Maria Senz: Rituale und Glücksbringer im Wettkampf optimal einsetzen

Ein individuell abgestimmter Trainings- und Ernährungsplan, zeitgemäße Trainingsgeräte sowie Regeneration. All diese Komponenten sind Teile deines ausgetüfteltes Gesamtkonzeptes, mit dessen Hilfe du dein sportliches Optimum auf die Platte, den Rasen, die Luft oder (in) den Sand setzen willst. So weit, so verbreitet und so klar. Wer aber mit der Zeit gehen will, kommt an der Sportpsychologie nicht vorbei. Und dabei an Methoden, die ewig alt sind und früher auch ganz anders hießen.

Zum Thema: Rituale und Glücksbringer – vom Aberglauben zur Methode

Früher hatten wir Menschen kaum Zugang zu Wissenschafts- und Informationsquellen. Somit haben wir uns selbst beholfen und uns die Phänomene mittels Erfahrung, Beobachtung und Ausprobieren eigenständig erklärt. Dabei spielt der Glaube eine entscheidende Rolle. Der Glaube an etwas oder jemanden stellt eine Verbindung her. Diese Verbindung gibt Sicherheit, Vertrauen, Stabilität, Stärke, Zugehörigkeit und Konstanz – letztlich ein ganz bestimmtes Gefühl, das Ruhe in unser System bringt.

Heute haben wir Forschung, Wissenschaft und eine Überflutung an Informationsquellen, die uns derartige Phänomene methodisch erklären. Und damit hat der altehrwürdige Aberglaube auch Einzug in die Sportwissenschaft genommen und wird unter Rituale und Glücksbringer gelistet. Somit wird das ganz bestimmte Gefühl mit dem Glücksbringer oder dem Ritual in Verbindung gebracht.

Was passiert aus sportpsychologischer Perspektive bei einem Ritual?

Ich mache ein Gefühl greifbar. Ich verbinde etwas Haptisches mit etwas Emotionalem und lasse es dadurch lebendig werden. Folglich bekomme ich einen Zugang zu dem Gefühl, kann es vor- oder nachempfinden und kann mich verbinden. Energien können fließen. Vergleichbar mit: du stellst eine Verbindung mit deinem Telefon und einer Musikbox her, zum Beispiel über Bluetooth, und kannst deine Musik laut und kräftig anhören, spürst den Rhythmus/die Energien und kommst in Bewegung.

Ein Ritual kann als Impuls genutzt werden, der dich in Bewegung bringt. Es erleichtert dir den Weg zum Ziel, da du dich darauf fokussierst, konzentrierst und mit Struktur & Orientierung in deine Handlungen gehst, die du dann routiniert abrufst.

Unterschiede zwischen Training und Wettkampf

Die Bedingungen und Umfeldfaktoren unterscheiden sich in Training und Wettkampf. Unwissenheit und Unvorhersehbares schüren Unsicherheit. Etwas Konstantes lässt den Sportler stabil in den Wettkampf gehen und seine Leistung souverän abrufen, ohne Beeinflussung externer Faktoren. Im Wettkampf können unvorhersehbare Hürden den Weg zum Ziel erschweren. Ein Ritual oder Glücksbringer gibt Halt und Orientierung. Das wiederum gibt Selbstsicherheit und -vertrauen, um die Wettkampfstrategie fokussiert und konzentriert abzurufen.

Ein schönes Beispiel für Mannschaftsrituale ist der Haka Song der neuseeländischen Rugby-Nationalmannschaft All Blacks. Eine gemeinsam einstudierte Choreografie mit einer Ausstrahlung, die etwas bewirkt: Stärke, Zusammenhalt, Überzeugung innerhalb der Mannschaft. Angst und Einschüchterung beim Gegner und dem Schiedsgericht sowie das in den Bann ziehen des Publikums, um es für sich zu gewinnen. Auswirkungen, für die als erstes der Gegner einen entsprechenden Umgang parat haben sollte.

Was ist der Unterschied zwischen Routine und Ritual?

