Dr. René Paasch: Suchfenster im Fussball trainieren (Teil 4)

Im Fussball stehen die Spieler ständig unter Druck, in kurzer Zeit die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dieser Zeitdruck resultiert hauptsächlich daraus, dass Gegenspieler versuchen zu verhindern, dass ein Pass zu einem gut positionierten Mitspieler gespielt wird. In diesen Spiel- und Entscheidungssituationen reicht es oftmals nicht aus, auf die Aktionen des Gegners zu reagieren. Es ist notwendig, die wesentlichen Informationen für die Vorhersage frühzeitig zu erkennen und diese in die eigene Handlungsplanung zu integrieren, um erfolgreich zu handeln. Aus diesem spannendem Blickwinkel möchte ich Ihnen die Suchfenster von Fussballern vorstellen und Anregungen für eine Verbesserung liefern. 

Zum Thema: Aufmerksamkeitsschulung im Fussball (Teil 4)

Das menschliche Gehirn wurde in akribischer Kleinstarbeit über viele tausende Jahre entwickelt. Durch gezielte aufmerksamkeitsrelevante Schwerpunkte hat sich unser Gehirn aus einer riesigen Menge an Informationen entwickelt. Es hat gelernt, bewusst zu selektieren und zu verarbeiten, welche für das Überleben und situationsgerechte Handlungen im Alltag und Sport wichtig sind (Cohen, Nakayama, Konkle, Stantic, Alvarez, 2015). 

Die Aufmerksamkeit gilt als ein entscheidender Leistungsfaktor im Hinblick auf sportliche Leistungen (Abernethy et al., 2007). So benötigen Fußballer situationsgerechte Suchfenster bei Ein- und Mehrfachausführungen, um optimal Fussball spielen zu können. Beispielsweise muss dieser den Ball führen und ihn gleichzeitig vor gegnerischen Einflüssen abschirmen, während sie das Spiel nach Räumen und freien Spielern durchsuchen. In dem nun folgenden Abschnitt werden Trainingsformen und Übungsaufbauten präsentiert, die den Voraussetzungen für eine verbesserte Aufmerksamkeit nahekommen 

Siehe dazu: Der Footbonaut für Amateuere! 

Die Gefahr des Übersehens

Eine der Entwicklungen im modernen Fußballs ist, dass der Trainer situativ die Taktik ändern und die Mannschaft darauf reagieren muss. Furley, Memmert & Heller (2010) machen für dieses Phänomen die „Inattentional Blindness“, die Aufmerksamkeitsfokussierung verantwortlich. Diese beschreibt, dass Personen oder Mannschaften, wenn sie in einer Situation zu sehr auf eine bestimmte Sache fixiert sind oder feste saisonale taktische Ausrichtung fahren, häufig andere Dinge übersehen.

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse legen eine Aufteilung der Aufmerksamkeit in vier Subprozesse nahe (Knudsen, 2007): 

  • Aufmerksamkeitsorientierung
  • selektive Aufmerksamkeit
  • geteilte Aufmerksamkeit
  • Konzentration 

Praktische Beispiele der vier Subprozesse im Fussball (Memmert, 2019, S. 42): 

Aufmerksamkeitsorientierung:  Ein Mitspieler auf der anderen Seite des Spielfelds signalisiert per Armheben seine Anspielbereitschaft, woraufhin der Ballhalter  seinen Aufmerksamkeitsfokus  auf diesen Spieler richtet, um einen langen Pass zu spielen. 

Selelektive Aufmerksamkeit: Ignorieren des „Pfeifkonzerts“ des  gegnerischen Publikums vor dem Ausführen  eines Eckballs, um den Ball präzise auf die starken Kopfballspieler zu spielen. 

Geteilte Aufmerksamkeit: Sicheres Abschirmen  kloijddes Balls, während man das Spielfeld nach freien Mitspielern „scannt“. 

Konzentration: Fixieren des Balls bei einem 60-m-Pass, um den Ball spielbar aus der Luft  annehmen zu können. 

Geteilte Aufmerksamkeit als zentrale Säule

Wenn die Aufmerksamkeit eines Spielers auf ein anderes Objekt gerichtet ist, dann wird eine unerwartete Situation auf dem Feld oft nicht wahrgenommen, obwohl es sich im visuellen Blickfeld befindet. Im Fussball ist daher die geteilte Aufmerksamkeit eine zentrale Säule für schnelles Aufassen, Reflektieren und situationsgerechtes Agieren. Das Wahrnehmen von unerwarteten Objekten kann jedoch durch eine stärkere Beachtung des Aufmerksamkeitstrainings erlernt werden. Dies ist insbesondere im Kinderbereich von zentraler Bedeutung, da sie unerwartete Objekte deutlich weniger gut wahrnehmen als Jugendliche und Erwachsene (Memmert, 2019). 

Zu den Beiträgen der Mini-Serie von Dr. René Paasch

Fazit

In einigen Spielsituationen ist es wichtig und notwendig, die Aufmerksamkeit gezielt und selektiv auf ein Objekt zu richten, hingegen erfordern andere Situationen mehrfach Subprozesse der Aufmerksamkeit. Die geteilte Aufmerksamkeit befähigt Spieler dazu, sich auf zwei oder mehrere Informationsquellen gleichzeitig zu konzentrieren. Diese Fähigkeit, ist nicht nur im Sport, sondern auch in verschiedenen Alltagssituationen relevant. Um originelle Lösungen auf dem Platz zu integrieren, benötigen Mannschaftssportler eine verstärkte geteilte Aufmerksamkeit. Deshalb stellen effiziente visuelle Aufmerksamkeitsprozesse eine wesentliche kognitive Voraussetzung für erfolgreiche Leistungen im Sport dar. Insbesondere in den Sportspielen, die sich durch ständig verändernde Umweltanforderungen auszeichnen, hat die flexible Ausrichtung der Aufmerksamkeit leistungsdeterminierenden Charakter. 

Ziel des Aufmerksamkeitstrainings ist daher, sowohl die Anweisungen des Trainers umzusetzen, als auch bei reduzierten Hinweise bessere Lösungen wahrzunehmen und ergänzend dies  videobasiert in Simulation zu trainieren. 

Komm zum Barcamp, um mit Dr. René Paasch und vielen anderen Gesichtern von Die Sportpsychologen an Details und dem großen Ganzen zu arbeiten:

Mehr zum Thema:

Literatur 

Abernethy, B., Maxwell, J. P., Masters, R. S. W., van der Kamp, J. & Jackson, R. C. (2007): Attentional processes in skill learning and expert performance. In G. Tenenbaum & R.  C. Eklund (Eds.), Handbook of sport psychology (3rd ed.). New Jersey: Wiley & Sons. 

Cohen, M. A., Nakayama, K., Konkle, T., Stantic, M. & Alvarez, G. A. (2015). Visual awareness is limited by the representational architecture of the visual system. Journal of  Cognitive Neuroscience, 27, 2240-2252. 

Furley, P., Memmert, D. & Heller, C. (2010): The dark side of visual awareness in sport – Inattentional blindness in a real-world basketball task. Attention, Perception & Psychophysics, 72 (5), 1327-1337.

Knudsen, E. (2007). Fundamental components of attention. Annual Review of Neuroscience, 30, 57-78. 

Memmert, D. (2019): Fußballspiele werden im Kopf entschieden: Kognitives Training, Kreativität und Spielintelligenz im Amateur- und Leistungsbereich Taschenbuch. Meyer & Meyer; Auflage: 1 

Internet: 

https://www.komm-mit.com/de/fussballforschung-aktuell/

Print Friendly, PDF & Email

Aufrufe: 324