Dr. Hanspeter Gubelmann: «Mein Körper und Geist sind müde»

Mitte September machte eine kurze Schlagzeile die Runde: Marc Berthod tritt zurück. Der St. Moritzer Skifahrer, der es nach vielen Stürzen, Verletzungen und Comebacks zu seinem erklärten Ziel gemacht hatte, auf der grossen WM-Skibühne in seiner Heimat nochmals für Furore zu sorgen, lässt sich in einem Communiqué von Swiss Ski zitieren: «Mein Körper und Geist sind müde». Welche „lessons learned“ müssen aus Sicht der angewandten Sportpsychologie aus seinem Beispiel zwingend abgeleitet werden?

Zum Thema: Wie aus sportpsychologischer Perspektive problematischen Karriereverläufen vorgebeugt werden kann

Kurze Rückblende: Der talentierte Berthod gewann 2007 in Adelboden (mit Startnummer 60!) den Slalom und schaffte 2008 mit seinem Triumph im Riesenslalom an gleicher Stätte den sportlichen Aufstieg in die Weltelite. Zusammen mit Daniel Albrecht verkörperte er die damalige Generation des draufgängerischen Supertechnikers. Albrecht verunglückte 2009 auf der «Streif» schwer, lag wochenlang im künstlichen Koma und kehrte schliesslich auf die Weltcup-Pisten zurück. 2013 brach er einen letzten Combackversuch nach erneuter Verletzungsmisere ab. Zu seinem Abgang befragt äusserte sich Albrecht in Metaphern: «Für das Bild eines für mich guten Skifahrers müsste ich andere Farben haben – die habe ich aber nicht mehr. Die Luft ist weg.»

Sturz von Daniel Albrecht (Quelle: Dani Fiori, skionline)
Sturz von Daniel Albrecht (Quelle: Dani Fiori, skionline)

Gerade das Beispiel von Daniel Albrecht zeigt: Ski-Rennsport auf höchstem Niveau ist eine Gratwanderung. Ein „Abflug“ zuviel kann schwerstwiegende Konsequenzen haben. Und: Es trifft auch die Allerbesten der rasenden Zunft; Ted Ligety, Aksel Lund Svindal und Hannes Reichelt bereiten sich nach schweren Verletzungen und nach Phasen monatelanger Rehabilitation auf ihr Comeback vor. Es scheint geradezu, als gehörten diese Unfälle zum Alltag der Skisportszene. Ein Faktum, dass es auch aus Sicht der Sportpsychologie hinzunehmen gilt? Die Antwort kann nur lauten: Nein!

  1. Burnout ist auch ein Thema im Spitzensport!

Beispiele wie jene von Albrecht und Berthod zeigen, dass der Akku irgendwann leer ist. Profisportlerinnen und –sportler sind gewohnt, 100% zu geben und haben sehr hohe Erwartungen und Ansprüche an sich und ihre Leistungsfähigkeit. Dabei müssen sie lernen, nicht immer am Limit zu leisten – leisten zu müssen. Andererseits ist es gerade auch für das Betreuungsumfeld und insbesondere für die Trainer entscheidend zu lernen, mit dieser eingeschränkten Belastungsfähigkeit umzugehen. Wenn die Athleten ihre Körper überfordern und ihre Leistung nachlässt, werden sie frustriert. Sie möchten es besser machen, trainieren mehr, wodurch ihre Leistungsfähigkeit weiter sinkt. Oft folgt eine Verletzung, die Abwärtsspirale dreht kontinuierlich weiter.

  1. Sportpsychologische Betreuung und mentales Training – eine Notwendigkeit auch im Skirennsport!

In vielen „high performance“-Berufen und „Umgebungen“ – wie z.B. in der Pilotenausbildung, in der Betreuung von „special forces“ oder im Bereich der Chirurgie – gehört das mentale Training mittlerweile zum Standard-Ausbildungsprogramm. Betrachtet man die hohe mentale Herausforderung im Skirennsport in Verbindung mit Mut und hoher Risikobereitschaft seitens der Athleten, ist von einer Notwendigkeit sportpsychologischer Begleitung auszugehen (vgl. Engbert 2010). Diese müsste insbesondere auch im Bereich der Nachwuchsförderung und in der Trainerausbildung nachhaltig gefordert und gefördert und zielgerichtet in der Prävention von Sportunfällen und Verletzungen eingesetzt werden.

  1. Mentale Rehabilitation einer Sportverletzung – Treat the person, not just the injury!

Die sportwissenschaftliche Forschung zeigt, dass psychologische Unterstützung den Verlauf des Rehabilitationsprozesses nach Sportverletzungen begünstigt (vgl. Marcolli 2001). Dabei gilt es zu beachten, dass nicht nur Anliegen der spezifischen Verletzungsreha im Vordergrund stehen, sondern auch Möglichkeiten der individuellen (Weiter-)Entwicklung mentaler Fähigkeiten und Fertigkeiten verstärkt genutzt werden sollen.

