Dr. René Paasch: Freundschaften im Leistungssport Fußball

Viel Geld und hübsche Frauen, aber kaum echte Freundschaft, lautet das Credo von Marcell Jansen. Er beschreibt den Profi-Fußball als kühles Geschäft, in dem nur schwer echte Freundschaften entstehen. „Ich habe das bis heute nicht kapiert, warum im Fußball so wenige echte Bindungen entstehen“, sagte der ehemalige Nationalspieler dem „Zeitmagazin Mann“. Dabei seien die Voraussetzungen eigentlich ideal. „Du hast lauter Männer im gleichen Alter auf einem Haufen, alle haben Geld, schöne Frauen, nicht mal Konkurrenz ist ein großes Thema, weil in Bundesligamannschaften nur ein, maximal zwei Menschen für deine Position infrage kommen. Und trotzdem kommst du mit den Leuten sozial keinen Schritt weiter“, sagte der 30-Jährige. Jansen vermutet, dass sich die meisten Profis wenig um ihr Inneres kümmern. Sich selbst beschreibt er als nachdenklichen Menschen. „Ich war zwar nie depressiv, auch nicht in psychologischer Behandlung, aber schon sehr nachdenklich.“ Ich nehme diesen Ball auf und erkläre mögliche Gründe und Zusammenhänge für eine Freundschaft im Leistungssport Fußball?

Zum Thema: Welche Rolle spielen Freundschaften im Leistungssport?

Wen bezeichnen wir als unseren „Freund/in“? Der Begriff der Freundschaft kann als allgemein angesehen werden. Es kommt hinzu, dass wir den Begriff der Freundschaft im Alltag und Sport in unterschiedlichen Bedeutungen verwenden. Zum einen bezeichnet er eine soziale Beziehung zwischen Sportlern/innen, zum anderen können wir mit dem Begriff Freundschaft nicht auch die Qualität einer Beziehung kennzeichnen. In diesem Sinne kann ein Fußball-Trainer/in eine freundschaftliche Beziehung zu seinen Spielern/innen haben oder ein Angestellter die Beziehung zu seinen Kollegen/innen.  Es wird deutlich, dass es eine bestimmte formelle Beziehung durch eine informelle Freundschaftsbeziehung überlagert wird. Die Kennzeichnung von Beziehungen als formell oder informell ist allerdings schwierig, da es sich hierbei um keine präzise Abgrenzung handelt (Gaska & Frey, 1993). Was der eine schon als Freundschaft ansieht, mag für den anderen nur eine Rollenbeziehung (Sport, Beruf) sein. In den folgenden Abschnitten möchte ich Ihnen näheres dazu erläutern. Starten möchte ich mit dem Vergleich von Frauen- und Männerfreundschaften. Bitte nicht empört sein, warum ich zwischen Frauen und Männer differenziere. Es entspricht meinen Erfahrungen, welche ich über einige Jahre sammeln konnte.

Frauen- und Männerfreundschaften im Leistungsfußball 

Beziehungen zwischen Frauen werden eher durch Neid und Eifersucht getrübt, ihre Freundschaften als oberflächlicher und instabiler angesehen (vgl. Dorst 1993). In den letzten Jahrzehnten hat sich hier eine erstaunliche Veränderung ergeben. Die Frauen haben in Bezug auf Freundschaften die Männer offenbar überholt. Das rivalisierende Kaffeekränzchen mit Lästereien über andere ist vorbei. Frauenfreundschaften erscheinen nun als beneidenswerte Möglichkeit der Selbstfindung. (Jaeggi 1987, 18). Es wird heute angenommen, dass Frauenfreundschaften intensiver und zufrieden stellender sind, mehr praktischen und emotionalen Beistand bieten als Männerfreundschaften (Dorst 1993). Somit sind die Unterschiede zwischen Frauen- und Männermannschaften mannigfaltig (Pfaff, 2008). Der mir bekannte brisante Unterschied besteht in der Zielsetzung der Männer gegenüber der sozialen Verbundenheit der Frauen. Für Frauen ist sehr wichtig, ein harmonisches und wertschätzendes Klima im Team zu haben. Sie sind für Beziehungsstörungen empfindsamer und somit sensibler gegenüber den Männern.

