Cristina Baldasarre: Mit neuen Lösungsansätzen aus der Dopingfalle?

Das Thema Doping steht spätestens seit den jüngsten Geschehnissen und Geständnissen rund um den österreichischen Ex-Skilangläufer Johannes Dürr konstant in den Medien. Vieles wurde bereits geschrieben und diskutiert. An der diesjährigen asp-Tagung in Halle an der Saale sprach Johannes Dürr vor sportpsychologischem Publikum über seine Geschichte. Es war sehr eindrücklich und hat mich zum Nachdenken gebracht.

Zum Thema: Kritische Auseinandersetzung mit der Erfolgsprämisse im Leistungssport

Mehr Infos zu Cristina Baldasarre: https://www.die-sportpsychologen.de/cristina-baldasarre/

Ich werde mich hier nicht um die allseits bekannten Tatsachen, Spekulationen oder rein sportpsychologische Themen kümmern. Auch sei an dieser Stelle klar festgehalten, dass ich auch der Meinung bin, dass Dopingvergehen gebüsst werden sollten. Aber dieser Bericht dreht sich vielmehr um meine Überlegungen aus Sicht der systemischen Psychotherapeutin, rund um die durch Johannes Dürr personalisierte Geschichte, welche für mich beispielhaft für dieses komplexe Thema Doping steht.

Denn es geht nicht nur um Sportler, deren Umfeld sowie überhaupt das gesamte System, sondern am Ende um die Frage, wer als Täter fungiert und inwiefern diejenigen gleichzeitig auch die Opferrolle ausfüllen? Etwas zugespitzt: Was stand denn nun am Anfang – die Henne oder das Ei? Der Sportler, oder die Goldmedaille? Oder doch der Verband? Oder, oder, oder!

Meine eigenen Weltansichten?

Der systemische Ansatz in der Psychotherapie geht davon aus, dass sich jeder Mensch seine eigene Welt konstruiert. Diese entsteht durch die Wahrnehmung ganz von selbst, als Folge der Wechselwirkung von Denken und Handeln zwischen Menschen und ist darum stets auch kontextabhängig. Es geht also immer wieder um Beziehungen. So gesehen nehme ich meinen Gegenüber immer durch meine eigene Brille meiner eigenen Wahrnehmung wahr (Reinhard).

Wie hat Dürr denn durch seine eigene Brille seine Welt wohl angeschaut?

Meine Ideen dazu tendieren in die Richtung, dass «seine» Welt und somit auch sein ganzes Selbst einzig und allein auf den Sport aufgebaut und ausgerichtet war. Nur der Maximalerfolg, z.B. Olympiasieger oder Weltmeister, schien gut genug zu sein. Hier spielt das System der Sportschule oder des Landesverbandes ganz klar stark mit hinein. Sein gesamtes sportliches Umfeld scheint nach dem Prinzip «steter Tropfen höhlt den Stein» konditionierend gewirkt zu haben. Ausgerichtet einzig und allein auf den Erfolg und den Sieg. Die Brille von Dürr wurde so fokussiert, dass alles auf dieses Endziel gerichtet war und alle dafür nötigen Handlungen in diesem System ihre Berechtigung fanden. Daneben gab es praktisch nichts anderes!

Die ARD-Dokumentation, die umfangreiche Doping-Ermittlungen ausgelöst hat. 

Die beste Lösung?

Der systemische Ansatz geht weiter davon aus, dass alle Symptome immer Lösungsversuche sind, sich im eigenen System, sprich seinem Umfeld zurecht zu finden und zu überleben; wie auch immer! Zugegeben, manchmal haben die Lösungsversuche einen sehr hohen Preis (Reinhard). Auch wenn beispielsweise die Veränderungsmotivation so weit reicht, dass sich jemand von den eigenen Werten verabschiedet und tut, was er früher nie für möglich gehalten hätte. Also, die innere Balance aufgegeben wird.

Wenn also das Dopingvergehen das Symptom darstellt, was könnte sich Dürr dabei gedacht haben? Wofür war Doping da ein sinnvolles Verhalten?