  1. Phänomen „Heim WM“

Grossveranstaltung wie Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften stehen im Ruf, besonders anspruchsvoll und herausfordernd auf Athleten und Trainer zu „wirken“ – entsprechend langfristig und umsichtig soll die Vorbereitung gewählt und umgesetzt werden (vgl. Gubelmann & Schmid 2001). Gilt es, eine „Heim-WM“ erfolgsorientiert vorzubereiten, so entsteht der so genannte Heimvorteil vor allem im Kopf (vgl. Strauss 2002), nämlich: Die mit einem unterstützenden Publikum assoziierten positiven Leistungs- und Selbstwirksamkeitserwartungen können tatsächlich für eine bessere Leistung sorgen. Diese individuellen Selbstwirksamkeitsüberzeugungen gilt es mit entsprechender Unterstützung durch den Sportpsychologen zu entwickeln.

  1. Erholungs-/Belastungsbilanz im Auge behalten!

Im Spitzensport von heute gewinnt die These, wonach eine Leistungssteigerung primär über die Optimierung der Regeneration ermöglicht wird, zunehmend an Bedeutung. Aussagen wie „die Luft ist weg“ oder „ich fühle mich körperlich und geistig müde“ deuten darauf hin, dass bei hoher Trainings- und Wettkampfbelastung der Erholung nur ungenügend Beachtung geschenkt wurde. Hier kann u.a. der Einsatz eines Erholungs-Belastungs-Monitorings (vgl. Kellmann 2002) die Früherkennung einer Überlastungssituation ermöglichen und den rechtzeitigen Einsatz geeigneter Regenerationsmassnahmen unterstützen.

  1. Betreuung und Begleitung in eine nachsportliche Karriere

Ein Rücktritt vom Spitzensport und der Übergang in eine nachsportliche Karriere bedeuten immer einen Einschnitt im Leben eines Spitzensportlers. Viele empfinden den Schritt ins «bürgerliche Leben» als sozialen Abstieg. Zudem zeigt die Erfahrung, dass die Art des Rücktritts entscheidend dafür ist, wie dieser Lebensabschnitt bewältigt wird. Der Übergang fällt einem ehemaligen Berufssportler umso leichter, je stärker der Entscheid zum Rücktritt von ihm selber ausgegangen war. Der Rücktritt wird zusätzlich dann als positiv erlebt, wenn der Athlet finanziell abgesichert ist und gesundheitlich keinen Schaden vom Spitzensport genommen hat.

Marc Berthod in Aktion (Quelle: Dani Fiori, skionline)
Marc Berthod in Aktion (Quelle: Dani Fiori, skionline)

Karriereverläufe wie jene der ehemaligen Skistars Daniel Albrecht und Marc Berthod, gravierende Unfälle mit schwerwiegenden Konsequenzen und die Herausforderung eines anspruchsvollen Übertritts in eine nachsportliche berufliche Laufbahn stellen Hindernisse und Stolpersteine dar, zu deren erfolgreichen Überwindung auch die angewandte Sportpsychologie als Dienstleister mitbeteiligt sein soll. Hierfür ist Kompetenz und Wissen gefragt, wie sie von der Swiss Association of Sport Psychology (SASP) im Rahmen ihrer Fachtagung vom 11. November 2016 in Zürich (siehe sportpsychologie.ch) oder anlässlich der asp-Jahrestagung 2017 in Bern (25.-27.5.2017) im Rahmen verschiedener Praxisworkshops – auch für interessierte Trainerinnen und Trainer – vermittelt werden.

 

 

Literatur

Gubelmann, H. & Schmid, J. (2001). Eine Bestandesaufnahme «mentaler» Schwierigkeiten von Schweizer Athletinnen und Athleten an den Olympischen Spielen 2000 in Sydney. In R. Seiler, D. Birrer, J. Schmid & S. Valkanover (Hrsg.), Sportpsychologie: Anforderungen, Anwendungen, Auswirkungen (S. 90-92). Köln: bps-Verlag.

Kellmann, M. (Hrsg.) (2002). Enhancing Recovery: Preventing Underperformance in Athletes. Champaign, IL: Human Kinetics.

Strauss, B. (2002). Über den Heimvorteil. Spectrum der Sportwissenschaften, 14, 70.90.

 

 

Quellen

http://marcberthod.ch

http://www.sgsm.ch/fileadmin/user_upload/Zeitschrift/50-2002-2/06-2002-2.pdf

http://www.bisp.de/SharedDocs/Downloads/Projektlisten/Projekte_2010/Transferprojekte_2010/Engbert_071638_09.pdf?__blob=publicationFile&v=1

http://www.blick.ch/sport/ski/keine-energie-mehr-daniel-albrecht-tritt-zurueck-id2467212.html

http://www.krone.at/wintersport/karriere-ende-hannes-reichelt-spricht-klartext-nach-wirbel-op-story-530795

http://www.srf.ch/sport/ski-alpin/weltcup-maenner/saison-auch-fuer-ligety-vorzeitig-zu-ende

http://www.sportpsychologie.ch

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