Für Sie als Trainer einer Fußballfrauenmannschaft bedeutet das, dass Sie mehr Zeit in die Beziehungen investieren müssen. Wenn ich bspw. vor einer Fußballherrenmannschaft stehe, benutze ich andere Ausdrücke und Bilder als vor einer Frauenmannschaft. Sie müssen sich auf das Team individuell und im Kollektiv einstellen und die passende Ansprache wählen. Auch die Kritikfähigkeit müssen Sie bei Frauen anders verpacken als bei Männern. Unter Männer ist der Ton ein anderer und die Auseinandersetzung mit deutlichen Angriffen versehen. Dadurch wird die Verbindung nicht unbedingt gestört. Bei Frauen ist das anders. Persönliche Angriffe schwächen das Selbstbild der Frau und beinträchtigen diese. Nach meiner Erfahrung gehen Frauenmannschaften schonender miteinander um, als ich das unter Männer erlebt habe. Aus diesen Gründen, sollten Sie bei Frauenmannschaften vorsichtiger mit Kritik sein. Frauen machen in ihrer Kindheit andere Erfahrungen als Männer. Jungs hören viel häufiger Sprüche wie „Jungs weinen nicht“. Dies führt dazu, dass viele Jungen ihre innere Welt (Gedanken, Gefühle) nicht äußern. Mädchen dürfen ihre Gefühle zeigen jedoch nicht außer Haut fahren. Deutlich wird dies bei Nichtnominierten. Männer reagieren eher mit Frust und Ärger, hingegen sind Frauen stillschweigender oder weinen vor der Mannschaft. Sie sollten verstehen, wie und warum Frauen in solchen Situationen anders reagieren als Männer. Der Leistungssport bevorzugt „männliche Verhaltensweisen“. Wenn sie jedoch erfolgreich sein wollen mit Frauenmannschaften, dann ist es sehr wichtig, Eigenschaften wie Kommunikationsfähigkeit, Körpersprache auf dem Feld sowie der absolute Wille und Überzeugung täglich zu leben. Frauen tun sich damit (noch) schwer. Das wird sich aber ändern. Eine generelle Ausrichtung ist sehr schwierig. Grundsätzlich habe ich für mich herausgefunden, dass die emotionale und positive Ansprache wichtig ist. Jedes Geschlecht hat seine Stärken- und Schwächen. Dennoch ist der Leistungssport mehr auf typisch männliche Eigenschaften ausgerichtet. Das gilt nicht für alle Sportarten. Trotzdem sollten Sie als Trainer die Unterschiede kennen, nur dann sind Sie in der Lage, ihr Coaching individuell anzupassen. In dem nun folgenden Kapitel benutze ich den dreistufigen Prozess Argyle und Henderson (1990), um Ihnen die Entstehung von Freundschaften in Teams zu erklären.

Lisa Kaminiski und Hannah Pohl: Wir sehen, was die andere denkt

Freundschaften im Leistungssport als Prozess

Argyle und Henderson (1990) beschreiben die Entstehung von Freundschaften als einen dreistufigen Prozess:

  1. Bei zufälligen Begegnungen Eindrücke vom anderen gewinnen.
  2. Erste Treffen durch Verabredung oder Einladung.
  3. Regelmäßige Treffen und wechselseitige Bindung.

Auf dieser Grundlage erkläre ich Ihnen die Entstehung von Freundschaften im Leistungssport. Argyle und Henderson (1990) betrachten diesen Prozess als eine Selektion, bei dem auf jeder Stufe Aussortierungen stattfinden. Je häufiger sich Sportler treffen und Gemeinsamkeiten aufweisen, desto besser lernen sie sich kennen und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie sich gegenseitig schätzen lernen. Leistungssportler suchen Freunde meist nach Ähnlichkeiten aus, z. B. in Bezug auf Alter, sozialer Herkunft und sportlichen Gemeinsamkeiten. Die erste Kontaktaufnahme stellt einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zu einer Freundschaft dar. Wenn wir ein persönliches Interesse zeigen und etwas von uns erzählen, offenbaren wir dem anderen unser Interesse an ihm. Gleichzeitig können wir aber nicht sicher sein, ob dieses Interesse geteilt wird. Wir gehen also ein gewisses Risiko ein. In vielen Fällen handelt es sich bei der ersten Kennlernphase um Kabinen-Smalltalk. Hierbei werden persönliche Informationen ausgetauscht. Dies geschieht eher vorsichtig. Man möchte etwas über den Teamkollegen erfahren, wie ähnlich man sich in Bezug auf Einstellungen und Interessen ist. Solange wir noch wenig über den anderen wissen, besteht natürlich die Gefahr, dass wir Unterschiede entdecken. Brisante Themen werden zunächst meist vermieden, um nicht das Verhältnis zum Mannschaftskollegen zu beschweren. Freunde möchten Erfahrungen, Vorlieben, Ablehnungen, Erfolge und Niederlagen teilen jedoch müssen sie nicht unbedingt in ihrer Persönlichkeit ähneln, so dass durchaus auch gilt: „Gegensätze ziehen sich an“. Wenn Teammitglieder aus einer Beziehung Vorteile ziehen können, ist die Wahrscheinlichkeit für den Beginn einer dauerhaften Freundschaft relativ groß. Erscheint uns der Aufwand größer als unser Nutzen, wird es hierzu vermutlich nicht mehr kommen (vgl. Argyle & Henderson 1990, 96ff). Aus diesem Prozess heraus, entstehen persönliche Anregungen für Frauen- und Männermannschaften im Fußball.

