Johanna Constantini: Loris Karius – Wenn Verantwortung diffundiert

Es war herzzerreißend: Nach dem Abpfiff des UEFA Champions League-Finales fiel Loris Karius, der deutsche Torhüter vom FC Liverpool, auf die Knie und begrub sein Gesicht über Minuten in seinem Trikot. Etwas später entschuldigte er sich bei den Fans für seine Patzer. Patzer, da waren sich die Experten der TV-Stationen einig, die das große Finale der Königsklasse für Real Madrid entschieden. Eine Einschätzung, die auch die vielen, vielen Fans der Liverpooler wohl teilten, aber sich dennoch vorbildlich verhielten. Denn Karius steckt nun in einer schwierigen Situation, weiß auchs ein Trainer Jürgen Klopp.   

Zum Thema: Verantwortungsdiffusion – wenn die Schuld bei einem liegt

Meist ist es der Trainer, der für eine Niederlage herangezogen wird. Als zweiter Verlierer muss oft der Goalie herhalten. Warum? Weil es nun einmal einfacher ist, eine Person zur Verantwortung zu ziehen. So handelt es sich um eine Art der sogenannten Verantwortungsdiffusion, die kurzzeitig auf dem Spielfeld entsteht. (Darley, J. M. & Batson, D. 1973).

„Auf dem Feld sind viele Köpfe gerettet, wenn nur einer für die Niederlage rollen darf“, könnte man dieses Phänomen zusammenfassend beschreiben. Im positiven Sinn werden genau nach diesem Prinzip schließlich auch Torjäger gefeiert. Oder wer denkt bei dem gestrigen Sieg nun nicht an Real Stürmer Gareth Bale? Zwei Tore verbuchte der 28-jährige Waliser, was den Sieg von Real erst möglich machte! Wirklich?

Was der FC Liverpool aus sportpsychologischer Sicht richtig gemacht hat!

Im Zuge der Verantwortungsdiffusion gibt es den Begriff der sogenannten Bystander. Das sind jene Menschen, die – liegt die Verantwortung erst einmal augenscheinlich bei einem Einzelnen – nicht mehr auf das Ereignis reagieren. Die Fans des FC Liverpool haben diese negative Diffusion der Verantwortung am Finale hervorragend gebrochen. Waren die lautesten Sprechgesänge schließlich aus ihrer Richtung zu hören. Und das in den letzten Minuten des Finales, dann, als das Spiel eigentlich bereits entschieden war.

Ebenfalls gegen jegliche Verantwortungsdiffusion reagierte im Nachhinein auch Trainer Jürgen Klopp. Er relativierte die Leistung seines Keepers: „Nein, dafür habe ich keine Erklärung. Das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht, das ist Wahnsinn, das ist ganz, ganz hart. Es tut mir total leid für ihn. Er hat eine tolle Saison gespielt. Es ist eine Fehlentscheidung in einer Millisekunde. Es ist sehr unglücklich für ihn. Es ist klar, dass er beim dritten Gegentor davon beeinflusst war. Das heute war natürlich nicht sein Abend.“ (die Welt online, 27.05.2018)

Gemeinsam gewinnen – gemeinsam verlieren

Die Mannschaft bis zuletzt aufzubauen, auch den Goalie, der das Spiel nicht als einziger verliert bis zuletzt in seiner Leistung zu bestärken – das macht wahre Sieger aus! Denn am Ende gilt die einfache Formel: Gemeinsam gewinnen – gemeinsam verlieren. Aber wer sich einmal in einer vergleichbaren Situation befand, der weiß wie schwierig der Umgang damit ist. Wie schwierig es ist, richtige Worte zu finden. Umso wertvoller war das Gefühl, was die Fans im Stadion und in den Stunden nach dem Finale auch über die sozialen Netzwerke transportierten.

 

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Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (Thema Fußball) – 02/03.06.2018 in Bochum

Quellen:

Darley, J. M. & Batson, D. (1973). From Jerusalem to Jericho: A study of situational and dispositional variables in helping behavior. Journal of Personality and Social Psychology, 27, 100–108. (Stangl, 2018).

https://www.welt.de/sport/fussball/champions-league/article176707105/Champions-League-Real-Madrid-FC-Liverpool-Das-sagt-Klopp-ueber-Loris-Karius.html

http://www.allgemeine-zeitung.de/sport/top-clubs/mainz-05/mainz-05-karius-fc-liverpool-champions-league_18701452.html