Es lassen sich einige Hypothesen formulieren: Das war seine Lösung aus dem riesigen Dilemma, dem Druck wahrscheinlich sonst nicht standzuhalten. Oder um der Angst Herr zu werden, den Erfolg zum Schluss doch nicht zu kassieren, wodurch sein Selbstwert ins Bodenlose fallen würde, was bis hin zu existentiellen Krisen und Depressionen führen kann. Oder, oder, oder… um präzisere Antworten zu erhalten, bräuchte es persönliche Gespräche.

Ex-Langläufer Johannes Dürr (links) und Schwimmer Paul Biedermann bei der asp-Jahrestagung 2019 in Halle/Saale (Foto: asp-Jahrestagung)

Sein Zitat aus einer Veröffentlichung von news.at verdeutlicht aber «…sechs Monate ohne Training, in denen er die Lust am Langlaufen wie ein Süchtiger zur absoluten Notwendigkeit überhöht. „Ich konnte mir nicht vorstellen, was ich ohne meinen Sport tun soll“, erinnert er sich. „Da war nichts, und vor diesem Nichts hatte ich wahnsinnige Angst.“»

Wir könnten Symptome wie Rätsel betrachten, die es zu lösen gilt. Und gleichzeitig bringt uns das auf eine Metaebene des Betrachtens, weit weg von dualen Bewertungssystemen wie richtig-falsch oder gut-schlecht. Hin zur Erkenntnis, dass Symptome/Verhaltensweisen wie Doping ein Ausdruck von grösster innerer Ambivalenz und Not sind. Und darum die in dem Moment einzig möglich erscheinende Lösung dieses inneren Konfliktes darstellen (Liechti). Der Mensch als Gesamtpaket könnte sich auch für andere Lösungen entscheiden: die Palette reicht von Beenden der Leistungssportkarriere bis hin zu Suizid… der Organismus sucht sich einen Ausweg, hat dazu seine Ressourcen zur Verfügung (wie auch immer dieses ausdifferenziert sind), und macht was dazu nötig ist, um die unendlichen inneren Spannungen auszuhalten.

Warum darüber sprechen?

Dürr selbst meinte, es hätte ihn innerlich täglich verfolgt, mit dieser Lüge zu leben. Und das sei kein Zustand gewesen, den er auf Dauer aushalten wollte und auch nicht konnte. Denn sicher ist: Dort wo ich meinen Fokus hinrichte, da entsteht meine Wirklichkeit, meine Welt.

Mit einer solchen inneren Zerrissenheit und diesem inneren Erleben von Abhängigkeit sind immer auch grösste Selbstvorwürfe und ein schlechtes Gewissen verbunden. All das ist wiederum stets gekoppelt an massiver Schuld und Scham. Dies alles gehört aufgearbeitet sowie die traumatisierenden Anteile psychotherapeutisch behandelt! Ein Schritt dazu ist das Einnehmen einer Metaperspektive und das mentale Probehandeln.

Dürr könnte sich gefragt haben: Wie würde ich mich denn fühlen, wenn ich es erzählen würde? Was hätte das für Auswirkungen auf mein Leben? Wofür würde es überhaupt Sinn machen, darüber zu sprechen? Wie würde ich danach über mich selber denken? Und wie würde ich mich dann anders fühlen?

Dieses Hypothetisieren, auch mentales Probehandeln genannt, dient dazu, innerlich mehr Abstand zu gewinnen und dadurch wird ermöglicht, verschiedene Szenarien durchzuspielen und trotzdem in Sicherheit zu bleiben. Es ist ein erster Schritt, der Ambivalenzen aufdecken kann, woraus schon eine grosse Stressreduktion erfolgt und Entscheidungen danach besser getroffen werden können.

Wer ist anfälliger?

Die spannende Frage, warum gewisse Menschen in einem System dies und das Tun und andere im gleichen System nicht, liegt hier nahe. Ist es typenabhängig? Diese Meinung geistert doch stark in unseren Köpfen herum. Sowie auch die banal einfache Lösung dazu… «man muss halt stark bleiben und sich entscheiden, es nicht zu tun…». Wenn es doch nur so einfach wäre! Klar, kognitiv betrachtet stimme ich dem zu. Hingegen psychotherapeutisch und intrapsychisch betrachtet, gibt es da schon ein paar Nuancen mehr. Sicher ist, dass eine multikausale Erklärung ansteht und ich hier meinen persönlichen Versuch darlege, wie ich die Dinge sehe:

