Thorsten Loch: Immer, immer weiter – und dann?

Sportarten: Fußball, Badminton, Leichtathletik, Sportschießen, Karate

Vom Ehrgeiz zerfressen; das Bayern-Gen in jeder seiner Zellen und „immer, immer weiter.“ So kannten wir Oliver Kahn als Torhüter des FC Bayern München. Mittlerweile spricht der TV-Experte auch schon mal vor laufenden Kameras über die harten Stunden in seiner Karriere. Sogar zum Thema Burn out äußerte er sich freimütig. Auch in der aktuellen Dokumentation der Deutschen Welle “Mia san mia” erklärt er, wie unheimlich anstrengend es ist, Spieler einer der besten Mannschaften der Welt zu sein (im Video ab Minute 43:30):

„Jede Saison, immer wieder aufs Neue anzutreten vom ersten Spieltag an, mit dem Anspruch Deutscher Meister werden… Und heute ist der Anspruch ja noch größer wie früher! Deutscher Meister? Minimum! Pokalsieger? Auf jeden Fall! Champions League Sieger mittlerweile am besten auch. Und das jede Saison aufs Neue? Also wenn das nicht anstrengend ist und irgendwann auch mal auf einen Menschen, wenn er nicht Mechanismen entwickelt hat, dass er dies auch ein wenig distanziert betrachtet werden kann. (…) Dass das dann irgendwann selbstzerstörerisch wirken kann – ich glaube, das versteht sich von selbst.“

Oliver Kahn

Zum Thema: Der Umgang mit mentalen Beanspruchungen

Was können wir aber mit Kahns Aussage anfangen? Eine ganze Menge, denn jeder von uns erlebt täglich hohe Beanspruchungen. Egal ob Hochleistungssportler, Auszubildender oder Frührentner. Schauen wir, ohne den Arbeitsbereich Sport zu verlassen, genauer hin: Wann entwickelt sich eine erlebte Beanspruchung zu einer Belastung und welche Folgen können diese auf das Individuum haben, wenn keine adäquaten Bewältigungsmechanismen zur Verfügung stehen?

Niemand, auch kein Leistungssportler, treibt ausschließlich Sport in seinem Leben. Zumindest nicht auf lange Sicht. Immer nur zu trainieren und ausgenommen zu essen, zu schlafen und Wettkämpfe zu betreiben, dazu ist keiner im Stande. Denn sowohl unser Gehirn als auch unser Körper können nur dann funktionieren, wenn sie nicht ständig beansprucht werden. Wie wichtig Pausen und Entspannung sind, erkannte Selye bereits in den frühen 70er-Jahren.

Modell des allgemeinen Adaptationssyndroms (AAS) nach Selye

Eine hohe, anhaltende Belastung – wie eingangs beschrieben – und die daraus resultierenden, erlebte Beanspruchung wird als Stress bezeichnet (Abb. 1). Stress entsteht letztlich in Folge des Eindrucks, für eine Aufgabe keine Lösung bzw. oder nur unzureichende Ressourcen zu besitzen. Die Person hat hierbei also entweder generell oder speziell in dieser Situation keine ausreichenden Möglichkeiten, um diese zu bewältigen.

Abbildung 1. Schematische Darstellung der Relation von Belastung und Beanspruchung

Welche physiologischen Folgen sich mit einem fehlenden Wechsel von Spannung und Entspannung einstellen können, verdeutlicht das Modell des AAS. Selyes Modell beschreibt ein Reaktionsmuster des menschlichen Organismus auf länger anhaltende Belastungen (sog. Stressoren). Der Körper reagiert darauf mit einer unspezifischen aber verlaufstypischen Stressreaktion. Als Mediziner betrachtete Selye vorwiegend physiologische Reaktionen und ließ psychische Aspekte der Stressreaktion vorerst außer Acht. Kognitive Aspekte wurden von ihm erst in seinen späteren Forschungsarbeiten näher betrachtet und rücken schließlich mit den Arbeiten von Lazarus in den Mittelpunkt der Stressforschung. Abgesehen von der spezifischen Wirkung von physiologischen und psychischen Stress haben beide gemein, dass diese eine Anpassung des Organismus verlangen. Dieser Adaptionsprozess (Nitsch, 1981) äußert sich in einer unspezifischen Anpassungsreaktion auf unterschiedliche Situationen, die sich in drei Phasen unterteilen lässt.

