Thorsten Loch: Wenn das Team gefragt ist

Die brutale Enttäuschung war den Spielern der deutschen Handball-Nationalmannschaft nach dem Ausscheiden im WM-Viertelfinale gegen Gastgeber Katar anzusehen. Aber das Turnier ist noch nicht vorbei: Die in den vergangenen Jahren schwer gescholtene und in den letzten Tagen aber stark verbessert auftretende Mannschaft hat noch die Möglichkeit, sich  einen Platz in der Qualifikationsrunde für die Olympiateilnahme zu sichern. Dafür muss eines der beiden Spiele im Rennen um Platz fünf bzw. sieben gewonnen werden. Dies gelingt nur, wenn die Mannschaft noch stärker zusammenrückt und nach dem verpassten Halbfinale andere Ziele akzeptiert.

Zum Thema: Warum das Team vielmehr als eine Gruppe ist?

Ein Team ist nach Born und Eislin (1996) eine spezielle Form einer Gruppe, die sich durch eine klare Leistungsorientierung kennzeichnen lässt und für die die Leistung das vorrangige Ziel darstellt. Das Team bleibt immer das Mittel, nicht der Zweck. Anders ausgedrückt wird in echten Teams die Trennung zwischen denjenigen, die denken und entscheiden, und denen, die arbeiten und ausführen, aufgehoben.

Ein Team ist laut Born und Eiselin (1996) unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass
1. ein ausgeprägtes Maß an innerem Zusammenhalt (Wir-Gefühl) und Engagement für die Team-Leistungsziele vorliegt;
2. die Zielerreichung als Existenzzweck zugrunde liegt;
3. die Teammitglieder relativ gleichberechtigt nebeneinander stehen und individuelle, sowie wechselseitige Verantwortung tragen;
4. das Team zusammen etwas schafft, das über die Summe der Beiträge der einzelnen Mitglieder hinausgeht.

Teams im sportlichen Kontext können nur dann erfolgreich agieren, wenn durch sie auch soziale Bedürfnisse der einzelnen Mitglieder berücksichtigt sind. Das einzelne Teammitglied muss sich auf die Gruppe einlassen: Ohne Investitionen in Zeit, den Entschluss da zu sein, das Registrieren der anderen, Sich-Einstimmen auf die anderen und dergleichen mehr ist ein Team nicht überlebensfähig. In diesem Zusammenhang nennt Linz (2004) drei grundlegende Faktoren, die funktionierende Teams ausmachen: Den Ausgangspunkt bildet das gemeinsame Ziel. Dabei muss man allerdings hervorheben, dass ein gemeinsames Ziel nicht vom Trainer oder von der Verbands- beziehungsweise Vereinsführung ausgegeben wird. Im aktuellen Fall ist eine solche Gemengelage gegeben: Für die weitere Handball-Entwicklung, also aus Verbandssicht, ist die mögliche Olympia-Qualifikation von größter Bedeutung. Mannschaftsintern hatte sich nach den guten Leistungen in der Vorrunde aber womöglich ein noch höheres Ziel etabliert. Hier muss es nun also gelingen, dieses strategische Ziel als gemeinsames Ziel in den Vordergrund zu rücken.  Denn ein gemeinsames Ziel bedeutet, dass jeder Einzelne in der Gruppe dieses Ziel verfolgt und unbedingt erreichen möchte und damit sich auch diesem Ziel unterordnet. Wenn die Gruppe das Ziel erreicht, muss auch jeder einzelne Sportler dieser Gruppe es erreicht haben.

Dies ist insbesondere auch dann gegeben, wenn die Erreichung des Ziels nur miteinander, in Abhängigkeit voneinander erreicht werden kann. Die Mannschaft braucht jeden einzelnen Sportler, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. Und diese gegenseitige Abhängigkeit muss von den Mitgliedern der Mannschaft als etwas Positives erlebt werden. Jeder bringt etwas ein, was wertvoll für die gemeinsame Zielerreichung ist. Erhält der einzelne Spieler (auch der Einwechselspieler) diese Wertschätzung von den anderen Spielern, kann Teamgeist entstehen.

Optimierung der kollektiven Kompetenzerwartung

Die gemeinsame Überzeugung, als Team erfolgreich zu sein, gründet auf den Zusammenhalt innerhalb einer Mannschaft, dem Team-Klima und dem Umgang miteinander. Diese Faktoren können sich nicht unmittelbar vor dem Spieltag einstellen, sondern sind das Ergebnis eines langfristigen Teambuilding-Prozesses. Insofern muss aus Sicht der deutschen Handballöffentlichkeit in den verbleibenden WM-Tagen darauf gehofft werden, dass die in den vergangenen Monaten durch Bundestrainer Dagur Sigurdsson geschaffenen Strukturen schon so stabil sind, dass sich die Mannschaft auch nach einer ersten Enttäuschung wieder aufraffen kann. Hierbei geht es nun darum, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren und Vertrauen in den eigene Leistungsfähigkeit zu haben. In der unmittelbaren Spielvorbereitung könnte Sigurdsson Schlüsselszenen in einer Videopräsentation zusammen schneiden und einsetzen. Wichtig ist, dass den Spielern gemeinsames erfolgreiches Agieren (erfolgreiche offensive Szenen, aber auch defensive Szenen, in denen gegenseitige Unterstützung und Hilfe deutlich wird – wovon es in der WM-Gruppenphase eine Vielzahl gab) den Sportlern vor Augen führt. Diese Videopräsentation sollte gemeinsame Erfolgserlebnisse zeigen, die das Wir-Gefühl stärken und die kollektive Wirksamkeit entwickeln. Eine weitere Möglichkeit, um die kollektive Kompetenzerwartung aufzubauen, führt über symbolisch-sprachliche Erfahrungen. Hier ist in erster Linie Sigurdsson mit seiner Ansprache gefragt. Erste empirische Hinweise lassen auf eine gewisse Bedeutung der dadurch erzeugten Emotionen schließen. Danach sind emonationalisierte Ansprachen wirksamer als technisch-taktische (Vargas-Tonsing/Bartolomew, 2006).

Mit einem Sieg im ersten Platzierungsspiel am Freitag gegen Kroatien wäre ein Platz in der Qualifikationsrunde für die Olympischen Spiele bereits gesichert. Gelänge dies nicht, müsste dann das Platzierungsspiel um Rang sieben gewonnen werden. Nach der Misserfolgsserie in den vergangenen Jahren wäre diese Platzierung in Verbindung mit dem bisherigen Turnierleistung mehr als ein Fingerzeig, dass der deutsche Handball wieder im Kommen ist und über eine gewachsene Nationalmannschaft verfügt.

 

Literatur:

Born/Eiselin: Teams – Chancen und Gefahren: Grundlagen ; Anwendung am Beispiel von Lean Management, Huber Verlag, 1996.

Lothar Linz: Erfolgreiches Teamcoaching. 4. Auflage. Meyer&Meyer Verlag, 2004.

Vargas-Tonsing/Bartolomew: An Exploratory Study of the Effects of Pregame Speeches on Team Efficacy Beliefs. Journal of Applied Social Psychology Volume 36, Issue 4, pages 918–933, April 2006

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