Das enttäuschende Abschneiden der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft bei Olympia 2026 ist noch gar nicht lang her, da droht jetzt bei der Eishockey-WM in der Schweiz schon das nächste Fiasko. Mit null Punkten nach den ersten drei Spielen ist der Einzug in die K.o.-Runde mindestens gefährdet. Es ist bereits die Rede von unserer größten WM-Pleite seit 89 Jahren. Und das – Vorsicht, Ironie! – nachdem wir auf dem besten Weg zur Eishockey-Übermacht waren. Wie konnte es nur so weit kommen?
Zum Thema: Der Zusammenhang von Teamidentität und Leistungspotential
Mit Olympia-Silber 2018, WM-Silber 2023 und Namen wie Draisaitl, Stützle oder Seider, die der NHL, der besten Eishockeyliga der Welt, ihren Stempel aufdrücken, schien das deutsche Eishockey im internationalen Vergleich endgültig ganz oben angekommen zu sein. Für die WM-Endrunde, auch wenn die allergrößten Stars diesmal fehlen, hieß das Minimalziel Viertelfinale. Weltmeister? Durchaus möglich! Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft kann jeden schlagen. So hörte man in der letzten Zeit immer wieder. Und prompt blieben die großen Erfolge aus. Ein Zufall?
Ich denke nicht. Am stärksten spielte die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft immer dann, wenn man ihr nicht so viel zugetraut hatte. In der Rolle des Underdogs. Mit bescheidenen, aber realistischen Zielen. Da ist ein Muster zu erkennen: Die Mannschaft entfaltet ihr Potenzial vor allem aus der Außenseiterrolle heraus, während hoher Erwartungsdruck ihre Leistungsfähigkeit sichtbar hemmt. Ist es im Sinne der Leistungsbereitschaft und des Kampfgeistes also besser, eine Haltung aus Bodenständigkeit, Arbeitsmoral und Wachsamkeit einzunehmen als aus einem Gefühl vermeintlicher Überlegenheit zu agieren?
Gut möglich, aber da ist in meinen Augen noch etwas …
Aufgesetzte Identität
Vielleicht ist es eine Unterstellung – aber dennoch stelle ich hier mal eine kühne Behauptung zur Diskussion: Die deutsche Nationalmannschaft bekommt neuerdings etwas eingeredet, was sie nicht ist. Was ich damit meine: Die meisten deutschen Nationalspieler sind im internationalen Vergleich mit den Top-Nationen weder brillante Techniker noch herausragende Skater. Die deutsche Nationalmannschaft steht nicht für spielerische Eleganz, Finesse und ausgeprägte Skill-Sets. Und dennoch haben wir, angefangen bei den Fans, den Fachleuten bis mindestens zu den Medien, nach den jüngeren Erfolgen womöglich versucht, genau das der Mannschaft und ihren Spielern zu verkaufen – vollends am eigentlichen und wahrhaftigen Potenzial vorbei. Aber einer aufgesetzten Identität gerecht zu werden, ist immer schwer bis unmöglich. Echte Potenzialentfaltung kann nur da passieren, wo Authentizität herrscht und man sich seiner ureigenen Stärken bewusst ist. Für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft heißt das aus meiner Sicht: Disziplin, Kampfgeist, mannschaftliche Geschlossenheit, Effizienz statt Spektakel.
Vielleicht schafft die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft es ja in diesem Turnier noch, sich auf ihre guten alten Tugenden zu besinnen und allen zu zeigen, wozu sie fähig ist. In der Sportpsychologie raten wir diesbezüglich gern zur Ehrlichkeit, ungeschminkten Wahrheiten und dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

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