Christian Hoverath: Fokus finden – Aufmerksamkeitssteuerung im Sport

Wie gern würde ich hier den Klassiker zum Einstieg nutzen und die Leser*innen darum bitten, jetzt nicht an einen rosafarbenen Elefanten zu denken. Aber das wäre mir zu plump. Es würde mich aber doch interessieren zu hören, woran Sie gerade gedacht haben. Vielleicht hat es ja jemanden erwischt… Und so funktioniert es eben mit der Aufmerksamkeitskontrolle. Es geht nicht darum zu lernen, was man nicht in den Fokus rücken möchte. Es geht darum zu überlegen, was man stattdessen will.

Zum Thema: Tipps zur Anwendung und Warnung vor häufigen Fehlermustern

Die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, bedeutet, die Gedanken mit der vorliegenden Aufgabe zu beschäftigen. Einen Großteil der Zeit legen wir den Fokus jedoch auf Dinge, die für uns nicht nützlich sind und lassen uns von unseren Ängsten und Sorgen einnehmen, von Gedanken, die an unserem Selbstvertrauen kratzen. Viel nützlicher wäre es dabei doch, den Blick auf das Kontrollierbare zu richten; auf etwas, das uns stark macht und das Selbstvertrauen stärkt; auf etwas, das uns unserem Ziel näher bringt, wie z.B. unsere Technik oder Bewegungsausführung. 

Ein früher Faktor, der unsere Aufmerksamkeit und die Aufmerksamkeitsausrichtung beeinflusst, ist unsere Informationsverarbeitung. Wir nehmen ständig Informationen mit unseren Sinnen auf und treffen aufgrund dieser unsere Entscheidungen.

Aufmerksamkeitssteuerung

Im Sport wissen wir häufig sehr genau, worauf wir unsere Entscheidungen richten müssen. Dies kann der Startschuss sein, der Ball, der Schläger des Gegenspielers, die Bewegungsrichtung des Mitspielers oder die Flasche an der Verpflegungsstation, die wir greifen wollen. Zu anderen Zeiten müssen wir sehr gut wählen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit in einer schnell wechselnden Umgebung ausrichten. Dann geht es darum zu wählen, worauf wir uns fokussieren, um dann die gesammelten Informationen zu verarbeiten und zu reagieren (diese drei Schritte – Input, Prozess, Output – sind sozusagen die Reaktionsgeschwindigkeit). 

Es gibt verschiedene Einflussfaktoren auf unsere Aufmerksamkeitssteuerung. Habe ich zu viele Wahlmöglichkeiten, dann muss ich frühzeitig wissen, welche Reize relevant für meine Leistungserbringung sind. Werden Störfaktoren ausgeschaltet, sinkt fast automatisch die Reaktionsgeschwindigkeit. Nehmen wir zum Beispiel eine Speisekarte mit 100 Gerichten zur Hand. Wenn ich weiß, dass ich nur nach vegetarischen Gerichten suche, kann ich meine Aufmerksamkeit auf die relevanten Gerichte richten und damit automatisch schneller entscheiden. Im Sport muss ich mich in einer ständig wechselnden Umgebung damit befassen, also die relevanten von irrelevanten Reizen zu trennen. Setze ich den Fokus falsch, verlangsamt das meine Reaktionszeit und ich verpasse möglicherweise eine Chance. Ich sollte den Fokus also im Hier und Jetzt halten und auf relevante Informationen setzen.

Flaschenhals Informationsverarbeitung

Einen weiteren begrenzenden Faktor stellt unsere zugegebenermaßen eingeschränkte Aufnahmekapazität dar: wie durch einen Flaschenhals passt immer nur ein Informationsstück in unser Aufmerksamkeitsfenster. Wenn ich zwei Informationen zeitgleich zu verarbeiten versuche, habe ich für beide weniger Aufmerksamkeit bereit, so dass ich die Aufgabe schlechter löse, als wenn ich sie nacheinander bearbeite. Einfluss nimmt hierauf mein eigener Expertisegrad. Aufgaben, in denen ich eine hohe Expertise besitze, benötigen weniger Aufmerksamkeit aufgrund einer gewissen Automatisierung.

So ein Informationsüberfluss kann sich auch über die emotionale Situation auf die Aufmerksamkeitsleistung auswirken: Versuche ich, zu viele Informationen gleichzeitig zu verarbeiten, kann der entstehende Informationsüberfluss Gefühle von Angst auslösen. Diese Angst wiederum führt dann zu einem Fokusverlust. Nun kann es helfen, tief durchzuatmen und eine konkrete Sache auszuwählen, auf die ich mich fokussieren möchte. Also: Aufgrund der eingeschränkten Kapazität unserer Aufmerksamkeit und der Informationsverarbeitung ist es wichtig, gut zu wählen, worauf ich mich im Sinne meiner Leistung fokussieren möchte.

Stress kann hilfreich sein

Wo wir gerade bei Angst und damit verbunden bei Stress sind: Ein gewisses Maß an Stress hilft mir, leistungsfähig, konzentriert und fokussiert zu sein (Das Modell dazu erklärt Kollege Thorsten Loch an dieser Stelle sehr schön: 

Zu viel Stress zieht meine Aufmerksamkeit in Richtung Angst und Besorgnis erregende Gedanken. Ein zu hohes Maß an Leistungsangst führt also dazu, dass ich mich schnell und leicht ablenken lasse und den Fokus auf irrelevante Reize lenke, da mir die Wahl so schwer fällt (denken wir noch mal an die Speisekarte). Hier sollte ich Entspannungs- und Emotionsregulationsstrategien bereit halten, um mein Anspannungsniveau in meine individuelle Zone des optimalen Funktionierens bringen zu können.

Angst als Stolperstein

Neben der Ablenkung auf irrelevante Reize zeigt die psychologische Forschung auch, dass Angst und ein hohes Erregungsniveau zu einem eingeschränkten Aufmerksamkeitsfokus führen (Weapon focus als Stichwort). Natürlich kann dies in Situationen hilfreich sein, um den Fokus genau auf das zu legen, was in der jeweiligen Situation am wichtigsten ist (auf einer gefährlichen Abfahrt ist der Fokus auf der Straße definitiv hilfreicher als auf der Vegetation am Straßenrand, aber er ist auf dem Asphaltband eben auch nützlicher als auf dem Abgrund). Gerät der Fokus jedoch zu eng, dann kann es Einfluss auf die Leistungsfähigkeit geben. Nehmen wir das Klettern als Beispiel. Denke ich hier nur an die Luft unter mir, sehe ich den größten Henkel nicht mehr.

Mehr zum Thema:

Literatur:

https://gipfelkurs.de/blog

Cheadle, C. (2013). On top of your game. Feed the athlete Press.

Weinberg, R. S., & Gould, D. (2011). Foundations of sport and exercise psychology (5th ed.). Leeds: Human Kinetics.

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Christian Hoverath
Christian Hoverathhttp://www.die-sportpsychologen.de/christian-hoverath/

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