Kyle Varley: Für mehr Fokus auf die mentale Gesundheit im Sport

In der Schweiz fehlt nach wie vor die Bereitschaft, in die mentale Gesundheit und Unterstützung der Athleten zu investieren. Kürzlich hat der Radsportverband Swiss Cycling einen mutigen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Nach der viralen Geschichte von Marlene Reusser, die aus mentalen Gründen das Zeitfahren der Rad-WM 2023 abbrach, und interner Reflexion im Verband, ist man zum Schluss gekommen, dass eine Anlaufstelle für die mentale Gesundheit der Athlet*innen eingerichtet werden soll. Ein genialer Schritt vorwärts. Denn in der organisierten Sportlandschaft drumherum sind solche Massnahmen noch eher eine Rarität. Wie lang können sich das Vereine und Verbände noch leisten?

Zum Thema: Ein Appell an die Schweizer Sportszene

Viele Verbände und Vereine in der Schweiz verzichten grösstenteils ganz auf die Zusammenarbeit mit Sportpsycholog*innen oder schieben die Verantwortung auf die Athlet*innen ab. Das trotz steigender Akzeptanz in der Gesellschaft zum Thema mentale Gesundheit und obwohl führende olympische Länder im Ausland diesen Schritt in ein mental unterstütztes Umfeld schon lange hinter sich haben. Die Schweiz muss aus meiner Sicht agieren und zeitgemässe Veränderung anstreben, damit sie im internationalen Kontext nicht abgehängt wird. Doch was für Massnahmen sollen die Sportvereine und -verbände ergreifen, um diese Mängel zu beheben?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns drei Bereiche etwas näher unter die Lupe nehmen: 

  • die mentale Gesundheit 
  • Zusammenhang zwischen mentaler Gesundheit und Leistung im Sport
  • Definition von wichtigen Erfolgsfaktoren im Sport
  1. Wie stehts um die mentale Gesundheit von (Schweizer) Athlet*innen?

In der modernen Welt wird mehr und mehr verstanden, dass Athlet*innen keine Übermenschen sind, die sich komplett von Normalsterblichen abheben, sondern viel mehr genauso Menschen sind wie du und ich. Die Beispiele Marlene Reusser, US-Tennisspielerin Naomi Osaka oder die Magglinger Protokolle in der Schweiz machen dies klar. Auch gibt es mittlerweile verschiedene Kampagnen dazu im Sport, wie die der UEFA gegen Online-Missbrauch (UEFA.com, 2022). 

Um die mentale Verfassung von Athlet*innen besser zu verstehen, wurde eine umfängliche Studie von Röthlin et al. (2023) an der Hochschule in Magglingen durchgeführt. Mit ihr wurde gezeigt, dass Schweizer Sportler*innen in einem ähnlichen Ausmass wie die Durchschnittsbevölkerung mit mentalen Störungen konfrontiert sind. Jede/r sechste Athletin und Athlet soll nämlich an depressiven Symptomen leiden. Verletzen sich Athlet*innen, steigen die Zahlen noch weiter und nehmen ein grösseres Ausmass an als in der Durchschnittsbevölkerung. Auch gibt es bestimmte Risiko-Gruppen, wie z.B. die ästhetischen Sportarten, in denen Essstörungen viel höher verbreitet sind als in der allgemeinen Bevölkerung (25% zu 1-5%). Diese und weitere Studien (z.B. Rice et al., 2016) zeigen also, dass Athlet*innen genauso oder gar noch stärker unter psychischen Belastungen leiden als Nicht-Athleten. Doch wieso spielt das eine Rolle für die Schweizer Sportverbände und -vereine?

  1. Worin besteht der Zusammenhang zwischen mentaler Gesundheit und Leistung im Sport?

Nebst dem offensichtlichen, humanitären Grund, Menschen in ihren Leiden zu unterstützen, gibt es auch weitere Argumente dafür, dass Vereine und Verbände Ihre Athlet*innen in ihrer mentalen Gesundheit unterstützen sollten. Der Konsens heutzutage in der sportpsychologischen Wissenschaft ist, dass die mentale Gesundheit der Athlet*innen als notwendige Basis für sportliche Leistung dient (Schinke et al., 2018). Auch stehen diverse psychologische Grundbedürfnisse, wie z.B. die Bedürfnisse nach Autonomie und Kompetenz, im Zusammenhang mit leistungsförderlichen Faktoren wie intrinsische Motivation und Selbstvertrauen (Deci & Ryan, 2013). In anderen Worten: Geht es Athlet*innen gut, fühlen sie sich kompetent und unterstützt, dann bringen sie bessere Leistungen, wenn es drauf ankommt. Haben also Sportvereine und -verbände das Interesse ihrer Sportler*innen im Sinn, – sowohl menschlich als auch leistungsbezogen – sollten sie alles daran setzen, Ihre Athlet*innen auch im mentalen Bereich zu unterstützen. 