Alarmreaktion, Widerstandsfähigkeit und Erschöpfung

Abbildung 2. Modell des allgemeinen Adaptationssyndroms (AAS) nach Selye

Die erste Phase des AAS ist die Alarmreaktion. Sie ist durch ein allgemeines Muster kurzfristig absinkender Leistungsfähigkeit gekennzeichnet, das sich in körperlichen Prozessen äußert. Mithilfe der physiologischen Veränderungen versucht der „Organismus“ unmittelbar der Wiederherstellung seines normalen Funktionierens zu erreichen. Kurzfristige körpereigene Abwehrmechanismen werden zur Wiederherstellung des destabilisierenden Zustandes mobilisiert, die sich von der Mobilisierung von psychischen und physischen Reaktionen in Situationen äußerer Bedrohungen jedoch unterscheiden. Mit anhaltender Belastung folgt die Phase der Resistenz, in der sich die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Stressor erhöht. Zumeist ist in dieser Phase auch die allgemeine Leistungsfähigkeit des Organismus verbessert. Ist dieser jedoch über einen längeren Zeitraum ausgesetzt, reichen seine Ressourcen nicht mehr aus, um sich weiterhin den Belastungen anzupassen. Er tritt dann die dritte Phase ein: Erschöpfung. In dieser Phase können erneut physiologischen Symptome der Alarmreaktion eintreten, die bei weiterem Einwirken des Stressors nicht kompensiert werden können. Die Folgen sind ein Zusammenbruch des Organismus mit Erschöpfungserscheinungen, die zu gesundheitlichen Schäden bis zum Tod führen können.

Maßnahmenplan

Besondere Situationen – wie beispielsweise Konkurrenzsituationen im sportlichen Wettkampf (Eberspächer, 2009) –  ziehen als Konsequenz auf einer mentalen Beanspruchungsreaktion nach sich, dass das Individuum über adäquate psycho-physische Regulations- und Steuerungsmechanismen verfügen sollte. In diesem Zusammenhang liefert die Sportpsychologie dem Athleten unterschiedliche Möglichkeiten (siehe dazu auch http://www.die-sportpsychologen.de/2015/09/14/thorsten-loch-knapp-daneben-ist-auch-vorbei/).