Routinen sind unbewusste Handlungsabläufe. Routinen habe ich in meinem System verinnerlicht. Sie passieren quasi im Schlaf, ohne nachzudenken. Zähne putzen, Fahrrad fahren, Laufen, sich anziehen sind Routinen. Routinen im Sport sind beispielsweise die Erwärmung, Basis-Bewegungsabläufe, sich einspielen und Ausdehnen.

Rituale sind bewusste Handlungsabläufe, die dich auf ganz bestimmte Situationen vorbereiten, um genau da deine optimale Leistung abzurufen. Beispielsweise ein ganz bestimmtes Lied hören, ein Tänzchen machen, den Ball küssen, etwas an deinem Körper/deinem Trikot berühren. All das belegst du mit etwas ganz Spezifischen: einem Gefühl, einem Glaubenssatz, einem Bild oder ähnlichem. Gefühle, Glaubenssätze, imaginäre Bewegungsabläufe, Visualisierungen, Geräusche usw. führen zu Stabilität, Stärke, Überzeugung, Selbstsicherheit.

Hinweis: Rituale brauchen gelegentlich Anpassungen, da sie sonst zur Routine werden und den Charme des Bewussten verlieren.

Wie können Rituale trainiert werden?

Für mich ist ein Ritual ein bewusster Impuls, der in mir etwas in Bewegung bringt und folglich mich in Bewegung bringt, damit ich mein Ziel erreiche, unabhängig von externen Einflüssen. Auf dieser Basis ist zu analysieren: Was ist mein Ziel, was ist Auslöser, in welchem Moment soll gezündet werden und welches Gefühl begleitet mich?

Sobald all das definiert ist, geht es los mit dem Training. Nutze alle möglichen Situationen im Training, im Wettkampf und auch außerhalb des Sports, um dein Ritual zu üben, anzupassen und zu festigen.

Die Magie

Das Wichtigste: Der Glaube daran ist die Magie darin. Der Glaube an dich und deine sportliche Leistung geben dir das nötige Selbstvertrauen und damit Selbstsicherheit.

Ein Beispiel: Eine meiner sportlichen Leidenschaften ist Beachvolleyball. Mein ganz persönliches Ritual habe ich in Verbindung mit einem Beachvolleyball, einem Song, Sonnencreme und meiner Beach-Kleidung (= Auslöser) über einen längeren Zeitraum optimiert. Sobald ich mich auf ein Spiel vorbereite (= Moment), höre oder singe ich den einen bestimmten Song. Dabei trage ich die passende Sonnencreme auf und ziehe das bevorzugte Outfit an. Mein Körper bewegt sich im Rhythmus zur Musik, der Duft der Sonnencreme verbreitet Urlaubsstimmung und meine geistige Haltung stimmt sich ebenso auf das Turnier ein – gute Laune, Leichtigkeit und Entschlossenheit breiten sich aus (= Gefühl). Mit der ersten Ballberührung bin ich voll und ganz bei mir, im Sand mit meiner Partnerin auf unserer Spielfeldhälfte und blende alles Externe aus – Geräusche, Bilder, sonstige Ablenkungen verschwimmen. Ich bin in meiner Sandkiste und drehe meine ganz eigene Geschichte: Zahl für Zahl die Punkteskala hochklettern und als Team zuerst die 21 erreichen (= Ziel).

Wo können Rituale noch weiterhelfen?

Das Schöne an Ritualen: Sie können in jeder Lebenslage und Situation eingesetzt werden, ob in deinem privaten, beruflichen oder sonstigen Umfeld. Überall da, wo du Fokussierung und Konzentration brauchst und externe Störfaktoren ausblenden möchtest, kannst du dich mit Ritualen in die entsprechende Bewegung bringen.

Für weitere Unterstützung und Begleitung stehen wir dir aus dem Netzwerk gerne zur Verfügung. Kontaktiere uns. Wir sind für dich da.

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Maria Senz
Maria Senzhttp://www.co-senz.de
Sportarten: Beachvolleyball, Volleyball, Kitesurfen, Leichtathletik