Wolfgang Seidl: Wenn öffentliche Kritik Vertrauen untergräbt – warum psychologische Sicherheit Leistung beeinflusst

Eine Niederlage kann ein Team enger zusammenschweißen, oder es innerlich spalten. Oft entscheidet nicht das Ergebnis, sondern der Umgang damit. Nach dem österreichischen Cup-Viertelfinale zwischen dem SCR Altach und Sturm Graz und meinem dazugehörigen Ligaportal-Beitrag (Link siehe unten) wurde ich in den darauffolgenden Tagen von zahlreichen Fußballern angesprochen. Es handelte sich dabei ausdrücklich nicht um Spieler von Sturm Graz, sondern um Akteure aus unterschiedlichen Ligen und Vereinen, vom Nachwuchs bis zum Profi in höchsten Bewerben. Ihre Reaktionen auf die öffentlichen Aussagen von Sturm-Trainer Fabio Ingolitsch waren bemerkenswert eindeutig und zeigen, wie sensibel der Faktor Vertrauen im Leistungssport ist, besonders dann, wenn psychologische Sicherheit ins Wanken gerät. 

Zum Thema: Psychologische Sicherheit: Die unsichtbare Basis für mutiges Spiel

Was ist passiert? Nach dem Pokalspiel, welches Altach gegen den Vorjahresmeister Graz 3:1 gewann, sagte Ingolitsch wörtlich: „Wir müssen ganz viel hinterfragen, wenn nicht alles hinterfragen. Wir müssen ganz klar rausfinden, welche Spieler sind die richtigen. Wenn sie es qualitativ nicht hinkriegen hier besser zu spielen, dann brauchen wir die, die bereit sind zu kämpfen.“

Aus Trainersicht mag diese Aussage als Leistungsanspruch oder als Versuch verstanden werden, Klarheit zu schaffen. Aus Spielersicht, und das bestätigten mir alle Gespräche, wirkt sie jedoch anders: Als öffentliche Infragestellung von Qualität, Zugehörigkeit und Vertrauen. Gerade nach der ersten Niederlage eines neuen Trainers entfalten solche Worte eine besondere Wirkung.

Psychologische Sicherheit

Psychologische Sicherheit beschreibt das Erleben, sich im Team zeigen zu dürfen, Verantwortung zu übernehmen und Fehler machen zu können, ohne Angst vor Bloßstellung oder Konsequenzen. Sie ist keine Wohlfühlzone, sondern eine Grundvoraussetzung für Leistung unter Druck.

Wird diese Sicherheit beschädigt, verändert sich das Verhalten der Spieler. Der Fokus verschiebt sich vom Spiel hin zur Selbstabsicherung. Entscheidungen werden vorsichtiger, Risikobereitschaft sinkt, Spielfreude geht verloren. Mehrere Spieler formulierten es ähnlich: 

„Dann spiele ich nicht mehr, um zu gewinnen, sondern um keinen Fehler zu machen.“

Wenn öffentliche Kritik Vertrauen kippen lässt

Besonders kritisch ist, dass solche Aussagen nicht nur das Vertrauen in den Trainer beeinträchtigen, sondern auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Manche Spieler beginnen, sich permanent zu hinterfragen, nicht im Sinne von Entwicklung, sondern aus Angst.

Gedanken wie „Bin ich gemeint?“, „Reiche ich noch?“ oder „Darf ich mir Fehler erlauben?“, treten in den Vordergrund. Vor allem junge Spieler oder Neuzugänge reagieren darauf häufig mit Rückzug statt Verantwortung. Das Resultat ist ein verkrampftes Spiel, mental wie körperlich.

Neue Trainer: Führung beginnt mit Schutz, nicht mit Selektion

Gerade neue Trainer stehen nach der ersten Niederlage vor einer psychologischen Führungsprobe. Spieler beobachten sehr genau, ob ihr Trainer in schwierigen Momenten vor sie tritt, oder sie öffentlich infrage stellt.

Psychologische Sicherheit entsteht nicht durch das Vermeiden von Kritik, sondern durch klare interne Analyse bei gleichzeitiger öffentlicher Geschlossenheit. Kritik vor der Kamera wirkt selten leistungsfördernd, vor allem dann, wenn sie pauschalisiert und mit Selektion verknüpft wird.

Entscheidend ist, dass Spieler nach einer Niederlage ihre eigene Leistung ehrlich analysieren und auch die eigene Einstellung reflektieren. Jeder Spieler trägt die Verantwortung, sich zu fragen, ob er seinem Anspruch gerecht geworden ist, unabhängig von öffentlichen Aussagen. Kommt er dabei zur Erkenntnis, dass Veränderung notwendig ist, braucht es die Bereitschaft, diese Verantwortung aktiv zu übernehmen und im nächsten Spiel umzusetzen.

Gelangt ein Spieler jedoch zur Überzeugung, dass seine Leistung in Ordnung war und er alles investiert hat, dann sind Selbstzweifel nicht zielführend. In diesem Fall geht es darum, stabil zu bleiben und den Dialog zu suchen, etwa in der Videoanalyse gezielt nachzufragen, welche konkreten Verbesserungsvorschläge der Trainer sieht. Mentale Stärke zeigt sich hier nicht im blinden Hinterfragen, sondern in reflektierter Selbstführung und konstruktiver Kommunikation.

Fazit

Das Cup-Viertelfinale zwischen Altach und Sturm Graz zeigt exemplarisch, wie schnell öffentliche Kritik psychologische Sicherheit beschädigen kann. Vertrauen ist kein Nebenprodukt von Erfolg, es ist dessen Voraussetzung. Wer nach Niederlagen schneller selektiert als schützt, formt Mannschaften, die funktionieren, aber ihre Freiheit verlieren.

Gern bin ich (zum Profil von Wolfgang Seidl) sowie meine Kollegen und Kolleginnen im Netzwerk (zur Übersicht) bereit, eure konkreten Fragen zu beantworten und in eine Zusammenarbeit zu starten. 

Link zum LigaPortal-Text: https://www.ligaportal.at/bundesliga/allgemein/20372-die-erste-niederlage-als-fuehrungsprobe-wie-trainer-oeffentlich-mit-ihrer-mannschaft-umgehen

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