Prof. Dr. Oliver Stoll: Party am Kontrollpunkt vier

Die Sportart Orientierungslauf fristet in Deutschland (wie auch so viele andere spannende Aktivitäten)  ja eher „ein Randsportart-Dasein“. Auch in der wissenschaftlichen Sportpsychologie gibt es hier kaum Publikationen, wenn man mal vor der Dissertation von Roland Seiler aus dem Jahr 1990 absieht. Kaum jemand weiß zum Beispiel, dass sich die Orientierungsläuferinnen und –läufer im Deutschen Turnerbund organsiert haben. Und natürlich ist Orientierungslauf auch nicht olympisch. Ähnlichkeiten zu anderen Laufdisziplinen sind offensichtlich. Es geht um das ausdauernde Laufen im Gelände (mit vielen echten Cross-Anteilen) mit Orientierungsfunktion (wie wir das z.B. auch bei der neuen Trendsportart „Trail-Running“ finden).  

Zum Thema: Die besonderen Anforderungen des Orientierungslaufs

Der zentrale Unterschied liegt wohl zum einen in der zu absolvierenden Distanz, die im Orientierungslauf die 15 km eher selten und wenn, dann auch nur wenig überschreitet. Trailrunner mögen es ja eher mal etwas länger (bis zu 100 Meilen) und natürlich in der Art und Weise der Informationsverarbeitung. Trailrunner finden in der Regel immer mal Streckenbeschilderungen (wenn auch nicht immer und überall), aber dürfen dafür ein GPS-Navigationsgerät mitführen, dass sie notfalls auf den richtigen Weg zurück führt. Das genau dürfen Orientierungsläufer nicht. Hier ist nur echtes Kartenmaterial und ein Kompass erlaubt. Zu finden sind dann Kontrollpunkte, die auf der Karte eingezeichnet sind. Wer zuerst alle Kontrollpunkte gefunden (und mit seinem Marker markiert hat), und am schnellsten wieder im Ziel ist, hat gewonnen. Dabei ist die Lösung der Laufroute eine sehr individuelle und muss natürlich nicht bei allen Wettkämpfern auf den gleichen Wegen passieren. Es liegt auf der Hand, dass hier insbesondere die kognitiven Fähigkeiten auf das Extremste gefordert sind. Informationen erfassen, verarbeiten, Lösungen finden, während man hoch intensiv belastet ist, das ist eine ganz besonders komplexe Aufgabe, die man natürlich nicht nur mit körperlichem Training bewältigen kann.


Videobeispiel: WM 2014 in Italien – Männerstaffel

Mentales Training im engeren Sinne, also die Schulung von Antizipation und der Aufmerksamkeit sowie das gezielte und zeitlich passende Konzentrieren auf spezifische Umfeld-Signale, die für eine richtige Entscheidungsfindung bedeutsam sind, sollte zum natürlichen Rüstzeug eines jeden Orientierungsläufers gehören. Hier bietet die praktische Sportpsychologie eine ganze Reihe verschiedener Trainingsverfahren (zusammenfassend auch bei Stoll & Ziemainz, 2009). Entscheidungsverhalten ist allerdings genauso wichtig.

Orientierungslauf ist grundsätzlich eine Individualsportart. Der Wettkampfmodus legt fest, dass die Läuferinnen und Läufer in einem Abstand von zwei Minuten starten, um zu verhindern, dass man möglicherweise von den kognitiven Leistungen eines anderen Läufers profitiert, in dem man sich einfach mal „hinten dran hängt“, wenn man auch läuferisch dazu in der Lage ist (ähnlich wie das Windschattenfahren im Radsport oder im Triathlon). Man braucht dann nicht selbst die Karte zu lesen und somit „kognitive Körner verbrennen“. Dies führt dann teilweise zu kuriosen Vorgängen in einem Wettkampf, wie z.B. bei der letzten WM in Italien während des Staffelrennens (hier wird ausnahmsweise im Pulk gestartet). Sieben läuferisch ungefähr gleichstarke Läuferinnen kommen an Kontrollpunkt 4 an und jede glaubt, dass die jeweils andere Läuferin schneller und besser den Weg zum nächsten Kontrollpunkt herauslesen und planen kann. Im Fernsehen (bzw. im Internet-Livestream) sieht man dann nur an den GPS-Signalen der Staffeln auf einer Landkarte, die sich ständig im Kreis bewegen, was den Kommentator zu dem lakonischen Spruch verführt: „Seven ladies having a party at control point 4“. Also, es ist nicht nur die läuferische Stärke, oder die kognitiven Fähigkeiten im Lesen von Karten und der weiteren Handlungsplanung. Es ist auch ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, das ein Orientierungsläufer benötigt, zu seinen eigenen Fähigkeiten zu stehen und sich nicht von mutmaßlich besseren Läufern ablenken zu lassen oder eben „Trittbrettfahren zu wollen“. Sportpsychologisches Training kann hier die üblichen Trainingsmethoden ergänzen.

 

Literatur

Seiler, R. (1990). Von Wegen und Umwegen – Informationsverarbeitung und Entscheidung im Orientierungslauf. Sporthochschule Köln.

Stoll, O. & Ziemainz, H. (2009). Mentaltraining im Langstreckenlauf. Hamburg: Czwalina.

Wer sich einmal einen Eindruck dieser Sportart verschaffen möchte, dem empfehle ich folgenden Link (WM 2014 in Italien – Männerstaffel): https://www.youtube.com/watch?v=S1OUNLZi0dw

 

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