu machen und neigt dazu, Entscheidungen aus dem Weg zu gehen. Im Mittelpunkt steht dabei aber der Umgang mit Misserfolgen. Für den dysfunktionalen Perfektionisten sind diese oft schon das Nicht-Erreichen der selbstauferlegten hohen Standards. Eigene Fehler oder Misserfolge stellen dabei keinen Bestandteil des Fortschritts dar, sondern können nicht oder nur sehr schwer akzeptiert werden. 

Perfektionismus: Eine zuverlässige Antriebskraft

Wer den langen Weg bis in den Profisport gehen will, braucht mehr als nur großes Talent. In den Nachwuchsleistungszentren sollen die jungen Athleten eine ganze Bandbreite von physischen und psychischen Fertigkeiten entwickeln. 

Alle Anforderungen erfüllt aber keiner der Sportler von Beginn an. Wer seinen Traum erfüllen will, muss zusätzliches Training absolvieren um seine sportartspezifischen Schwächen auszugleichen. Das perfektionistische Streben kann ein leistungsfördernder Faktor sein, um sich selbst immer wieder aus der „Comfort Zone“ zu locken und über die eigene Schmerzgrenze zu gehen. Ein dauerhaftes Auffordern der Trainer zu mehr Engagement und notwendigen Zusatzeinheiten hat langfristig nicht dieselben leistungsfördernden Einfluss, wie die intrinsische Motivation eines Perfektionisten. Das Perfektionistische Streben, als Persönlichkeitsmerkmalist also nicht nur sehr hilfreich und motivational unterstützend, sondern vielleicht sogar Voraussetzung um Profisportler zu werden (vgl. Gould, Dieffenbach & Moffett (2002)). 

Wann wird es ungesund?

Perfektionisten, bei denen die perfektionistische Besorgnis ausgeprägt ist, verfallen häufig in ein Schwarz-Weiß-Denken. Bei Misserfolgen steht die Vorstellung, dass die eigenen Fähigkeiten nicht ausgereicht haben, im Vordergrund. Unabhängig davon, wie gut die eigene Leistung war oder wie knapp die Entscheidung ausgefallen ist. Die eigenen Fähigkeiten und die aufgebrachte Anstrengung werden selbst nicht honoriert. Insbesondere wenn die perfektionistische Besorgnis stark ausgeprägt ist, sind negative Gedanken oder Selbstgespräche („Bloß keinen Fehler machen“), trotz hoher Leistungen während des Wettkampfs omnipräsent, stressfördernd und dysfunktional für die eigene Leistungsfähigkeit sowie die eigene psychische Gesundheit. 

Wer sein Selbstvertrauen nur aus Anerkennung und den großen Erfolgen schöpft und Misserfolge nicht als Bestandteil der Entwicklung akzeptiert, wird mit der Zeit ein negatives und vom Erfolg abhängiges Selbstbild entwickeln. Werden die eigenen hohen Ansprüche zu oft nicht erfüllt, verfestigt sich das negative Selbstbild. Leistungsbezogenes Zweifeln, geringe Selbstwirksamkeitserwartungen, Ärger und frustrierende Selbstgespräche, die wiederum zu Aufmerksamkeitsverlust in den entscheidenden Situationen führen, sind die Folge. Ein Kreislauf, der nicht selten depressive Tendenzen als Folge hat.

Das Elternhaus als Ursprung

Die Wurzeln von Persönlichkeitsmerkmalen liegen meist im Elternhaus. „Mach etwas aus dir!“ Ein gängiger Spruch der impliziert, dass wir, so wie wir sind, noch nicht ausreichen. Von Kindesbeinen an lernen wir, Leistung zu erbringen um dafür etwas – zunächst von unseren Eltern – zu bekommen. In den meisten Fällen ist es Anerkennung, nach der wir uns bewusst oder unbewusst sehnen. Wir wachsen mit dieser Abhängigkeit von Geben und Nehmen auf und verinnerlichen diese Verhaltensweisen. 

Dass perfektionistische Persönlichkeitsmerkmale entwickelt werden, ist dann wahrscheinlich, wenn die Eltern ihre hohen Ansprüche und den eigenen ungesunden Umgang mit Misserfolgen an ihre Kinder weitergeben. Entscheidend für ein Kind ist es, dass es auch bei Fehlern Zuwendung erhält und dabei unterstützt werden, aus diesen Fehlern zu lernen. Insbesondere bei dysfunktionalen Perfektionisten war dies in der Kindheit zu selten der Fall. So versuchen die Kinder immer besser und besser zu werden, um die gewünschte Aufmerksamkeit zu bekommen. Gleichzeitig entwickelt sich ein Gefühl der Hilflosigkeit, wenn die Anerkennung ausbleibt.

Wichtige Aufgabe für Eltern

Darüber hinaus hat auch der Umgang der Eltern mit den eigenen Fehlern einen Einfluss auf die psychische Entwicklung der Kinder: Verstecken die Eltern den Umgang mit ihren eigenen Fehlern, haben die Kinder keine Möglichkeit, daraus zu lernen. Akzeptieren die Eltern die eigenen Fehler nicht als Ansatzpunkt zum Lernen, sieht auch das Kind den Nutzen von Misserfolgen nicht. Wichtig ist, dass die Eltern nicht nur über einen gesunden Umgang reden, sondern ihn unbedingt auch vorleben.