  1. Was sind weitere wichtige Erfolgsfaktoren im Sport?

Die mentale Gesundheit ist also eine absolute Notwendigkeit, bei deren Sportpsycholog*innen  Spitzensportler*innen unterstützen können. Doch es gibt noch weitere Erfolgsfaktoren, anhand deren eine solche Zusammenarbeit nutzvoll sein kann. In einer Studie von Jokuschies & Conzelmann, (2014) wurden Schweizer Fussball U-Nationaltrainer befragt, welche Kriterien junge Fussballer am ehesten erfüllen müssten, um sich als erfolgreicher Profisportler zu etablieren. Sie hatten alle möglichen denkbaren Kriterien zur Verfügung (technisch, taktisch, mental, Umfeld, körperlich). Mit Abstand am meisten erwähnte Kriterien waren mentale, wie z.B. die Leistungsmotivation oder Persönlichkeitsvariablen. Dies wird validiert durch das Wissen, das Trainereinschätzungen im Fussball die Talenterkennung von Spielern zusätzlich zu multidimensionalen Tests (Motorik, soziale Unterstützung, Psychologie, Entwicklungsstand, Trainingshistorie) signifikant verbessern (Sieghartsleitner et al., 2019). Trainer wissen also, wovon sie sprechen und sie sind der Meinung, dass der Kopf einer der absoluten Schlüsselfaktoren für sportlichen Erfolg sei. 

Massnahmen

Fassen wir zusammen: (Schweizer) Sportler*innen leiden also genauso wie die Bevölkerung unter psychischen Belastungen. Diese Belastungen haben einen Einfluss auf ihr Wohlbefinden und ihre sportlichen Leistungen. Auch gibt es weitere mentale Faktoren, die einen Einfluss auf sportliche Leistung haben können. Und trotzdem ist der Swiss Cycling Verband neben Swiss Aquatics, dem Turnverband STV, dem Schweizer Fussballverband (Frauen-Nationalteams) und dem Schweizer Handballverband (Frauen-Nationalteams) mit seiner vorbildlichen neuen Anlaufstelle einer der ersten Verbände in der Schweiz, der solch wichtige Massnahmen ergreift. 

Die konkreten Massnahmen von Swiss Cycling, sprich die Abklärung der psychischen Gesundheit der Athlet*innen, Präventionsmassnahmen im Verband und Forschung zur Förderung der psychischen Gesundheit, widmen sich den wichtigsten Themen, die in den oberen Abschnitten erwähnt wurden. Diese sollte jeder Verband und auch Verein als Basis für seine Athlet*innen anbieten. Gern unterstützen meine Kollegen und Kolleginnen von Die Sportpsychologen bei entsprechendem Interesse. Zum Teil waren wir für einzelne Verbände diesbezüglich schon aktiv. 

Weiter kann man sich bei den britischen und amerikanischen Verbänden und Vereinen eine Scheibe abschneiden. Dort steht den Athlet*innen in den meisten olympischen Verbänden und privaten Sportvereinen mittlerweile ein Performance Psychologe zur Verfügung, mit denen eng an leistungsorientierten Themen wie Selbstvertrauen, Motivation und weiteren gearbeitet wird. Nebst der mentalen Gesundheit sollte auch die mentale Leistungserbringung unterstützt werden, um im internationalen Vergleich zu bestehen. Möchte sich also die Schweiz weiterhin als erfolgreiches Sportland halten und nicht von den anderen Ländern abhängen lassen, sind zeitgemässe Veränderungen gefragt. Die Expertise ist vorhanden. 

Mehr zum Thema:

Literatur:

Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2013). Intrinsic motivation and self-determination in human behavior. Springer Science & Business Media. https://books.google.com/books?hl=en&lr=&id=M3CpBgAAQBAJ&oi=fnd&pg=PA1&dq=Deci,+E.L.,+%26+Ryan,+R.M.+(1985).+Intrinsic+motivation+and+self-determination+in+human+behavior&ots=uokDiR0Y-9&sig=41VgCKnwtOKJnC2u9U9zYVcA61A

Jokuschies, N. M., & Conzelmann, A. (2014, May 31). Subjektive Talentkriterien von Fussballtrainern in der Talentselektion. In Jokuschies, Nina Maria; Conzelmann, Achim (31 May 2014). Subjektive Talentkriterien von Fussballtrainern in der Talentselektion (Unpublished). In: 46. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp). München. 29. – 31.05.2014. [Info:eu-repo/semantics/conferenceObject]. 46. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp), München. https://boris.unibe.ch/67027/

Rice, S. M., Purcell, R., De Silva, S., Mawren, D., McGorry, P. D., & Parker, A. G. (2016). The Mental Health of Elite Athletes: A Narrative Systematic Review. Sports Medicine, 46(9), 1333–1353. https://doi.org/10.1007/s40279-016-0492-2

Röthlin, P., Horvath, S., Ackeret, N., Peter, C., & Birrer, D. (2023). The mental health of Swiss elite athletes. Swiss Psychology Open, 3(1), 2.

Schinke, R. J., Stambulova, N. B., Si, G., & Moore, Z. (2018). International society of sport psychology position stand: Athletes’ mental health, performance, and development. International Journal of Sport and Exercise Psychology, 16(6), 622–639. https://doi.org/10.1080/1612197X.2017.1295557

Sieghartsleitner, R., Zuber, C., Zibung, M., Charbonnet, B., & Conzelmann, A. (2019). Talent selection in youth football: Specific rather than general motor performance predicts future player status of football talents. Current Issues in Sport Science (CISS), 4. https://doi.org/10.15203/CISS_2019.011

UEFA.com. (2022, July 19). UEFA takes action against online abuse | Inside UEFA. UEFA.Com. https://www.uefa.com/returntoplay/news/0277-15a96cd46d3b-a61479419ba5-1000–uefa-takes-action-against-online-abuse/

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