Kürzlich erreichte uns auf der Plattform Die Sportpsychologen die Frage, ob es in Ordnung sei, dass ein und derselbe Sportpsychologe oder ein und dieselbe Sportpsychologin gleichzeitig für zwei konkurrierende Teams arbeiten kann? Diese Frage hat uns Hans-Jürgen geschickt und Anke Precht hat sich dazu sehr ausgewogen geäußert (Link zum Text unten). Bei mir hat die Fragestellung echt gearbeitet, so dass ich mich entschlossen habe, meine Perspektive zu ergänzen.
Zum Thema: Identität durch Abgrenzung
Dabei ist es mir besonders wichtig zu betonen, dass ich die Positionen und Erfahrungen der Kolleginnen und Kollegen ausdrücklich respektiere, denn gerade die Sportpsychologie lebt – wie viele angewandte Disziplinen – von unterschiedlichen Perspektiven, theoretischen Zugängen und praktischen Erfahrungen. Mein Anliegen ist daher nicht, eine Gegenposition im Sinne einer persönlichen Kritik zu formulieren, sondern vielmehr, einige Gedanken aus meiner eigenen fachlichen Perspektive zu teilen. Dabei beziehe ich mich insbesondere auf die psychodynamische Perspektive, die den Fokus nicht nur auf bewusste kognitive Prozesse legt, sondern vor allem auch auf unbewusste Beziehungsdynamiken, Vertrauensprozesse sowie die Bedeutung von emotionaler Sicherheit innerhalb von Arbeitsbeziehungen.
Aus dieser Perspektive heraus möchte ich einige Überlegungen zur Frage der gleichzeitigen Betreuung von zwei direkt konkurrierenden Mannschaften durch einen Sportpsychologen teilen. Dieses Thema erscheint nämlich nicht nur als eine organisatorische oder formal-ethische Fragestellung, sondern auch als ein Thema, das grundlegende psychologische Mechanismen berührt, die häufig unabhängig von bewussten Absichten oder professionellen Standards wirksam sind.
Frage der Wirksamkeit
Im weiteren Verlauf möchte ich diese Fragestellung daher insbesondere aus der Perspektive der Beziehungspsychologie, der Vertrauensforschung sowie der Gruppendynamik betrachten – also aus Bereichen, die sowohl in der Forschung als auch in der Praxis als zentrale Faktoren für die Funktionsfähigkeit von Teams sowie für die Wirksamkeit sportpsychologischer Betreuung gelten.
Ein zentraler Aspekt der psychologischen Arbeit im Leistungssport betrifft nicht ausschließlich bewusst steuerbare kognitive Prozesse, sondern in hohem Maße auch unbewusste Dynamiken, emotionale Übertragungsprozesse sowie implizite Beziehungsmuster. Gerade in der sportpsychologischen Praxis spielen Vertrauen, das Erleben von Vertraulichkeit, emotionale Sicherheit sowie die wahrgenommene Loyalität der betreuenden Person eine entscheidende Rolle. Diese Faktoren entstehen jedoch nicht ausschließlich auf einer rationalen Ebene, sondern werden stark durch unbewusste Bewertungs- und Wahrnehmungsprozesse beeinflusst. Selbst wenn ein Sportpsychologe mit höchster Professionalität, Transparenz und ethischer Klarheit versuchen würde, zwei konkurrierende Teams gleichzeitig zu betreuen, lässt sich aus psychologischer Sicht kaum verhindern, dass allein das Wissen um diese Doppelrolle Reaktionen auf Seiten der Athleten auslöst. Dazu können – häufig auch unbewusst – Gefühle von Unsicherheit, subtiler Zweifel an der Vertraulichkeit, verstärkte Rivalitätsgefühle oder auch Loyalitätskonflikte gehören. Entscheidend ist dabei, dass solche Prozesse nicht zwingend bewusst reflektiert werden müssen, um dennoch Wirkung auf das Erleben von Sicherheit, Offenheit und Vertrauen zu entfalten.
Aus gruppenpsychologischer Sicht ist zudem gut belegt, dass Teams ihre Identität nicht nur über gemeinsame Ziele, sondern auch über die Abgrenzung zu konkurrierenden Gruppen definieren. In diesem Zusammenhang kann auch die symbolische Zugehörigkeit von Schlüsselpersonen – wozu auch Sportpsychologen zählen können – eine relevante Rolle für die wahrgenommene Integrität der eigenen Gruppe spielen. Wird eine solche Person als gleichzeitig beiden Seiten zugehörig wahrgenommen, kann dies zumindest potenziell zu wahrgenommenen Rollenkonflikten führen – unabhängig davon, ob diese objektiv bestehen oder nicht.
