Christian Bollmann – Der Unvergleichbare (#warum fragen wir nicht einfach die Besten – Episode 7)

Zu allererst der Zufall und dann mein Vertrauen in meinen Instinkt haben mich und den folgenden Spieler zusammengebracht und uns letztendlich dieses Interview ermöglicht.

Was war passiert? Bei einem meiner ersten Besuche bei den Lions im Jahr 2017 saß ich beim Training auf der Bank am Platz. Plötzlich kam ein junger Mann mit Krücken und offensichtlich einer Verletzung am Knie auf mich zu und setzte sich neben mich. Wir unterhielten uns und nach einiger Zeit fragte ich ihn, ob ich ihn für meine Reihe interviewen dürfte. In diesem Moment hatte ich keinen blassen Schimmer davon, wer dieser Mensch eigentlich war, der da neben mir saß. Er hätte ein Spieler sein können, ein Trainer oder nur ein Zuschauer. Aber ganz tief in mir war mir 100% klar, dass es genauso sein sollte. Erst viel später habe ich erfahren, dass dieser Mann von der Bank neben mir einer der Besten American Footballspieler in Deutschland ist.

Christian Bollmann, Wide Receiver bei den New Yorker Lions aus Braunschweig.

Schöne Sammlung

Seine bisherigen erfolge lesen sich wie in einem Buch:

2007 German Bowl Gewinner (Herren), 2008 Junioren Europameisterschaft, 2008 German Bowl Gewinner (Herren), 2009 3. Platz bei der Wahl zum Braunschweiger Sportler des Jahres, 2010 Europameister, 2011 5. Platz der Weltmeisterschaft, 2012 Tryout Detroit Lions NFL, 2013 German Bowl Gewinner, 2014 German Bowl Gewinner und 2. Platz beim Eurobowl, 2015 German Bowl sowie Eurobowl Gewinner, 2016 German Bowl sowie Eurobowl Gewinner, 2017 Eurobowl Gewinner sowie 2. Platz beim German Bowl.

 

Christian, wie bist du zum Football gekommen?

Ein guter Freund von mir und ich sind im Jahre 1999 auf die Lions aufmerksam geworden. Damals war ich zehn Jahre alt. Zu der Zeit waren die Lions sehr erfolgreich und waren dauernd in der Zeitung und im Radio. So entschlossen wir uns, mal ein Spiel anzuschauen. Gleich bei diesem Spiel wurden wir angesprochen, ob wir nicht auch Lust haben, Flag Football zu spielen. In der darauf folgenden Woche sind wir dann das erste Mal zum Hallen Training der Red Cubs 94 gegangen und seit dem bin ich dabei geblieben.

Was hat dich gehalten bei dieser Sportart?

Bereits bevor ich Football gespielt habe, habe ich andere Sportarten ausprobiert, wie z.B. Leichtathletik. Gleich beim ersten Flag Football Training war ich von dem super Teamgeist begeistert, der mich bis heute bei diesem Sport gehalten hat. Besonders ansprechend fand ich dabei, dass im Football viele verschiedene Menschen mit den unterschiedlichsten Charakteren und Hintergründen zusammen kommen. So haben sich über die Zeit viele gute Freundschaften entwickelt. Ebenso hat mich die Atmosphäre bei meinem ersten Lions Spiel im Stadion so überzeugt, dass ich mir dachte: „Eines Tages will ich auch als Spieler auf diesem Feld stehen!“ Da ich sehr früh mit dem Footballspielen angefangen habe, habe ich dadurch auch wichtige Charaktereigenschaften wie Ehrgeiz und Disziplin vermittelt bekommen, die mir auch in anderen Bereichen meines Lebens enorm weitergeholfen haben.

Was macht deiner Meinung nach die spezielle Mentalität eines Spielers deiner Position aus?

