In Deutschland besteht noch immer eine gewisse Skepsis gegenüber der Sportpsychologie. Über die Gründe dafür wird bis heute gerne diskutiert. Da geht es um Trainer, die sich nicht ins Handwerk pfuschen lassen wollen; um Athleten, denen man keine psychischen Probleme unterstellen will; um die Zeit, die zwischen Athletik-, Taktik- und Technikeinheiten für Mentaltraining fehlt; oder um das rote Tuch der geistigen Umerziehung, die hierzulande historisch bedingt einen schweren Stand hat. Ein wichtiger Grund aber wird kaum genannt: Mentale Stärke ist für viele nicht klar definiert – und genauso unklar ist dann auch, was man mit Mentaltraining erreichen kann.
Zum Thema: Mentale Stärke verstehen und trainieren
Was dabei rumkommt, wenn ein Fußballer an seiner Kondition arbeitet, ist klar: Ein Athlet, der 90 Minuten Vollgas geben kann. Ebenso gut kann man sich die Erfolge vorstellen, wenn ein Boxer an seiner Beweglichkeit arbeitet. Oder andersrum: Man stelle sich vor, ein Eishockey- oder Footballspieler würde kein Krafttraining machen und sich weigern, Muskeln aufzubauen. Den Zusammenhang zwischen Training und sportlichem Erfolg muss man hier nicht erklären. Wenn es aber um Mentaltraining geht, fehlt diese Klarheit oft.
Tatsächlich fällt es vielen Sportlern schwer, das Spektrum der mentalen Stärke zu benennen und zu begreifen – häufig wird sie auf einen Aspekt reduziert: Kampfgeist. Das mag daran liegen, dass in den Medien die Mentalität fast ausschließlich in diesem Zusammenhang genannt wird. Wenn eine Mannschaft mental stärker war als die andere, dann hatte sie mehr Biss. Wenn ein Tennisspieler mental schwach war, dann heißt das, er hat zu früh aufgegeben. Mentale Stärke ist aber noch viel mehr – zum Beispiel Konzentrationsfähigkeit, Emotionskontrolle, Resilienz, Selbstvertrauen, Disziplin oder Entspannungsfähigkeit. Im Vergleich zu einer starken Rückhand, einem harten Schuss, einem schnellen Antritt oder einer phänomenalen Ballkontrolle sind das zweifellos Softskills. Aber: Die können hart den Unterschied machen und später unter den ganzen Talenten die Spreu vom Weizen trennen.
Mentale Stärke ist lernbar
Bei Softskills geht man oft davon aus, dass sie angeboren sind – so etwas eignet man sich nicht an. Man bekommt es in die Wiege gelegt oder auch nicht. Entweder, man ist der Coole oder der Nervöse. Extrovertiert oder schüchtern. Fokussiert oder zerstreut. Dynamisch oder lethargisch. Mutig oder feige. Typ Steh-auf oder Kopf-in-den-Sand. Der eine ist nah am Wasser gebaut, der andere zeigt keine Emotionen. Solche Dinge werden oft als angeborene, unabänderliche Charaktereigenschaften wahrgenommen. Doch Softskills wie die Eigenschaften der mentalen Stärke lassen sich sehr wohl trainieren.
Mit gezielter Denk- und Bewusstseinsarbeit lassen sich neue neuronale Netzwerke bilden, die dann zu neuem Denken und neuem Verhalten führen. Dem zugrunde liegt die Neuroplastizität – die Formbarkeit des Gehirns. Und nichts anderes steuert unsere Emotionen und unsere Bewegungen als das Gehirn. Und was gilt es, im Wettkampf zu kontrollieren? Emotionen und Bewegungen!
Fazit:
Mentale Stärke ist kein unsichtbares Beiwerk und auch keine zufällige Charaktergabe, sondern ein Trainingsfeld wie jedes andere. Was im Sport als „Softskill“ abgetan wird, ist in Wahrheit oft der Unterschied zwischen Talent und Erfolg. Mentale Stärke sind trainierbare Schlüsselfaktoren, die Siege ermöglichen, Karrieren verlängern und Persönlichkeiten formen.
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