Elf Freunde müsst ihr sein

„11 Freunde müsst ihr sein“ – dieses legendäre Zitat von Sepp Herberger war nicht nur mein persönliches Motto in meiner aktive Zeit als Spieler, sondern verdeutlicht zugleich auch einen wichtigen Bestandteil jeder Arbeitsgemeinschaft und Fußballmannschaft – die erfolgreich sein möchte. Aus meiner Sicht ist die Sehnsucht nach Freunden allgegenwärtig. Manchmal merken wir erst, wenn einer geht, wie wertvoll er war. Das gilt für Frauen- und Männermannschaften. Doch eins ist sicher: Freundschaften sind wichtig. Sie machen selbstbewusster, glücklicher, halten gesund und müssen allerdings gepflegt werden. In Zeiten von sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram sowie der Einfluss von Spielerberater und medialen Auftritten, haben sich die Beziehungen verändert. Nicht wenige Sportler/innen haben im Internet eine fast endlose Liste von virtuellen „Freunden“. Dies hinterlässt viele Zweifel an der Verbindung dieser Beziehungen. Das Netz lädt dazu ein, nicht immer ehrlich über seine Gefühle zu sprechen. In einer engen gewachsenen sportlichen Verbindung sei es nicht so leicht, sich zu verstellen. Doch das Internet bietet auch viele anregende Möglichkeiten: Zum Beispiel kann man über weite Entfernungen und fehlender Präsenz gegenüber der Mannschaft unkompliziert kommunizieren und so Freundschaften auch zu Teammitgliedern pflegen, die man ansonsten aufgrund der täglichen Zwänge aus den Augen verlieren würde.

Freundschaften geben dem Leben einen Sinn. Das Gefühl, nicht allein zu sein, hilft nicht nur in schweren Zeiten dabei, den sportlichen Alltag zu bewältigen. Außerdem ist es ein gutes Gefühl, für andere Teammitglieder eine wichtige Rolle zu spielen. Nicht zuletzt helfen Freunde bei vielen Entscheidungen. Und es tut gut, mit einem Teammitglied über Probleme zu sprechen. Es gibt also genug Gründe, sich ein stabiles soziales Netz im Kontext Sport aufzubauen.

Fazit: 

Ich tue mich mit einer Definition von Freundschaft schwer. Ich verstehe darunter eine freiwillige, persönliche Beziehung, die auf gegenseitiger Sympathie, Vertrauen und Unterstützung beruht. Trotzdem kann die Verbindung ebenso vertraut sein wie die mit dem Partner. Den Grundstein zu einer Freundschaft im Leistungssport sind räumliche Nähe, häufige Kontakte, soziale und empathische Kompetenz und wechselseitige Selbstoffenbarung. Dieser Stellenwert solcher Freundschaftsregeln ist bei Männern und Frauen häufig verschieden, daher bedarf dieser einer sensiblen Führung. Aber auch die Chemie muss stimmen. Manchmal reichen da schon ein paar Gemeinsamkeiten wie gleiches Alter, ähnliche Situation, Herkunft, Einstellungen oder Interessen. Sie geben uns das Gefühl, mit jemandem auf einer Wellenlänge zu liegen. Entscheidender als die Ähnlichkeit ist die emotionale Nähe. Dies gilt gleichermaßen für Frauen- und Männermannschaften. Die Geschlechter unterscheiden sich allerdings darin, was genau für sie Freundschaft ausmacht. Frauen erwarten mehr Nähe und entwickeln ein engeres Vertrauensverhältnis. Bezeichnend für Frauen sind deshalb so genannte Face-to-Face-Freundschaften, in denen der persönliche Austausch und die gegenseitige Unterstützung im Zentrum stehen. Eine gute Freundin sollte zuhören können. Männer pflegen häufiger Side-by-Side-Freundschaften, treiben gemeinsam Sport und leisten sich gegenseitig praktische Hilfe. Dabei scheinen sie dauerhaftere Verbindungen einzugehen. Eine Freundschaft im Leistungsfußball (Männer & Frauen) funktionieren  nur so lange gut, wie sich beide Beteiligten an ihre ungeschriebenen Gesetze halten.

 

Zurück zum Schwerpunkt:

Freundschaft im Profi-Sport

 

Literatur

Argyle, M. & Henderson, M. (1990): Die Anatomie menschlicher Beziehungen. München: mvg.

Dorst, Brigitte (1993): Die Bedeutung von Frauenfreundschaften im weiblichen Lebenszusammenhang. Gruppendynamik, 24 (2), 153-163.

Frey, D. & Gaska, A. (1993): Die Theorie der kognitiven Dissonanz. In Frey, D. & Irle, M. (Hrsg.) Theorien der Sozialpsychologie, Band 1: Kognitive Theorien, (275-324), Bern: Huber.

Jaeggi, Eva (1987): Psychologie und Alltag. München: Piper.

Pfaff, E. (2008): „Nicht ich habe den Mädels erklärt, was sie erreichen können, sie haben es selbst entschieden“ – Interview mit Markus Weise. Leistungssport 38/1, S. 36-39

Pfaff, E. (2008): „Bei Frauenmannschaften sollten Trainer vor allem mehr Sorgfalt auf ihren Umgang und ihre Wortwahl legen.“ Interview mit Lothar Linz. Leistungssport 38/1, S. 40-45

Internet: http://www.t-online.de/sport/fussball/id_78902534/marcel-jansen-vermisst-echte-freundschaften-im-fussball.html

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