Urvertrauen

  • Ein erstes Augenmerk gilt dem entwicklungspsychologischen Konzept der sicheren Bindung und demjenigen des Urvertrauens. Die entstehen in den ersten Monaten und Jahren jeden Lebens und prägen uns Menschen sehr stark. Falls da etwas schief läuft, können unsicher gebundene Menschen weniger gut einschätzen, wer vertrauenswürdig ist und wer weniger. Das Selbstwertgefühl und die Liebesfähigkeit («Ich fühle mich geborgen») sowie das Vertrauen in andere («Ich vertraue dir») und das Vertrauen in die Welt («Es lohnt sich zu leben») entwickeln sich daraus (Wikipedia).
  • Das Urvertrauen erlaubt es dem Menschen weiter, seine Umwelt differenziert wahrzunehmen und zu beurteilen. Es entspricht in der Gefühlsqualität der optimistischen Zuversicht des Erwachsenen, sich mit Selbstvertrauen in der Welt zu bewegen (Wikipedia).
  • Bildet sich das Urvertrauen mangelhaften aus (=unsichere Bindung), können dadurch Beziehungs- und Bindungsprobleme von Menschen miterklärt werden. Folgestörungen können Misstrauen, Depressionen, Angstzustände, Aggressivität u.a.m. sein. Solche Menschen sind viel anfälliger auf externe Versuchungen und auch einfacher dazu zu bringen Dinge so zu tun, wie andere es ihnen sagen.

Einschneidende Erlebnisse

  • Ein weiteres Augenmerk liegt auf sogenannten critical incidents, wie der Weggang von zu Hause in ein Sportinternat es sein kann: eben ein einschneidendes Erlebnis. In der Regel erfolgt dieser Umzug in der Pubertät, die entwicklungspsychologisch sowieso schon schwierig genug ist. Als Heranwachsender müssen Antworten auf die folgenden Fragen gefunden werden: Was für ein Mensch möchte ich sein? Wie möchte ich mein Leben gestalten? Was finde ich gut und was nicht? Zu welcher Gruppe (peers) möchte ich gehören?
  • Auswirkungen sozialer Gefüge wie ein Sportinternat, in denen man während der Pubertät lebt, sind somit auch klar: Jugendliche schliessen sich der Gruppe an und passen ihre Einstellungen an, um sozial konform zu sein, sprich dazu zu gehören. Ein weiteres Risiko dabei können mangelnde Bezugspersonen sein: An wen kann sich der junge Sportler wenden, wenn er Ängste, Sorgen und Nöte hat? Sehr schnell werden dann z.B. Trainer, ältere Athleten, Physios oder Lehrer zu so etwas wie Vertrauenspersonen. Diese selber stecken aber auch in einem System und leben das.

Selbstbestimmungstheorie

  • Ein drittes Augenmerk möchte ich auf die Selbstbestimmungstheorie legen (Self-Determination Theory). Sie wurde von Deci & Ryan als Motivationstheorie entwickelt. Nach dieser Theorie hängt die Motivation für ein bestimmtes Verhalten immer davon ab, inwieweit die drei psychologischen Grundbedürfnisse nach Kompetenz, nach sozialer Eingebundenheit und nach Autonomie befriedigt werden können.
  • Frustrationen entstehen, wenn diese psychologischen Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden. Dies führt dabei je nach ihrer Art und Dauer zu unterschiedlichen Einschränkungen der Motivation für das betreffende Verhalten. Wenn z.B. das Leben vorwiegend fremdbestimmt ist (was im Spitzensport sehr oft der Fall ist), werde ich immer frustrierter, weil mein Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung nicht erfüllt wird.
  • Dauert dieser Zustand über längere Zeit an, können die Folgen dabei von einfacher Verhaltensänderung (z.B. ich mache es im Versteckten) über die Entwicklung von Ersatzbedürfnissen (z.B. ich werde verbal ausfällig) bis hin zu selbstzerstörerischen Handlungen (z.B. Essstörung oder sich Ritzen) und völliger Antriebslosigkeit (Depression) reichen. Damit verbunden sind also stets Einbußen an Verhaltensqualität, Wohlbefinden und Gesundheit.
  • Als Motivationstheorie liegen den Überlegungen von Deci & Ryan auch die intrinsische sowie extrinsische Motivation zugrunde. Sie haben daraus quasi ein Kontinuum gemacht, analog einem Regler den man von rechts nach links und wieder zurück schieben kann. Somit haben sie den Erlebensraum erweitert und es werden auch Zwischentöne der beiden genannten Motivationslagen möglich. Für meine therapeutische Arbeit ist die Beobachtung zentral, inwiefern diese genannten drei Grundbedürfnisse angestrebt werden und wie stark sie bereits erfüllt werden. Ziel ist es immer, möglichst viel an intrinsischer Motivation zu bekommen. Und diese ist dann am grössten, wenn die drei Bedürfnisse zur Zufriedenheit der Person erfüllt sind und diese sich in der Interaktion mit ihrer Umwelt kompetent und selbstbewusst fühlt. Daraus resultiert ein autonomes Verhalten (im Gegensatz zu fremdbestimmtem Verhalten), welches Kreativität und neue Lösungsstrategien ermöglicht.

