Tanja Odermatt: Für ihren Traum muss sie kämpfen

Tanja Odermatt ist ein grosses internationales Eiskunstlauftalent. Die Schweizer Meisterin aus dem Jahr 2016 entschied sich für eine Profi-Laufbahn und wechselte in das Team von Franca Bianconi im italienischen Bergamo. Dort erlitt sie im Oktober 2016 eine Bänderverletzungen und kämpft nun wieder um den Anschluss.

Für die-sportpsychologen.ch berichtet:

Tanja Odermatt

Nachdem der Entschluss gefasst war, mich auf den Leistungssport zu konzentrieren, stellte ich mir eine der wichtigsten Fragen in meinem bisherigen Leben: Wo sollte ich zukünftig als Profisportlerin leben? Wo würde das Gesamtpaket Betreuung für mich am optimalsten sein? So viele Fragen und Möglichkeiten! Schliesslich entschied ich mich für eine Testwoche im Team von Franca Bianconi in Bergamo/Italien: Diese Testwoche im IceLab übertraf all meine Erwartungen und ich wurde gleich vom Team aufgenommen. Dann ging alles sehr schnell: Eine Woche später war ich nach Bergamo umgezogen und wohnte dort zuerst in einer Art Jugendherberge, bis ich zusammen mit einer anderen Läuferin eine Wohnung gefunden hatte.

Ziel Olympische Winterspiele

So ging ich nach Italien, ohne genau zu wissen, was mich alles erwartete. Das einzige was ich wusste war, dass ich ab diesem Moment meinen Traum leben durfte! Endlich konnte ich mich ganz auf meine Leidenschaft konzentrieren und alles aus mir „heraus kitzeln“. Ich wollte wissen, wie weit ich es bringen würde. Jedenfalls war ich meinem Kindheitstraum, an den Olympischen Winterspielen teilnehmen zu können, einen grossen Schritt näher gekommen.

Meine Familie hat für mich immer schon eine sehr grosse Rolle gespielt. Sie stand zu jeder Zeit hinter mir und dank ihnen kann ich diesen Sport überhaupt ausüben. Allen voran haben mich meine Eltern schon von klein auf immer unterstützt und neue Möglichkeiten gefunden,  um mich zu fördern: gutes Trainerteam, finanzielle Unterstützung, lange Anfahrten oder sich nach meinem Trainingsplan richten waren/sind nur die wichtigsten Eckpfeiler. Aber auch der Support meiner Schwester ist für mich unglaublich bedeutsam gewesen. Selber Eiskunstläuferin, bringt sie stets ein anderes Verständnis für meine Situationen auf. So habe ich jemanden zum Reden, um Rat zu suchen, zum Herumalbern und die Seriosität des Leben für einen Moment vergessen zu können, jemanden der einen antreibt wenn man das Ziel nicht mehr sieht und und und….! Meine Schwester ist für mich wunderbar und macht das Leben um einiges einfacher und vor allem viel Schöner. Meine ganze Familie ist sowieso mein grösster Fan. Das ist unendlich kostbar und aus diesen Gründen spielt meine Familie eine unglaublich grosse Rolle.

http://die-sportpsychologen.ch/2017/02/23/cristina-baldasarre-zur-bedeutung-der-familie/

Die neue Welt

Kurz nach meinem 19. Geburtstag zog ich also nach Bergamo. Ich hatte gemischte Gefühle auf meiner Reise nach Italien, jedoch wirklich realisiert habe ich die Veränderung in meinem Leben erst, als ich in meiner Wohnung ganz in der Nähe des Eiszentrums eingezogen bin. So ganz ausgezogen von zu Hause in der Schweiz bin ich als Wochenaufenthalterin noch nicht. Ich nehme die gut vier Stunden Autofahrt gerne auf mich, um am Wochenende zu Hause bei meiner Familie zu sein. Aus meiner Perspektive habe ich neu zwei Zuhause, eines bei meiner Familie in bekannter Umgebung und ein ganz Neues, in welchem ich mehr oder weniger auf mich selbst gestellt bin.

In Italien wurde ich schnell ins Team aufgenommen, sie helfen mir beim Italienisch lernen, zeigen mir Ihre Sitten und Gebräuche. Ebenfalls haben sie mir auch mit der Wohnung geholfen und so lebe ganz in der Nähe des Stadions, meist mit einer anderen Läuferin zusammen. Ich gehe einkaufen, koche, putze, flicke und wasche selbst, lerne so ganz nebenbei auch alleine einen Haushalt zu führen.

Herausforderung in der Fremde

Alleine in einem bisher fremden Land zu leben birgt viele Herausforderungen, jedoch habe ich mich relativ schnell daran gewöhnt. Einerseits ist es schön auf mich selber gestellt zu sein und ich kann unglaublich viele Erfahrungen sammeln, andererseits fühle ich mich manchmal schon sehr einsam und vermisse meine Familie und das Zusammensein.

