Prof. Dr. Stoll/Abdullaeva: Reus – Verletzt und vergessen?

„Ein Traum ist von einer zur anderen Sekunde geplatzt“, so kommentierte Fußball-Nationalspieler Marco Reus in der Bild-Zeitung seine Verletzung im Testspiel gegen Armenien, die seine WM-Teilnahme verhindert. Eine Situation, vor der sich alle Top-Athleten fürchten, wenn es um einen lang erwarteten Wettkampf und unter Umständen um eine einmalige Chance im Leben geht. Dabei ist es egal, ob es sich um eine Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft handelt oder aber eine Teilnahme an Olympischen Spielen. Prof. Dr. Oliver Stoll und Elvina Abdullaeva gehen der Frage nach, was, wer und wie in einer solchen Situation helfen kann. 

Zum Thema: Marco Reus – Verletzt und vergessen?  

Wie kann man so einer Situation vorbeugen? Gar nicht – so sagen unisono alle Trainer, mit denen ich zu diesem Thema schon gesprochen habe, erklärt Prof. Dr. Oliver Stoll. Sie könnten ihre Spieler und Spielerinnen ja nicht „in Watte packen“ und auf eine echte Vorbereitung verzichten. Das wäre tatsächlich fatal, denn im Leistungssport ist es nun einmal so, dass es, insbesondere in Sportarten mit möglichen „Gegnerkontakt“ zu solchen Situationen kommen kann. Auch während des Fußball WM-Turniers in Brasilien kann dies noch passieren. Aus diesem Grund gibt es ja einen vergleichsweise großen Kader zu solch einem Turnier. Für den jeweils Betroffenen ist dies sicherlich nur ein schwacher Trost. Insbesondere dann, wenn man sich im Vorfeld nicht auch auf eine solche Möglichkeit mental eingestellt hat.

Eine solche Verletzung ist natürlich ärgerlich. So etwas kann wütend machen und durchaus sogar kurzfristig eine „Trauerphase“ einleiten. Professionelle Athleten kennen diese Situation jedoch eigentlich. Gerade im professionellen Fußball steht eine mögliche Verletzung immer irgendwie im Raum. „Kognitive Umbewertung“ ist der Fachterminus für den Prozess, den die betroffenen Athleten durchlaufen sollten. Die enorm hohe Bedeutsamkeit, die diese Teilnahme im Vorfeld sehr oft hatte sollte zugunsten anderer, dann individueller neuer Ziele relativiert werden, rät Prof. Dr. Oliver Stoll.

Familie, Freunde und Mannschaft sind “Stress-Puffer” 

Darüber hinaus sind soziale Unterstützung aus der Familie, aus dem Freundeskreis und auch aus dem Team heraus sehr gute „Stress-Puffer“ für solche Situationen. Elvina Abdullaeva ergänzt: „Wichtig ist die Präsenz von denjenigen, die immer dabei sind, egal ob es dir gut oder schlecht geht. Diese Leute geben uns unheimlich viel Kraft. Es ist auch sehr wichtig, sich von der Mannschaft und von dem Trainer nicht vergessen zu fühlen. Joachim Löw und seine Spieler haben jetzt zwar ausschließlich die kommende Weltmeisterschaft im Fokus. Doch ein Paar unterstützende SMS und Telefongespräche können Marco Reus Gemüt aufheitern.“

Unvermeidbare Begleitumstände, wie die große gesellschaftliche Bedeutung des Fußball-WM-Turniers verschlimmern die Situation, setzt Elvina Abdullaeva fort: „Gerade jetzt, wo die Spieler und das Event riesige Aufmerksamkeit von den Medien bekommen, wird Marco Reus sehr schnell merken, wie das Interesse an seiner Person augenblicklich sinkt. Hier können Fans einen großen Beitrag leisten. Unterstützende Aktionen, zum Beispiel Plakate, Fotos, Videos oder Facebook-Posts können ihm helfen. Diese Signale bewirken, dass der Spieler sich nicht vergessen fühlt und optimistischer in die Zukunft blicken kann.“ Marco Reuss könne zudem, merkt Prof. Dr. Oliver Stoll an, auch durchaus noch in anderer Art und Weise in die Fußball-WM eingebunden werden, sofern er dies möchte. Sei es als „Experte“ für Medien oder sogar vor Ort in Brasilien als Stütze für das Team, mit dem er ja fast die gesamte Vorbereitung absolviert hat.

Ziele neu ausrichten

Elvina Abdullaeva: „Ein anderer Ansatzpunkt, der ihm hilft sich mit der Situation abzufinden, ist das Umdenken, beispielweise das Problem zu verallgemeinern. So ist Marco Reus bei weitem nicht der einzige Fußballspieler, der sich während der Testspielphase verletzt hat. Genau so bitter erging es unter anderem dem Italiener Riccardo Montolivo. Auch der 29- jährige Mittelfeldspieler verletze sich in einem Testspiel schwer. Jetzt muss die Mannschaft von Cesare Prandelli ohne ihn in Brasilien spielen. Es ist tröstlich zu erkennen, dass Verletzungen zum Fußball dazugehören und dies zu akzeptieren.“

Mit Hans-Dieter Herrmann steht der Fußball Nationalmannschaft ein hervorragender Mannschafts-Sportpsychologe zur Verfügung, der hier ebenfalls unterstützen kann und im Bedarfsfall wird, so Prof. Dr. Oliver Stoll. Eine wichtige Erkenntnis für einen betroffenen Athleten in dieser Situation ist es, dass er (oder sie) ein solches Ereignis eben nicht kontrollieren kann…nicht ändern kann. Eine Problemlösung ist in der Kürze der Zeit eben nicht möglich, ansonsten würde er oder sie alles in seiner oder ihrer Macht mögliche tun, um eine Lösung des Problems herbeizuführen. Was bleibt, ist eben eine neue Bewertung der Situation, eine neue Ausrichtung der individuellen Ziele sowie unter Umständen eine bestmögliche Unterstützung der Mannschaft „aus der Ferne“ oder aber auch „vor Ort“, wenn dies möglich ist.

Marco Reuss steht ganz sicher nicht alleine in dieser für ihn persönlich nicht leichten Situation.

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