Marius Schröder: Behinderte Sportler*innen sind von der Sportpsychologie noch nicht überzeugt

Neun von zehn Behindertensportler*innen hatten bislang noch keinen Kontakt zu einem Sportpsychologen oder einer Sportpsychologin. Marius Schröder von Die Sportpsychologen versucht dies zu ändern. Als Bundestrainer im Gehörlosen-Tennis weiß er, wo die speziellen Herausforderungen im Behindertensport liegen und auch, was die Wissenschaft noch deutlich besser machen kann. 

Zum Thema: Akzeptanz der Sportpsychologie im Behindertensport

Marius, inwiefern unterscheidet sich deine sportpsychologische Arbeit mit gehörlosen Spitzensportler*innen von der mit anderen Athlet*innen aus dem Parasport oder nicht-behinderten Aktiven?

Der Unterschied liegt nicht unbedingt in der Betreuung, da sich die Schwerpunkte des Coachings auf dieselben Themen beziehen wie bei anderen Spitzensportlern. Problematisch wird es nur bei der Auswahl der sportpsychologischen Interventionen. Hierbei muss natürlich immer im Blick behalten werden, dass die betreuten Sportler*innen beispielsweise nicht hören können. So fällt beispielsweise das Vorstellungstraining als Werkzeug weg.

Du bist vorrangig im Bereich des Gehörlosensports aktiv. Was macht deine Arbeit in diesem Themenfeld so besonders?

Die Besonderheit besteht darin, dass natürlich der gehörlose Sportler*in mich nicht akustisch wahrnehmen kann, sondern unser Austausch nur über die visuelle Ebene zustande kommt. Dies hat Einfluss auf den Kontakt- und Vertrauensaufbau. Ich habe das Gefühl, dass ich mich noch mehr mit den Personen auseinandersetzen muss als im Vergleich zu hörenden Sportler*innen.

Die meisten sportpsychologischen Techniken und Methoden sind ja für nicht-behinderte Sportler*innen entwickelt worden. Kannst du diese dennoch anwenden oder passt du diese an? 

Ich kann die Techniken schon anwenden, jedoch muss eine Vorauswahl getroffen werden, da nicht jede Technik für die jeweilige Behinderung anwendbar ist. Im Bereich der Sehbehinderung beispielsweise müssen die sportpsychologischen Interventionen so angepasst werden, dass man hauptsächlich auf auditive Methoden, wie das ideomotorische Training oder auch auf Methoden der Selbstgespräche zurückgreift. 

Demgegenüber wird im Bereich der Geistigbehinderten (vorrangig hier sind die Special Olympics zu nennen) versucht, mit einer spielerischen Komponente die sportpsychologischen Ziele zu erreichen. Als Beispiel hierfür wäre der Einsatz des Kartenspiels „110% um die Ecke denken“, um so die Konzentration und das Denkvermögen zu steigern. 

Bei gehörlosen Sportlern lege ich verstärkt Wert auf visuelles Training, beispielsweise durch “Sichtbarmachen von Situation” (Bsp.: Antizipationstraining (Kognitives Training): hierbei wird den Spielern ein Kreuz auf den Rücken geklebt, damit die Oberkörperrotation sichtbarer wird, um so die taktische Vorgehensweise auszuführen oder durch Handsignale, wohin der Spieler*in den Ball spielen muss (Lichtsignale). Am Ende ist die Auswahl riesig und bedarf immer einer individuellen Prüfung oder auch Anpassung.

Wird das Potential der Sportpsychologie im Behindertensport schon ausgeschöpft?

Fakt ist, dass 86,5% der Behindertensportler*innen bisher noch nie Kontakt zu einem Sportpsychologen hatten. Das scheint verwunderlich, da auch für diese Gruppe Leistungsoptimierungen auf der Basis von sportwissenschaftlichen bzw. sportpsychologischen Untersuchungen notwendig sind. Wie für jede andere Sportlerin und jeden anderen Sportler auch. Klar muss man auf diese Sportler*in “anders” zugehen, da hier eine Behinderung vorliegt, jedoch können wir hier trotzdem im Sinne einer Leistungsoptimierung einwirken.

Was kann die Sportpsychologie in Wissenschaft und Praxis ändern, um ihren Output diverser anwendbar zu gestalten?

Wir müssen versuchen, eine gewisse Aufklärungsarbeit in den jeweiligen Verbänden zu leisten. Als Positivbeispiel darf dafür gern der deutsche Gehörlosen-Sportverband gelten. Aber was meine ich mit einer verbesserten Aufklärungsarbeit? Dazu gehört zum einen, die Sportler*innen für den Bereich der Leistungsoptimierung und der Sportpsychologie zu sensibilisieren. Hierdurch kann eine gewisse Akzeptanz geschaffen werden, die dazu führen dürfte, dass sich die Sportler*innen für die Sportpsychologie öffnen. Zum anderen darf auf Seiten der Sportpsychologie festgehalten werden, dass ein größerer Forschungsaufwand betrieben werden muss, da sich anders gelagerte Fragen bei den sportpsychologischen Interventionen ergeben. Hier würde ich mir mehr Engagement und auch eingesetzte Mittel wünschen. 

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