Athletenumfeld

  • Und ein viertes Augenmerk möchte ich auf das Umfeld des Athleten richten, was einen wichtigen Punkt der systemischen Psychotherapie darstellt. Das System Spitzensport und dessen Umfeld sind sehr mächtig und lassen in aller Regel fast keinen Platz für eigene Wahlmöglichkeiten. Termin- und Wettkampfplanung und oft auch der restliche Lebensinhalt sind vorgegeben. Flexibilität und Autonomie sind kaum existente Konzepte. Bis hin dazu, dass Interviewinhalte und öffentliche Auftritte gesteuert werden. So auch die Trainingspläne, die oft genug zu wenig Erholungsphasen aufweisen, dafür Wettkämpfe ohne Ende. Und stets hat der Athlet motiviert und energiegeladen eine top Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen.
  • Es gibt 1000 Gründe warum das so ist, und ich möchte das auch nicht werten. Lediglich das Augenmerk auf die Konsequenzen richten, die sich daraus ergeben können: Weist ein Athlet in den oben genannten (oder auch weiteren, hier nicht genannten) Punkten erschwerende Bedingungen oder Defizite auf, dann fördert eben genau dieses Spitzensport Umfeld die Entwicklung von Symptomen aller Art, um mit dem inneren und äusseren Druck fertig zu werden.

What else…?

Lösungsversuche wie Doping sind nie nur rein kognitive Entscheidungen, sondern viel mehr emotionale. Darum braucht es für Athleten als Präventionsmassnahmen zusätzlich andere Ansätze, die Befindlichkeiten und Gefühle ansteuern.

Neben der Stärkung der Athleten in ihrer Persönlichkeit und ihren Copingstrategien (z.B. «cool and clean», ein Schweizerisches Nachwuchsprojekt), sollten auch Achtsamkeitsübungen und körpertherapeutische Übungen gelernt werden. Mit dem Ziel, einen anderen Umgang mit dem Thema Leistung und Erfolg zu erhalten, der die Herausbildung langfristiger, gesunder Verhaltensweisen stützt. Neben den Rangzielen müssten Trainer in eine persönliche Diskussion gehen und auch Ziele herausarbeiten wie: Wofür macht das alles auch noch Sinn? Was heisst es für den Athleten, Erfolg zu haben? Was neben der Goldmedaille könnte auch noch wichtig sein…? So wächst dann ein selbstsicherer Athlet heran, unabhängig seines Erfolges – aber genau dieses Selbstverständnis – «Ich bin gut so, wie ich bin!» – ist für langfristigen und gesunden Erfolg zentral!

Mehr zum Thema:

Literatur

Cool and clean: https://www.coolandclean.ch/

Deci, E. L.  & Ryan, R. M. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55, 68-78.

Liechti, J. (2014). Entwicklungsprobleme in der Jugend. In: Tom Levold &  Michale Wirsching (Hrsg.), Systemische Therapie und Beratung – das grosse Lehrbuch. Heidelberg: Carl-Auer.

Reinhard, M., (2016). Systemisches Arbeiten mit Kindern, Jugendlichen und ihren Angehörigen im ambulanten und stationären Kontext. Seminarunterlagen zur Systemischen Psychotherapieausbildung am Institut für Entwicklung und Fortbildung IEF in Zürich.

https://www.news.at/a/news-doping-duerr-10683091

https://de.wikipedia.org/wiki/Urvertrauen

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