Ein Wide Receiver muss immer da sein, wenn er gebraucht wird. Ein Spieler dieser Position wird häufig auf seine Produktivität reduziert. Es kann ein sehr einsamer und harter Job sein. Man muss in Bruchteilen einer Sekunde die richtige Entscheidung treffen und funktionieren. Man muss Misserfolge schnell verarbeiten können, da Fehler eines Wide Receivers (z.B. fallengelassene Bälle) sehr offensichtlich sind und immer heiß kritisiert werden. Daher muss ein Wide Receiver auch kritikfähig sein und mit dem Druck umgehen können, im Spotlight zu stehen. Man darf sich aber auch nicht von der ganzen Kritik unterkriegen lassen und muss Kritik, die einen weiterbringt, von der, die einen nur herunterzieht, unterscheiden können. Dazu gehört auch eine gute Portion Durchhaltevermögen. Auf meiner Position muss man versuchen, seinen Gegenspieler in jedem einzelnen Spielzug zu schlagen und auch wenn man seinen Job zu 100% richtig macht, den Gegner schlägt und die Route richtig läuft, kann es trotzdem sein, dass man nicht angespielt wird.

Zu der Mentalität eines Wide Receivers finde ich ein Zitat aus dem Buch „The ones who hit the hardest“ sehr passend:

“The job of receivers is inherently lonely. They line up at the edge of the field, endure hand-to-hand combat with the man covering them, run at full capacity for ten or twenty or thirty yards or more, and can only hope the quarterback sees them in the three seconds he has to unload the ball. They lack any control over their own destiny, unless they scream, jump up and down, and demand they get the ball, like a six-year-old.”

Was muss ein Spieler deiner Position charakterlich mitbringen?

Ein Spieler auf der Position des Wide Receiver sollte mentale Stärke mitbringen. Denn wenn mal ein Ball fallen gelassen wird, muss man es schnell vergessen um erfolgreich weiter machen zu können. Ein Wide Receiver muss sich seiner Verantwortung für den Erfolg des Teams stets bewusst sein und muss somit mental äußerst belastbar sein. Ich denke, dass zu einem guten Wide Receiver auch eine gewisse Portion Selbstbewusstsein dazugehört, um sich in der konkreten Spielsituation gegen seinen Gegenspieler aber auch gegen mögliche Konkurrenten der gleichen Position durchsetzen zu können. Gleichzeitig sollte jedoch der Teamerfolg an erster Stelle stehen und so muss man seinen persönlichen Erfolg auch einmal in den Hintergrund stellen können.

Was hast du selbst getan, um nicht nur deinen Körper sondern auch deinen Kopf immer wieder weiter zu trainieren?

Mir ist es wichtig, immer gut vorbereitet zu sein. Das bezieht neben der körperlichen auch auf die mentale Vorbereitung. Dazu gehört es, die Spielzüge richtig zu kennen und zu lernen. Außerdem hilft es mir sehr, Videomaterial aus den Trainingseinheiten oder vergangenen Spielen zu schauen und zu analysieren, um eigene Fehler zu entdecken und diese nicht zu wiederholen. Letzten Endes ist es vor einem Spiel immer wichtig, sich mit dem konkreten Gegner zu beschäftigen: „Was sind seine Stärken und Schwächen? Wie reagiert die Defense auf Spielzüge? Wie kann ich meine direkten Gegenspieler schlagen?“

Welches ist dein Glaubenssatz?

Ich habe eigentlich zwei Glaubenssätze:

Mein erster Glaubenssatz ist, dass sich harte Arbeit stets auszahlt. So bleibe ich immer motiviert durchzuhalten und kann mich anspornen mein Bestes zu geben. Das gilt für übergeordnete Lebensziele, aber auch für kleine Aufgaben, so wie die letzte Wiederholung im Fitnessstudio durchzuziehen.

Der zweite Glaubenssatz bezieht sich vielleicht nicht direkt auf Football, aber ich bin der Überzeugung, dass man seine Mitmenschen stets so behandeln sollte, wie man selbst behandelt werden möchte.

Wie motivierst du dich am besten? / Arbeitest du hier mit Videos oder Bildern?

Am Besten kann ich mich mit Bildern oder Videos aus vergangenen Spielen motivieren. Hier kann ich meine Fehler sehen, die ich nicht noch einmal wiederholen möchte, aber auch tolle Momente geben mir Motivation. An einem Spieltag hilft es mir, die richtige Musik zu hören. Ich brauche vor dem Spiel auch immer Zeit für mich, um mich am Besten auf das Spiel einzustimmen.