Thorsten Loch: Knapp daneben ist auch vorbei

Einen wertvollen Beitrag dazu können sogenannte Grundlagenfertigkeiten (Beckmann/Elbe, 2011) liefern. Entspannungsmaßnahmen sollten jedoch bei Leistungssportlern nicht der Leistungsoptimierung dienen, sondern eine Unabhängigkeit gegenüber der sportlichen Tätigkeit besitzen. Eberspächer (2009) spricht in diesem Zusammenhang von einer so genannten „Gegenwelt“, die sich gegenüber der Berufswelt abgrenzt. In einer Gegenwelt (vgl. Tabelle 1) ist die Handlung in erster Linie durch Freude geprägt. Hier sollen körperliche und geistige Spannungen gelöst werden, indem die Aufmerksamkeit auf einzelne Phasen eines Prozesses gelenkt werden und weniger auf ein Ergebnis: Handlungsorientierung statt Zielorientierung. Für die Tätigkeit ist keine Rechtfertigung erforderlich, sondern sie obliegt der Selbstbestimmung. Über die Zeit wird sich ein „individuelles Erholungsverhalten“ (Allmer, 1996, S.70) entwickeln, das nach eigenen Ideen und Wünschen zu gestalten ist. Welche Gegenwelt man sich sucht, kann demnach ganz unterschiedlich sein. So weiß man, dass Miroslav Klose regelmäßig auch bei großen Turnieren angeln ging, um sich einen freien Kopf zu verschaffen. Entscheidend ist, dass eine Gegenwelt ein Konstrukt ist, das sich nicht aus Träumen oder Zukunftsplänen speist, sondern etwas,  das möglichst regelmäßig mit vertretbarem Aufwand aufgesucht werden kann und einen festen Platz im Alltag von Sportlern besitzt. Vielen Menschen ist jedoch nicht klar, wo sie beispielsweise Gegenwelt haben bzw. finden können. Es kommt häufiger vor, dass sich Sportler nicht bewusst sind, wo sie ihre „Akkus“ wieder aufladen können, außerhalb des Settings Sport. Im ersten Schritt sollte der Sportler dazu befähigt werden, seine eigene individuelle „Ladestation“ zu finden. In diesem Zusammenhang hat sich in der Praxis bewährt, eine so genannte Energiebilanz aufzustellen (vgl. Abbildung 2). Mit dieser ist der Sportler in der Lage, seine Energiefresser und – gewinn visuell festzuhalten und kommt somit leichter in die Selbstreflexion.

Berufswelt Gegenwelt
Ziel-/Produktorientierung

Begründung rational

Fremdbestimmung

Zeitkontrolle

Verpflichtung

Prozessorientierung

Begründung emotional

Selbstbestimmung

Muße

Freiwilligkeit

Tab. 1. Berufswelt vs. Gegenwelt (nach Eberspächer, 2009)

Abb. 2. Energiebilanz

Fazit:

Im Alltag nutzen wir routinierte Fertigkeiten, um die meisten Anforderungen ohne hohe Beanspruchung zu bewältigen. Ressourcen und Belastungen sind bei diesen Handlungen ausgeglichen und befinden sich in einem Gleichgewichtszustand. Ist der psycho-physische Gleichgewichtszustand zu Gunsten einer Seite der Waage gestört, entstehen zwei weitere beanspruchungsspezifische Grundformen: Überforderung oder Unterforderung. Beide Zustände ziehen Konsequenzen für die individuelle Leistungsfähigkeit nach sich, die sich in einer eingeschränkten Steuerungsfähigkeit der situations- und anforderungsgerechten Handlung widerspiegeln. Langfristig können auch gesundheitliche Probleme daraus resultieren. Um Schäden zu vermeiden, verfügt der Mensch neben autonom ablaufenden Wiederherstellungsprozessen über die Möglichkeit, bewusst regulierend die Folgen einer Beanspruchungsreaktion in eine, für die Gesundheit und Leistung optimale Richtung zu lenken. Diese Steuerungs- und Regulationsmechanismen werden sowohl in der Regulation situativer Anforderungen (z.B. Wettkampf) oder als Mechanismen des Spannungsausgleichs zwischen zwei aufeinander folgenden Belastungen mit unterschiedlicher Zeitspanne genutzt.

Gern stehen meine Kollegen und ich für weitere Fragen zur Verfügung:

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Zu den Profilen von Die Sportpsychologen

Und bitte nicht die Doku “Mia san mia” vergessen. Lohnt sich:

Literatur:

Allmer, H.: Erholung und Gesundheit: Grundlagen, Ergebnisse und Massnahmen. Hogrefe Verlag, 1996.

Beckmann, J./Elbe, A.: Praxis der Sportpsychologie: mentales Training im Wettkampf- und Leistungssport. Spitta Verlag, 2011.

Eberspächer, H.: Ressource Ich: Stressmanagement in Beruf und Alltag. Carl Hanser Verlag, 2009.  

Nitsch, J.: Stress. Theorie, Untersuchungen, Massnahmen. Hans Huber Verlag, 1981.

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