Johannes Wunder: Die Rolle der Sportpsychologie im Recruiting

Kürzlich erwähnte Heiko Schelberg, der Geschäftsführer der Gießen 46ers, in der BIG Basketball wie wichtig es doch gewesen sei, mit so genannten Soft Facts in die Vertragsverhandlung mit dem Top-Spieler John Bryant zu gehen. Soft Facts meint hier den Umgang mit dem Menschen. Der Begriff „Club-Familie“ fällt im gleichen Zusammenhang und der Wohlfühlfaktor steht im Raum. Nicht nur für den Spieler selbst, sondern auch für dessen eigene Familie. Man versuche regelrecht, Wünsche von den Lippen abzulesen und dort zu helfen, wo Bedarf ist.

Zum Thema: Standortfaktor Sportpsychologie für Basketballbvereine

Ein für mich maßgeblicher Soft-Fact ist zweifelsohne das Thema Sportpsychologie. So haben in den vergangenen Wochen gleich mehrere Basketball-Profis über ihre Erfahrungen mit der Sportpsychologie berichtet. Top-Stars wie Kevin Love, aber auch Nationalspieler wie Kostja Mushidi äußerten sich öffentlich zu ihrer ganz eigenen „Wohlfühl-Atmosphäre“, nämlich durch die Arbeit mit einem qualifizierten Berater. Dass das Profi-Business unter erheblichen und oftmals auch einschränkenden Druckbedingungen stattfindet, haben viele meiner Kollegen bereits thematisiert. Auch ein möglicher Umgang mit Problemsituationen wurde sportpsychologisch mehrfach ausgeführt.

Immer noch finden sich im Basketballsport in Deutschland erschreckend wenige Anlaufstellen für Profi-Sportler und noch weniger für die Profis von Morgen. Vorreiter im Thema Sportpsychologie gibt es wenige. Alba Berlin zeigt allerdings positiv, wie das Thema umgesetzt werden kann. So gibt es im Verein eine sportpsychologische Leitung und regelmäßig dürfen qualifizierte Studenten, wie aktuell Lisa König aus dem Netzwerk Die Sportpsychologen, die Vereinsteams begleiten. Das führt nicht nur zu einer Sensibilisierung für die Wichtigkeit des Themas Sportpsychologie und dem Abbau von Vorurteilen bei Athleten und Eltern, sondern erleichtert später auch den Zugang zu Sportlern im Profibereich.

Direkt zu Johannes Wunder Kontakt aufnehmen: https://www.die-sportpsychologen.de/johanneswunder/

Fehlt der wirtschaftliche Mehrwert?

Wirtschaftlich sehen viele Clubs noch immer keinen Mehrwert, welchen die Sportpsychologie mit sich bringt – anders als beim Thema Athletiktrainer oder Physiotherapeuten. Wer den Sprung in den Profi-Kader nicht schafft, wird ausgetauscht und für alle Spieler, die an der Drucksituation scheitern, gibt es bereits Ersatz. Natürlich hat jeder Verein auch einen pädagogischen Auftrag, welcher immer größer wird, je länger die Vereinsstrukturen an der Entwicklung des Spielers, sportliche wie menschlich, beteiligt sind. Aber intern wird dieser häufig doch anders definiert, da in vielen Vereinen nach wie vor streng kalkuliert werden muss.

Ein für mich zentraler Mehrwert entsteht aber offensichtlich, wenn man das Beispiel John Bryant auf den Nachwuchs transferiert. Viele talentierte Jugendspieler wagen irgendwann den Schritt aus ihrem Heimatverein in ein Leistungszentrum. Die Angebote sind aber im Kern häufig ähnlich. Vieles dreht sich um die tägliche Förderung, die schulische Ausbildung, Wohnsituation oder aber auch die Durchlässigkeit in den Profi-Bereich. Die meisten Farmteams großer Clubs spielen selbst in der 2. Basketball Bundesliga und die Infrastruktur wird kontinuierlich ausgebaut. Zwar gibt es Unterschiede, ob aber immer der Verein mit den besten Angeboten „gewinnt“, ist zweifelhaft. Die Frage ist, ob eine umfassende Betreuung – auch durch Sportpsychologen des Vereins – den Schritt aus dem behüteten Elternhaus in ein Internat oder eine Gastfamilie erleichtern? Ich finde ja, denn oftmals entscheiden hierbei nicht nur die Spieler selbst, sondern eben auch die Eltern. Eine angepasste, ganzheitliche Betreuung würde für so manchen Club einen Standortfaktor bedeuten, welcher sich maßgeblich im Recruiting auswirken kann. Denn Soft-Facts spielen nicht nur im Profibereich eine entscheidende Rolle.

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