Björn Korfmacher: Die Irrtümer über Siegermentalität

Wenn es um den Begriff Siegermentalität geht, habe ich das Gefühl, dass dieser häufig missverstanden wird. Siegermentalität bedeutet nicht, unbedingt gewinnen zu wollen, getrieben und verbissen zu sein, Angst vor dem Verlieren zu haben oder gar ein schlechter Verlierer zu sein. Im Gegenteil. Siegermentalität bedeutet, von einem Sieg auszugehen, nichts anderes zu erwarten, selbstverständlich, selbstsicher und ungezwungen. Von Verbissenheit und Versagensängsten keine Spur. 

Zum Thema: Siegermentalität macht den Champion

Am stärksten bist du, wenn du entspannt bist, heißt es. Dass bedeutet, nur wenn du locker und angstfrei bist, kannst du Topleistung abliefern. Siegermentalität beinhaltet also auch immer eine gewisse Coolness – nennen wir es hier mal frech „Leck-mich-am-Arsch-Einstellung“. Nehmen wir zum Beispiel den Fußballer Zlatan Ibrahimovic („Ich will in Manchester nicht König werden. Ich werde Gott in Manchester.“) Für viele ist Ibrahimovic ein arroganter, selbstherrlicher Angeber. Für mich ist er der Inbegriff von Siegermentalität. Der ist weder verbissen, noch hat er Angst vorm Verlieren. Und wenn er doch mal verliert, ein schlechtes Spiel macht, sagt er sich, heute hat Gott einen schlechten Tag gehabt. So steht er immer über den Dingen und hört nie auf, an sich zu glauben. Das ist Siegermentalität. Und die führt zum Erfolg. Verbissenheit und Angst tun das nicht. 

Im Übrigen ist Zlatan nicht Gott. Auch wenn er sich selbst so sieht und sich gerne so darstellt. Zlatan bräuchte normalerweise wahrscheinlich auch hundert Versuche, bis ihm eines seiner spektakulären Tore auf Ansage gelingt. Und bestimmt gibt es auch in den unteren Ligen Spieler, die Ähnliches vollbringen könnten, sich in wichtigen Spielen aber nicht trauen und sich zu sehr an das vom Trainer geforderte Spielsystem halten. Aber Zlatan Ibrahimovic traut sich. Mit einer Mischung aus Selbstvertrauen und „Leck-mich-am-Arsch-Einstellung“. Think big and no fear ist die Devise. Und eben nicht Verbissenheit und Versagensangst. 

Über Arbeit und Talent

Siegermentalität ist also nicht mit unbedingtem Siegeswillen gleichzusetzen. Denn Wille ist immer auch ein Versuch, und ein Versuch bedeutet Druck – und Druck bringt uns aus dem Gleichgewicht. Statt unbedingt zu wollen, sollte man also einfach zulassen! Dieses Selbstverständnis gepaart mit Kaltschnäuzigkeit macht im Leistungs- und Profisport den Unterschied. Das bringt mich auch gleich zu einem weiteren Missverständnis, mit dem ich an dieser Stelle gerne aufräumen möchte. 

Es heißt, Arbeit schlägt Talent. Was bedeutet, dass Talent nicht so wichtig ist wie harte Arbeit. Dem stimme ich nur bedingt zu. Denn Talent ist Instinkt, Intuition, Selbstvertrauen und der Wagemut, von dem eben die Rede war. Talent ist Leichtigkeit und Freude. Aber auch ein zartes Pflänzchen, das unter zu viel Arbeit eingehen kann. Zu viel Arbeit und Kontrolle entfalten nicht Talent, sondern zerstören es, indem eben jene Freude und Leichtigkeit genommen wird. Die Fußballinternate in Deutschland sind voll von systemtreuen und gehorsamen Spielern, die sich von ihren Trainern in ein enges Korsett zwingen lassen (müssen). Deswegen bringen wir auch keine Messis, Ronaldos oder Zlatans hervor. Obgleich wir auch hervorragende Fußballer produzieren, aber eben keine spektakulären Ballkünstler. Es ist immer mal wieder die Rede davon, dass es in unseren Nachwuchsabteilungen zu viele Trainer gibt, die ihre Schützlinge rund machen, wenn die beim Training mal rumalbern oder mit dem Ball mal etwas ausprobieren. Statt nur auf Kontrolle und System zu setzen, sollte man gerade im Nachwuchssport auch Freiheit und Mut zulassen. Auch das gehört zur Talentförderung. So schließt sich dann der Kreis: Freiheit und Mut erzeugen Selbstvertrauen, Selbstvertrauen erzeugt Siegermentalität – und Siegermentalität macht den Champion. 

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