Nicht selten waren die Eltern – die ihre Schützlinge fördern und fordern – früher selbst (Profi-)Sportler und nehmen bewusst oder unbewusst die Position des persönlichen Trainers ein. In dem ehrlichen Wunsch nur das Beste für ihre Kinder zu tun, ist ein fremdorientierter Perfektionismus stetiger Begleiter. So ist der Sport häufig Thema, Ratschläge werden erteilt und die Leistungen des Schützlings werden zwar wohlwollend, aber dennoch bewertet. Die jungen Sportler erfahren also auch abseits des Sportplatzes das Gefühl von ständigen Beurteilungen: Langfristig entwickelt sich beim Schützling eine dysfunktionale Bewertungsängstlichkeit. Die Aufgabe der Eltern muss es also sein, die eigenen sportlichen Erwartungen und Wünschen aufzulösen und als unterstützender Helfer im Hintergrund zu agieren. Die Aufgabe der Verantwortlichen in den Nachwuchsleistungszentren ist es, die Eltern der jungen Athleten bereits  frühzeitig  psychoedukativ über ihre Rolle und Einflussnahme aufzuklären. 

Was tun, wenn der Perfektionist in der Krise steht?

Athleten sind dann im Nachteil, wenn sie einerseits hohe perfektionistische Bestrebungen haben, jedoch gleichzeitig stark negative Emotionen entwickeln, sobald sie den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden (vgl. Gotwals, Stöber, Dunn & Stoll (2012)). Perfektionismus ist, als ein Persönlichkeitsmerkmal, relativ stabil und lässt sich nicht einfach abschalten oder verändern. Die Aufgabe des Sportlers ist es daher, einen funktionalen und adäquaten Umgang mit seinen Emotionen in stressauslösenden Situationen zu entwickeln. Diese sog. Copingstrategien sollten gemeinsam mit einem Sportpsychologen (nehmt gern zu meinen Kollegen oder zu mir Kontakt auf) erarbeitet werden. 

Des Weiteren ist es hilfreich, dass der Sportler den Umgang mit seinen Misserfolgen bewusst erlebt und reflektiert. Dabei können folgende Schritte unterstützend wirken:

  1. Erkennen der eigenen Charakterzüge (perfektionistisches Streben und Besorgnis)
  2. Akzeptieren von Fehlern, Misserfolgen und Kontrollverlust
  3. Reframing: Lernen das Positive im Negativen zu sehen 
  4. Wiederholtes Bewusstmachen der eigenen Stärken, Anstrengungen, Fähigkeiten und kleinen Erfolge

Fazit

Perfektionismus als Persönlichkeitsmerkmal muss nicht per se leistungsmindernd oder leistungsfördernd sein. Er ist dann dysfunktional, also ungesund und leistungsmindernd, wenn die Person eine starke Ausprägung der perfektionistischen Besorgnis hat. Die Person hat dann zwar hohe Ansprüche an sich, glaubt aber nicht, dass die eigenen Fähigkeiten ausreichen, um diese Erwartungen auch zu erfüllen. Daraus resultiert ein negatives, von Misserfolgen geprägtes Selbstbild. Die Folgen sind Ärger und frustrierende Selbstgespräche, die wiederum zu einem Aufmerksamkeitsverlust in den entscheidenden Situationen führen. Ein Kreislauf, der nicht selten depressive Tendenzen als Folge hat. Die Aufgabe der Sportpsychologie ist es also, die Eltern für diese Thematik zu sensibilisieren und gemeinsam mit den Athleten bereits frühzeitig einen funktionalen und gesunden Umgang mit Drucksituationen und dem daraus resultierendem Stress zu erarbeiten! 

Mehr zum Thema: 

Quellen:

  • Gotwals, Stöber, Dunn & Stoll (2012). Are Perfectionistic Strivings in Sport Adaptive? A Systematic Review of Confirmatory, Contradictory, and Mixed Evidence. Canadian Psychology / Psychologie canadienne 2012, Vol. 53, No. 4, 263–279. doi: 10.1037/a0030288
  • Gould, D., Dieffenbach, K., & Moffett, A. (2002). Psychological characteristics and their development in Olympic champions. Journal of Applied Sport Psychology, 14, 172–204. doi:10.1080/10413200290103482
  • Stoeber, J., & Otto, K. (2006). Positive conceptions of perfectionism: Approaches, evidence, challenges. Personality and Social Psychology, Review, 10, 295–319. doi:10.1207/s15327957pspr1004_2
  • Stoll, O., Lau, A., & Stoeber, J. (2008). Perfectionism and performance in a new basketball training task: Does striving for perfection enhance or undermine performance? Psychology of Sport and Exercise, 9, 620–629. doi: 10.1016/j.psychsport.2007.10.001
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