Für meine Sportkarriere ist das Leben in Bergamo ideal. Ich kann mich ganz auf meinen Sport konzentrieren, was mir unendlich viel Freude bereitet. Ich muss nicht ständig nach Eiszeiten oder Eishallen suchen wie es in der Schweiz der Fall war. Hier folge ich einem geregelten und strukturierten Tagesablauf. Ebenfalls ist das Team sehr professionell, so haben wir nicht nur einen Trainer sondern gleich ein ganzes Trainerteam mit acht Trainern auf dem Eis, zusätzlich Off-Ice Coaches, Ballettlehrer, Choreographen, etc. Wir Eisläufer untereinander verstehen uns auch sehr gut: wir helfen und pushen uns immer alle gegenseitig an unsere Grenzen. Für mich ist all dies von grosser Wichtigkeit.

Pro Tag  fünf bis sechs Stunden Training

Ich trainiere montags bis freitags. Pro Tag absolviere ich etwa fünf bis sechs Stunden Training. drei Stunden davon sind auf dem Eis, jeden zweiten Tag Ballett, Dehnungsstunde sowie Täglich Off-Ice. Je nach Bedarf kommt noch ganz individuell Choreographie oder ein Pirouetten-Training  dazu. Das Wochenende ist frei, ausser es steht ein Wettkampf bevor.

Leider bin ich Mitte Oktober auf dem Eis bei der Landung eines Dreifachsprungs sehr ungeschickt gelandet und habe mir mehrere Bänder am Fuss gerissen. Dieser eine Sturz hat mir praktisch die ganze Saison genommen. Nun muss ich Schritt für Schritt alles neu Erlernen und dabei geduldig bleiben. Dieser Aufbau ist zwar ziemlich mühsam und ich bin darauf bedacht, keinen Fehler zu machen und zu schnell wieder zu stark zu belasten. Die Gefahr wäre zu gross, dass ich meine Bänder am Fuss wieder verletze und nochmals einen Rückschlag erleiden würde.

Der Umweg über das Wasser

Bereits am Tag nach dem Unfall war mein erster Physiotermin. Ich erhielt einen ersten Plan, wann ich was wie machen musste: Zum Physiotherapeuten gehen, mich ich selbst massieren, etc. Als ich noch mit Krücken ging, konnte ich zusätzlich zwei Mal in der Woche ins Wasser, um wenigstens meinen Körper zu bewegen. Später habe ich das Belasten und Laufen im Wasser wieder gelernt.

Sobald ich den Fuss einigermassen und ohne allzu grosse Schmerzen Belasten konnte, durften die Krücken einer kleine Schiene weichen. Mehrmals in der Woche hatte ich Physiotherapie, zusätzlich Akupunktur. Nach etwa einem Monat durfte ich ins Fitnesscenter, eine solche Einheit dauerte jeweils ca. drei Stunden. So gewann der Fuss etwas an Kraft und auch Balance, weshalb ich endlich wieder in die Schlittschuhe schlüpfen durfte. Natürlich nur für das gute Gefühl auf dem Eis.

Unglaubliches Gewicht

Nun bin ich soweit, dass ich mein Pensum wieder etwas senken darf, jedoch die Einheiten intensiviere, um Kraft aufzubauen. Da es mein rechter Fuss ist und somit mein Landebein, dauert dieser ganze Aufbau noch länger. Grund dafür ist das unglaubliche Gewicht, welches bei jedem Dreifachsprung abgefangen werden muss. Schritt für Schritt komme ich also wieder zurück.

Als Profisportlerin, wie ich es im Moment sein kann, gehören leider auch Rückschläge und Verletzungen dazu. Wenn man nur die guten und einfachen Seiten eines Spitzensports hätte, dann würde es viel mehr Leute auf diesem Niveau geben. Leistungssport zu machen heisst nicht nur alles zu geben, sondern auch wieder von Rückschlägen aufzustehen.

Das Gefühl, den eigenen Traum zu leben

Niemand hat je behauptet, es würde einfach werden. Erst bei solchen Rückschlägen merkt man, wie wichtig der Sport ist und dass es sich lohnt dafür zu kämpfen. Ich gebe alles, damit ich so schnell wie möglich wieder ganz gesund bin und dort weitermachen kann, wo ich stehen geblieben bin!

Den Schritt ins Ausland würde ich jedenfalls sofort wieder machen. Es ist ein unglaubliches Erlebnis, ein unbeschreibliches Gefühl, meinen Traum leben zu dürfen und so viele Erfahrungen zu sammeln.

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