Dr. René Paasch: Der Footbonaut für Amateure!

Das schnelle Entscheidungshandeln ist eine der wichtigsten Fähigkeiten im Fußball. Deshalb muss der Prozess ‘SAEH – Sehen-Antizipieren-Entscheiden-Handeln’ im Training unbedingt geschult werden. Einige Fußball Top-Vereine greifen dabei auf sauteure Technik zurück. Den ‘Footbonauten’, den bereits Borussia Dortmund und die TSG Hoffenheim nutzen, können Amateurvereine und viele andere Profi-Clubs aber nicht bezahlen – mit kreativen Hilfsmitteln lässt sich jedoch vergleichbar arbeiten.

Zum Thema: Kreative Trainingsformen zum Üben von Entscheidungshandeln

Der Footbonaut ist eine kostspielige Trainingsmaschine. Die 14×14 Meter große Kunstrasenfläche ist von Gitterwänden umgeben, die aus 72 Quadraten bestehen. Im Footbonauten können in kürzester Zeit und in Anwendung unterschiedlichster Trainingsformen viele Situationen simuliert werden. Talentierte Spieler spielen in sechseinhalb bis siebeneinhalb Minuten 100 Bälle – das sind 200 Ballkontakte. Diese Gesamtsituation ist real nur schwer darstellbar. Dazu kommen komplexe Auswertungsmöglichkeiten. Vom Austritt des Balles aus der Maschine bis zum Übertritt der Lichtschranke im Zielfeld erhält der Leistungsfußball unglaublich viele Daten. Somit können Rankings erstellt, Profile anlegt und nachvollzogen werden. So ist es möglich, jeden Fort- und Rückschritt festzuhalten. Folgende Trainingseffekte können mit den Footbonauten trainiert werden: Ballannahme und -weitergabe, Handlungsschnelligkeit und Konzentrationsfähigkeit. Geschwindigkeit und Präzision im Passspiel. Adaptionsfähigkeit auf eine zufällig entstehende Situation, um nur einige Bereiche zu nennen. Damit sind die wesentlichen Effekte benannt. Es geht aber noch tiefer. Dabei geht es nicht mehr nur um die Ballannahme, sondern gleichzeitig schon um die Richtung, in die das Spiel gehen wird. Der Footbonaut bietet somit dem Leistungsfußball die Möglichkeit, hier sehr gezielt zu arbeiten.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Forschungsinhalte von Professor Oliver Höner hinweisen. Gedanken können einschränken und Handeln macht entscheidungsfreudig! – dies trifft auf zahlreiche Handlungen im Fußball zu. Sie gründet auf einer misslungenen Lösung des Abschirmungs-Unterbrechungs-Dilemma der Handlungsteuerung (Höner, 2005): Einerseits müssen sich Spieler frühzeitig für Handlungsabsichten wie dem Alleingang mit Torabschluss entscheiden und dann ihre Aufmerksamkeit auf die Realisierung konzentrieren. Andererseits müssen Spieler aufgrund der zeitlichen Impulse des Fußballspiels offen für Veränderungen der Situation sein. Damit sind neben technischen Fertigkeiten und konditionellen Fähigkeiten im Fußball immer auch kognitive Fähigkeiten Spiel entscheidend. In dem nun folgenden Abschnitt werden Trainingsformen und Übungsaufbauten präsentiert, die den Voraussetzungen im Footbonauten nahekommen und die gleichen Abläufe fordern.

Praktische Organisationsformen im Fußball:

Mit den nun dargestellten Übungen können folgende Bereiche im Fußball trainiert werden: Ballan- und -mitnahme flacher, halbhoher oder hoher Zuspiele sowie das zielgenaue und dosierte Passspiel. Weiterhin lernen die Spieler, in unterschiedliche Richtungen zu denken und zu spielen, so dass das Passen immer wieder sowohl vom Standbein weg als auch über das Standbein erfolgt. Außerdem wird die Beidfüßigkeit geschult. Auf kognitiver Ebene werden die Wahrnehmung und Verarbeitung akustischer und optischer Signale sowie die Vororientierung bis hin zur Handlungsumsetzung gefördert. Für umfassende empirisch Forschungen, empfehle ich Ihnen die Übersichtsarbeiten von Professor Daniel Memmert (2012, 2015), der zahlreiche methodische Möglichkeiten zur fußballspezifischen Schulung von taktischer Kreativität entwickeln konnte. Siehe dazu auch den Leitartikel:

Prof. Dr. Daniel Memmert: Kreatives taktisches Entscheiden im Fußball

Trainingsformen:

“Vier kleine Tore”

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 Organisation
  • Ein 12 x 12 Meter großes Quadrat mit verschiedenfarbigen Eckhütchen markieren.
  • 4 Minitore gemäß Abbildung aufstellen und durchnummerieren.
  • 4 Spieler verteilen sich mit Bällen an den Eckhütchen.
Ablauf
  • Der Trainer gibt zwei akustische Signale.
  • Zuerst nennt er eine Farbe, von wo der Ball zugespielt wird.
  • Danach folgt eine Zahl, die das Zieltor bestimmt.
  • Der Spieler in der Feldmitte kontrolliert das Zuspiel und schließt schnellstmöglich auf das vorgegebene Zieltor ab.

Informationen erweitern

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Organisation
  • Den Aufbau beibehalten.
Ablauf
  • Der Trainer gibt jetzt nicht nur zwei, sondern drei akustische Informationen.
  • Die erste Information gibt an, von wo der Ball kommt.
  • Die zweite bestimmt, mit welchem Spieler ein Doppelpass gespielt wird.
  • Die dritte bezeichnet das Zieltor, in das der Innenspieler passen soll.

Mittelpunktspieler

mittelpunktspieler

Organisation
  • Den Aufbau beibehalten.
Ablauf
  • Im Feld stehen zwei Spieler A und B, die zusammenspielen.
  • Die erste Information des Trainers bestimmt den Zuspieler.
  • Die zweite Information bezeichnet das Zieltor.
  • A erhält das erste Zuspiel und passt möglichst direkt zu B weiter.
  • B kontrolliert das Zuspiel und passt in das entsprechende Zieltor.
  • A und B tauschen nach jeder Aktion die Aufgaben.

Eine zusätzliche Erweiterung der Aufgaben im ‘Footbonaut kreativ für Amateure’ kann durch Verwendung weiterer Elemente erreicht werden. So kann der Trainer auch Übungen auf sechs oder sogar acht Tore durchführen. Steht im Sportverein eine solche Anzahl an Toren nicht zur Verfügung, können dabei auch Hütchen zum Einsatz kommen. Der Einsatz des „Footbonauten kreativ für Amateure“ ist für mich inhaltlich sinnvoll, da viele Schulungselemente permanent Eingang ins  Spiel finden.

Wenn Sie Fragen zur Anwendung und Umsetzung und zur Trainingssteuerung haben, nehmen Sie gern Kontakt zu mir auf.

http://www.die-sportpsychologen.de/profile/Rene%20Paasch/

Literatur:

  1.   Unkelbach, C., Ostheimer, V., Fasold, F., & Memmert, D. (2012). A calibration explanation of serial position effects in evaluative judgments. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 119, 103-113.
  2.   Hüttermann, S., & Memmert, D. (2015). The Influence of Motivational and Mood States on Visual Attention: A Quantification of Systematic Differences and Casual Changes in Subjects’ Focus of Attention. Cognition and Emotion, 29, 471-483.
  3. Höner, O. (2005). Entscheidungshandeln im Sportspiel Fußball – Eine Analyse im Lichte der Rubikontheorie. Schorndorf: Hofmann.
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