Ein Jugendfußballturnier am Wochenende: Viele Spiele, viele Teams – und doch wirkt es, als sähe man immer wieder das Gleiche. Strukturiertes Aufbauspiel, abgesicherte Formationen, kaum Dribblings oder riskante Aktionen. Was zählt, ist das Funktionieren des Systems. Wer auffällt, stört. Schnell wird dann der Ruf nach den sogenannten „Persönlichkeiten“ laut. SpielerInnen, die mutig sind, die anders denken, die mit Kreativität und Instinkt Spiele entscheiden können. Doch wo sind sie geblieben – die Ansgar Brinkmanns, die Straßenfußballer, die unverwechselbaren Typen, die sich nicht in ein Schema pressen lassen?
Zum Thema: Wie können junge AthletInnen so gefördert werden, dass ihre individuelle Stärke Raum bekommt – statt sie früh in taktische Systeme einzupassen?
„Wir müssen im Nachwuchs weg vom taktisch orientierten Denken und hin zur Entwicklung von Spezialisten.“ Mit diesem klaren Statement im kicker hat Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche vor Monaten genau diesen Eindruck auf den Punkt gebracht – und damit eine Diskussion angestoßen, die weit über den Fußball hinausreicht.
Denn eines ist klar: Die jungen FußballerInnen von heute sind technisch nicht schlechter ausgebildet – im Gegenteil, die Trainingsmöglichkeiten sind moderner und vielfältiger denn je. Aber warum zeigen sie es nicht? Was hindert sie daran, ihre Kreativität, ihre Instinkte, ihre Stärken wirklich auszuspielen?
Makro-Ebene: Strukturen und Systeme
Ein Blick auf die Nachwuchsausbildung in Deutschland zeigt: Vieles dreht sich um Ordnung, Taktik und mannschaftliche Geschlossenheit. Schon in jungen Jahrgängen zählt, ob eine U15 „funktioniert“. Spielsysteme werden einstudiert, kollektive Abläufe perfektioniert. Der individuelle Ausdruck einzelner SpielerInnen – ein riskantes Dribbling, ein mutiger Abschluss, ein kreativer Pass – gerät dabei oft in den Hintergrund.
Die sportwissenschaftliche Forschung unterstreicht, warum das problematisch ist. Das Modell des Long-Term Athlete Development (Balyi & Hamilton, 2004) betont, dass Talente alters- und entwicklungsgerecht gefördert werden müssen. Gerade die Balance zwischen allgemeinen Grundlagen und individueller Spezialisierung entscheidet darüber, ob sich langfristig Spitzenleistungen entwickeln.
Côté et al. haben im Developmental Model of Sport Participation (Côté, 1999; Côté, Baker & Abernethy, 2007) gezeigt, dass vor allem die Phase des freien Spiels („deliberate play“) entscheidend für Kreativität und Spielintelligenz ist. Wer zu früh in starre Systeme gezwungen wird, verliert jene Freiräume, die für die Ausbildung unverwechselbarer Spielertypen nötig sind.
Auch das Konzept des bewussten, zielgerichteten Übens („deliberate practice“) von Ericsson et al. (1993) ist hier zentral. Die Grundidee – dass intensives, fokussiertes Üben Voraussetzung für Expertise ist – gilt weiterhin als anerkannt. Neuere Arbeiten (Macnamara et al., 2014; Hambrick et al., 2016) machen jedoch deutlich: deliberate practice allein reicht nicht. Entscheidend sind zusätzlich Faktoren wie Talent, Motivation und die Qualität des Umfelds. Für die Talententwicklung bedeutet das: Strukturiertes Training ist wichtig – aber ohne Spielräume für Kreativität bleibt es unvollständig.
Gerade im Fußball gibt es dazu empirische Evidenz. Hornig, Aust & Güllich (2016) konnten nachweisen, dass deutsche Top-SpielerInnen im Jugendalter vor allem durch variable Spiel- und Praxiserfahrungen geprägt waren. Wer vielfältiger gefordert und ausprobierend spielen durfte, hatte langfristig bessere Chancen, im Profibereich Fuß zu fassen.
Eine aktuelle Studie im deutschen Talentpfad bestätigt diese Sicht: Hauser et al. (2024) zeigen, dass die Qualität des sozialen Klimas im Nachwuchsleistungszentrum entscheidend mit der Entwicklung von Talenten zusammenhängt. Systeme, die zu stark auf kurzfristige Ergebnisse ausgerichtet sind, hemmen dagegen das langfristige Entwicklungspotenzial.

„To play with freedom was the motto at the time.“
Ein Beispiel liefert Jamal Musiala, der über seine Jugendzeit in England berichtet:„To play with freedom was the motto at the time.“ In England lernte er, individuelle Technik zu nutzen, Eins-gegen-Eins-Situationen zu suchen, kreativ zu sein – auch mit dem Risiko, Fehler zu machen. Diese Erfahrungen sagen viel darüber aus, wie wichtig Freiräume sind, gerade in frühen Jahren. (Musiala taking inspiration from England’s youth teams for Germany | World Cup 2022 | The Guardian– Musiala selbst betont auch, dass dies sein persönlicher Weg war; nicht alle Jugendakademien funktionieren so.)
