Cristina Baldasarre: Zur Bedeutung der Familie

Tanja Odermatt lebt für das Eiskunstlaufen. Sie steht seit über 17 Jahren auf dem Eis und tut alles, damit ihr Traum in Erfüllung geht. Vor gut einem Jahr verliess sie dafür ihr zu Hause und zog nach Bergamo/Italien, wo sie nun trainiert und lebt. Eine schwere Bänderverletzung des Fussgelenks zwang sie zu einer sechsmonatigen Pause. Nun kämpft sie sich aufs Eis zurück.

Zum Thema: Wenn Sportler sich entscheiden müssen

Tanja stand schon als Zweieinhalbjährige im Kinderkurs regelmässig auf den Schlittschuhen; Laufen lernte sie sozusagen auf dem Eis. Das gefiel ihr viel besser, als das langweilige Zuschauen beim Training ihrer Schwester. Seither konnte sie einige Erfolge feiern: Den Schweizermeistertitel Jugend U13 und Nachwuchs U14. Weiter war auch der Schweizermeistertitel in der Kategorie Elite im Jahr 2016 ein wichtiger Höhepunkt. International durfte sie in den Jahren 2014 und 2016 an den Europameisterschaften teilnehmen und wichtige Erfahrungen sammeln. Ein weiteres, unglaubliches Erlebnis waren die Europäischen Jugend Winter Spiele 2013 (EYOF), welche sie mit einem sehr guten 6. Rang beenden konnte.

Nach dem Schweizermeistertitel in der Elite im vergangenen Jahr sowie der Teilnahme an den Europameisterschaften war es für Tanja schnell klar. Sie erkannte, dass „…es unmöglich ist, im Eiskunstlaufen gleichzeitig eine gute Ausbildung sowie Spitzensport zu betreiben, denn 21 Stunden Arbeit, ca. 24 Stunden Training und gleichzeitig noch zur Schule zu gehen, war für mich zu viel, was sich Ende Saison auch in meinen Leistungen widerspiegelte.“

Im Fokus: critical incident

Erkenntnisse wie diese nennen wir einen critical incident (McAteer, Hallett & Murtagh, 2010). Damit sind diejenigen Momente im Leben gemeint, die persönlich als relevant und wegweisend eingestuft werden und somit eine Person dazu bringen, neue Wege einzuschlagen.

Tanja stand Anfangs 2016 genau an so einer Gabelung, sie beschäftigte sich also mit der Frage: Wie sollte es in den nächsten Jahren mit dem Eiskunstlaufen weitergehen? Mehr investieren? Oder weniger und die Ausbildung vorantreiben? Oder….? Oder….? Sie erstellte Listen mit Pros und Contras und malte sich die Zukunft in die eine aber auch in die andere Richtung aus. Zusammen mit ihrer Trainerin sowie dem Rest ihres Umfeldes entschied sie sich dann, voll und ganz auf die Karte Sport zu setzen. Sie wurde dabei von allen Seiten unterstützt, allen voran von ihrer Familie. Und die Schule erlaubte ihr sogar, einen unbefristeten Unterbruch einzulegen: Die Ausbildung wird sie später fortsetzen und abschliessen können, egal in welchem Alter. Für das Eiskunstlaufen ist aber JETZT die wichtigste Zeit gekommen.

Impact sozialer Unterstützung

Diese Entscheidung mit so viel Überzeugung und Optimismus treffen zu können, das erfordert viel Mut, Entschlossenheit aber auch soziale Unterstützung. Die Studien zu letzterem haben in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen. Wir alle verstehen diesen Begriff der sozialen Unterstützung: Es sind diejenigen Informationen, die eine Person ihrer sozialen Umgebung entnimmt und die dann zu drei relevanten Überzeugungen führen (Cobb, 1976):

1. dem Gefühl emotionalen Rückhaltes,
2. der Wahrnehmung entgegengebrachter Wertschätzung und
3. dem Wissen, zu einem Netzwerk zu gehören.

Auch Cassell stellte bereits 1976 in einer Untersuchung fest, dass soziale Unterstützung meist als Schutzfaktor betrachtet wird, der in den unterschiedlichsten Lebensbereichen die Auswirkungen stresshafter Belastungen abmildert. Unter anderem auch durch die Stärkung des Immunsystems. Neben der sozialen Unterstützung konnte sich auch der Begriff des sozialen Netzwerks etablieren, der vor allem die Struktur des Systems rund um eine Person erklärt. Dieses soziale Netzwerk eines Menschen bestimmt mit, welche Spielräume hinsichtlich Verhalten und sozialer Interaktion möglich sind.

Blick in die Sportlerseele

Lesen Sie hier den Insiderbericht von Tanja Odermatt. Der Text beschreibt, wie sich die junge Athletin fernab ihrer Heimat zurechtfindet, welche Herausforderungen gemeistert wurden und was ihr dabei am meisten geholfen hat.

http://die-sportpsychologen.ch/2017/02/23/tanja-odermatt-fuer-ihren-traum-muss-sie-kaempfen/

 

Literatur:

Cassel J (1975) Social science in epidemiology: Psychosocial processes and „stress“ theoretical formulation. In: Struening EL, Guttentag M (eds) Handbook of evaluation research. Sage, Beverly Hills, pp 537–549.

Cobb S (1976) Social support as a moderator of life stress. Psychosom Med 38: 300–314.

McAteer, M., Hallett and F. Murtagh, L. (2010) Achieving your Masters in Teaching and Learning. Exeter: Learning Matters. Available from: http://lib.myilibrary.com?ID=272528.

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