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Was würdest du jungen Spielern raten?

Ich finde am wichtigsten, immer POSITIV eingestellt zu bleiben. Junge Spieler sollten für Veränderungen offen sein aber auch Durchhaltevermögen mitbringen. Sie dürfen nicht gleich entmutigt sein, wenn sie nicht von Anfang an der „Go-To-Spieler“ sind. Es ist häufig schwer, als Bester und Ältester einer Jugendmannschaft in eine Herrenmannschaft zu kommen, wo man sich erst wieder neu beweisen muss. Dabei hilft natürlich eine gute Portion EHRGEIZ. Man muss gute körperliche und athletische Fortschritte in der Offseason machen, um auf sich aufmerksam zu machen. Letzten Endes ist es doch am wichtigsten eine HOHE LERNBEREITSCHAFT an den Tag zu legen, Tipps von erfahrenen Spielern anzunehmen und durch Übung immer besser zu werden.

Gibt es etwas, was du anders machen würdest, wenn du an einen einen bestimmten Moment deiner Karriere denkst?

Ja. Im Jahr 2011 hat sich eine Chance ergeben, ein Stipendium an einem College in den USA zu bekommen. Durch einige formale Fehler ist aus dieser Chance leider nichts geworden. Rückblickend hätte ich jedoch verbissener sein müssen, um mir diesen Traum zu erfüllen.

Was ist deiner Meinung nach der wichtigste Punkt, an dem die Sportpsychologie und Spieler deiner Position zusammenkommen?

Ich denke, dass die Sportpsychologie Wide Receivern dabei helfen kann, an ihrem Selbstvertrauen zu arbeiten. Besonders nach Verletzungen oder nach Phasen, in denen es mal nicht so gut läuft, muss man lernen, wieder in sich selbst uns seine Fähigkeiten zu vertrauen.

Was glaubst du, was dein Geheimnis ist, um so lange so erfolgreich zu spielen?

Es ist wichtig, sich jedes Jahr neu herauszufordern, um besser zu sein als im Vorjahr. Man  darf sich nicht auf seinen vergangenen Erfolgen ausruhen, sondern muss den Ansporn haben, besser zu sein als in der Vergangenheit. Das beginnt schon in der Offseason: Einerseits sollte man sich die Ziele setzen, körperlich schneller, stärker und besser werden wollen als in der vergangenen Saison. Anderseits sollte man auch versuchen das Spiel an sich und seine Taktiken noch besser zu verstehen. Die Offseason ist auch eine gute Gelegenheit, neue Trainingsmethoden von anderen Sportarten auszuprobieren, die einem vielleicht auch im Football weiterhelfen.

Denkst du Spieler deiner Position haben narzisstische Züge?

Ja, ich denke das sollten sie in einem gewissen Maße haben. Man muss von sich selbst überzeugt sein, da man immer im Rampenlicht steht. Man wird bei guten Spielzügen bejubelt und bei schlechten kritisiert. Ein Receiver ist keine Position, die im Hintergrund verschwindet. Da muss man die Aufmerksamkeit auch in einem gewissen Maße wollen und mögen.

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Muss ein Spieler deiner Position furchtlos sein?

In gewisser Weise muss jeder der American Football spielt, furchtlos sein. Auf die Position des Wide Receivers bezogen, sollte mal keine Angst vor dem Kontakt mit Gegenspielern haben. Wenn man versucht einen Ball zu fangen, muss man sich klar darüber sein, dass aus jeder Richtung ein Gegenspieler kommen kann, der einen versucht, daran zu hindern – da heißt es sich durchzusetzen und die Zähne zusammenzubeißen. Da hilft es auch nicht, vorher in Deckung zu gehen denn es schlägt so oder so ein und da ist es natürlich besser, wenigstens den Ball auch gefangen zu haben ;-).

Mit welcher anderen Position bist du am meisten verbunden?