Foto: Canva IA
Mikro-Ebene: Psychologische Perspektive
Während die strukturelle Ebene zeigt, wie stark Systeme die Entwicklung prägen, rückt die psychologische Ebene das Individuum in den Mittelpunkt. Besonders die Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan, 1985; Ryan & Deci, 2000; Ryan & Deci, 2017) bietet hier ein klares Erklärungsmodell: Menschen sind dann motiviert und entwickeln ihr Potenzial, wenn drei Grundbedürfnisse erfüllt sind – Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit.
- Autonomie: Wer eigene Entscheidungen treffen und Stärken einbringen darf, erlebt Selbstbestimmung. Werden SpielerInnen nur taktisch eingeengt, sinkt ihre intrinsische Motivation (Ryan & Deci, 2017).
- Kompetenz: Wer in seiner Rolle Fortschritte erlebt – etwa als Stürmer, Spielmacher oder Verteidiger – steigert das Gefühl, etwas Besonderes beizutragen (Deci & Ryan, 2000).
- Soziale Eingebundenheit: Wenn TrainerInnen und MitspielerInnen diese Stärken wertschätzen, steigt die Bindung an Team und Sport (Ryan & Deci, 2017).
Wissenschaftliche Befunde bestätigen die Praxisrelevanz: Vallerand (2007) zeigt, dass erfüllte psychologische Grundbedürfnisse die intrinsische Motivation und die Bereitschaft zu Verantwortung im Sport verstärken. Aktuelle Studien belegen zudem, dass Motivation nicht stabil bleibt, sondern dynamisch mit der erlebten Trainingsumgebung zusammenhängt. So konnten Rodrigues et al. (2024) in einer Längsschnittstudie im Jugendfußball nachweisen, dass die anfängliche Freude am Spiel und ein unterstützendes Klima maßgeblich bestimmen, ob SpielerInnen über eine Saison hinweg motiviert bleiben.
Auch soziale Unterstützung ist ein Schlüsselfaktor: Wachsmuth et al. (2025) zeigen, dass Jugendliche Motivation und Bindung besonders dann entwickeln, wenn sie Rückhalt von TrainerInnen, Eltern und Team spüren. Diese Ergebnisse unterstreichen: Individuelle Förderung bedeutet nicht nur technische Ausbildung, sondern vor allem psychologische Rahmung.
Fazit
Markus Krösches Kritik verweist auf mehr als nur eine taktische Frage: Es geht um die Grundhaltung in der Talentförderung. Wer individuelle Stärken erkennt und gezielt entwickelt, schafft nicht nur Spezialisten für bestimmte Positionen – sondern auch motivierte, selbstwirksame Persönlichkeiten.
Individuelle Förderung ist kein Widerspruch zum Teamgedanken – sie ist sein Fundament. Denn nur wenn SpielerInnen erleben, dass ihre besonderen Fähigkeiten gesehen und geschätzt werden, sind sie bereit, in entscheidenden Momenten Verantwortung zu übernehmen.
Praktischer Hinweis:
Für TrainerInnen im Alltag bedeutet das: Neben den taktischen Vorgaben lohnt es sich, Trainingseinheiten bewusst mit Freiräumen zu gestalten. Kleine 1-gegen-1-Formate, kreative oder offene Spielformen fördern nicht nur Technik, sondern auch Autonomie und Mut. Oft reicht schon ein kurzer Teil der Einheit, um SpielerInnen das Gefühl zu geben: Hier darf ich mich oder eine Idee ausprobieren.

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Literaturverzeichnis
Balyi, I., & Hamilton, A. (2004). Long-Term Athlete Development: Trainability in childhood and adolescence.
Côté, J., Baker, J., & Abernethy, B. (2007). Practice and play in the development of sport expertise. In S. J. Singer, H. A. Hausenblas & C. M. Janelle (Eds.), Handbook of Sport Psychology (3. Aufl.), 184-202.
Deci, E. L., & Ryan, R. M. (1985). Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior.
Ericsson, K. A., Krampe, R. T., & Tesch-Römer, C. (1993). The role of deliberate practice in the acquisition of expert performance. Psychological Review, 100(3), 363-406.
Hauser, L.-L., Höner, O., & Wachsmuth, S. (2024). Links between environmental features and developmental outcomes of elite youth athletes: A cross-sectional study within the German talent pathway. Psychology of Sport & Exercise, 71, 102569.
Hornig, M., Aust, F., & Güllich, A. (2016). Practice and play in the development of German top-level professional football players. European Journal of Sport Science, 16(1), 96-105.
Rodrigues, F., Monteiro, D., Matos, R., Jacinto, M., Antunes, R., & Amaro, N. (2023). Motivation among teenage football players: A longitudinal investigation throughout a competitive season. European Journal of Investigation in Health, Psychology and Education, 13(9), 1717-1727.
Rodrigues, F., Monteiro, D., Matos, R., Jacinto, M., Antunes, R., & Amaro, N. (2024). Exploring the dynamics of athletes’ enjoyment and self-determined motivation, and of the motivational climate in youth football: A longitudinal perspective. Perceptual & Motor Skills, 131(2), 551-567.
Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68-78.
Vallerand, R. J. (2007). Intrinsic and extrinsic motivation in sport and physical activity. In G. Tenenbaum & R. C. Eklund (Eds.), Handbook of Sport Psychology (3. Aufl.), 59-83.
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