Ergänzend dazu zeigt auch die Organisationspsychologie, dass sogenannte conflicts of interest selbst bei hoher professioneller Integrität eine strukturelle Herausforderung darstellen können. Diese bedeuten nicht zwangsläufig tatsächliche Fehlentscheidungen, sondern beschreiben vielmehr Situationen, in denen sich Interessenlagen überschneiden und dadurch zumindest theoretisch Einfluss auf Wahrnehmungen, Entscheidungen oder Beziehungen nehmen könnten – oftmals subtil und ohne bewusste Absicht. Gerade weil sportpsychologische Arbeit in hohem Maße auf Vertrauen, Beziehungsgestaltung sowie auf implizitem Wissen über mentale Prozesse beruht, erscheint eine vollständige psychologische Trennung dieser Einflüsse in der praktischen Realität zumindest anspruchsvoll. Selbst bei klaren ethischen Leitlinien bleibt daher die Frage bestehen, wie solche Konstellationen von den Athleten subjektiv erlebt und interpretiert werden?
Interessenkonflikt
Ein weiterer interessanter Vergleich ergibt sich aus der ökonomischen und organisationspsychologischen Praxis. In vielen Branchen gehören sogenannte Wettbewerbsverbotsklauseln (Non-Compete Agreements) seit Langem zu etablierten Standards. Ihr Zweck besteht dabei nicht darin, mangelndes Vertrauen zu unterstellen, sondern vielmehr darin, strukturelle Interessenkonflikte präventiv zu vermeiden, sensibles Wissen zu schützen und klare Loyalitätsverhältnisse zu schaffen.
Die zugrunde liegende Logik ist dabei relativ einfach: Selbst bei hoher Professionalität und bestem Willen können sich durch Überschneidungen von Interessen Situationen ergeben, die potenzielle Risiken bergen. Organisationen versuchen daher oft nicht erst dann zu reagieren, wenn Probleme entstehen, sondern schaffen bereits im Vorfeld klare Rahmenbedingungen, um mögliche Graubereiche gar nicht erst entstehen zu lassen. Überträgt man diese Überlegung auf den Leistungssport, erscheint es zumindest nachvollziehbar, ähnliche präventive Prinzipien in Betracht zu ziehen. Sportpsychologen erhalten im Rahmen ihrer Tätigkeit zwangsläufig Einblicke in individuelle mentale Strategien, Stressverarbeitungsmuster, Motivationsstrukturen sowie auch in mögliche psychische Vulnerabilitäten von Athleten. Auch wenn der professionelle und ethische Umgang mit diesen Informationen selbstverständlich ist, bleibt bereits die Existenz dieses Wissens ein sensibler Faktor im direkten Wettbewerbskontext.
Zusammenfassung
Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass eine gleichzeitige Betreuung von zwei konkurrierenden Teams unter streng eingehaltenen professionellen Standards theoretisch möglich erscheint. Aus einer psychologischen, gruppendynamischen sowie präventiv-organisationalen Perspektive könnte jedoch argumentiert werden, dass klare strukturelle Trennungen in vielen Fällen die sicherere Lösung darstellen – nicht als Ausdruck von Misstrauen, sondern als Maßnahme zur Stabilisierung von Vertrauen, Klarheit von Rollen sowie zur Förderung der wahrgenommenen psychologischen Sicherheit der Athleten.
Diese Überlegungen stellen selbstverständlich nur eine mögliche fachliche Perspektive dar und sollen vor allem als Beitrag zu einer differenzierten und respektvollen Fachdiskussion verstanden werden. Gerade weil sich die Sportpsychologie in einem Spannungsfeld zwischen Praxis, Ethik und Beziehungsarbeit bewegt, erscheint ein offener, reflektierter Austausch über solche Themen nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig für die Weiterentwicklung unseres Berufsfeldes.
Danke an Hans-Jürgen für die Frage und danke an Anke, die mich inspiriert hat, über dieses Thema nachzudenken. Ich freue mich auf den internen Austausch im Netzwerk und Diskussionen mit euch, die ihr die Texte gelesen habt.

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