Mit der des Quarterbacks. Dies hat für mich persönlich zwei Gründe:

Denn in meiner Zeit bei den Junior Lions habe ich diese Position selbst gespielt, bevor ich dann auch mal als Wide Receiver eingesetzt wurde. Die Position des Wide Receivers wollte ich schon immer spielen aber da zu Beginn meiner Jugendfootballzeit dringend ein Quarterback gebraucht wurde, musste ich diese Position spielen. Anfangs tat ich mich damit schwer, aber rückblickend habe ich dadurch ein breites Spielverständnis auch für andere Positionen bekommen können.

Die Position hat mir auch eine Einladung in Camps ermöglicht, um nach Schließung der NFL Europe einen möglichen Platz in einem Practice Squad der NFL zu bekommen. Ebenso musste ich schon das ein oder andere Mal über die Jahre bei den Lions als Quarterback einspringen, also denke ich dass ich mit dieser Position sehr verbunden bin.

Der zweite Grund ist, dass natürlich die Abhängigkeit eines Wide Receivers von dem Quarterback. Es ist unerlässlich, dass zwischen den beiden Positionen eine gute Verbindung und gegenseitiges Verständnis besteht.

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Ist deine mentale Vorbereitung bei einem schwachen Gegner dieselbe, wie bei einem Länderspiel?

Die Vorbereitung ist für mich im Grunde immer die Gleiche, aber natürlich bereitet man sich vor wichtigen Spielen noch etwas intensiver vor. Hauptsächlich muss man sich am Spieltag gut fühlen und dazu trägt es auch bei zu wissen, dass man gut trainiert hat und den Gegner in der Videovorbereitung gut studiert hat.

Hattest du schon einmal Angst vor einem Spiel? Wenn ja, wie konntest du diese überwinden?

Richtige Angst hatte ich noch nicht – aber sehr große Nervosität. Es war zwar nicht vor einem Spiel, aber vor dem Schritt vom Flag Football zum Tackle Football zu wechseln, da hatte ich sehr großen Respekt. Es gab auch zwei Situationen vor Spielen: Die erste Situation, in der ich sehr aufgeregt war, war vor dem Finale der EM 2010. Hier half mir Musik, um mich auf das Spiel zu konzentrieren. Dies hat sich auch mit zwei Touchdowns ausgezahlt. Das zweite Mal war vor dem Eurobowl-Finale in Innsbruck gegen die Raiders im Jahr 2016. Ich war die ganze Zeit sehr entspannt und auf einmal auf dem Weg zum Stadion kam sehr plötzlich die Nervosität. Auch hier hat es mir geholfen, mich zurückzuziehen, Musik zu hören und dabei noch einmal die Spielzüge zu visualisieren um mich wieder zu fokussieren.

Gab es in deiner Karriere Momente, in denen du dir sportpsychologische Hilfe gewünscht hättest?

Ich hatte in meiner Karriere Verletzungen, aufgrund derer ich gezwungen war, meinen Mitspielern von der Sideline aus zuzuschauen. Das fiel mir unheimlich schwer, weil es eine sehr ungewohnte Situation für mich war. Ich habe immer versucht, so schnell wie möglich wieder fit zu werden und konnte es nicht erwarten, wieder spielen zu können. Als dies dann jedoch der Fall war, habe ich nicht sofort wieder meine 100%ige Leistung abrufen können. Es gab zwar keinen konkreten Grund oder Gedanken, aber ich fühlte mich trotzdem so, als spiele ich mit einer „angezogenen Handbremse“. Ich denke schon, dass vor meiner Rückkehr zurück auf das Spielfeld eine sportpsychologische Hilfe durchaus hilfreich gewesen wäre.

Ist es deiner Meinung nach wünschenswert, dass sich die Sportpsychologie im deutschen Football fest etabliert?

Ich denke, dass es Sinn machen würde, um jungen und auch unsicheren Spielern das Football Spielen mental zu erleichtern. Außerdem ist es ein weiterer Schritt, die GFL auf ein besseres sportliches Niveau zu bringen und die Spieler etwas professioneller zu machen.

Natürlich benötigt nicht jeder Spieler einen Sportpsychologen und es wird bei einigen sicher auf Ablehnung stoßen, aber im Großen und Ganzen denke ich, dass alles was einen Spieler besser machen kann, auch den Sport letzten Endes besser macht.