Elvina Abdullaeva: Klopps Neustart unter der Lupe

Die Bundesligasaison ist eine der schwersten in der Geschichte von Borussia Dortmund. Der achtmalige Meister steckt in einer schweren Krise, über die auch der Auswärtssieg am 20. Spieltag in Freiburg nicht hinwegtäuschen kann. Unfreiwillig gibt er BVB ein prägnantes Beispiel ab, was eine psychologische Krise mit einem Team anrichten kann. Wie immer wieder O-Töne von Seiten der Spieler bestätigen, liegt die Wurzel des Problems in den Köpfen der Akteure selbst. So schrieb vor kurzem die Mitteldeutsche Zeitung, dass die Spieler körperlich in einem wesentlich besseren Zustand als im Sommer seien. In dem Fall braucht eine Mannschaft einen psychologischen Neustart, den Jürgen Klopp in zwei Schritten angeht: die Nerven in den Griff bekommen und den Glauben an sich zurückgewinnen. Hier stimme ich ihm voll und ganz zu. Eine solche Strategie kann eine Mannschaft wirklich aus der psychologischen Krise retten. Doch wieso dauert es manchmal so lange, bis dieser Plan tatsächlich funktioniert? Und: Was können andere am Beispiel Borussia Dortmund lernen?

Zum Thema: Eine Mannschaftskrise überwinden.

Die Nerven in den Griff zu bekommen, ist zwar genau das, was das Team in einer solchen Situation braucht. Allerdings zeigt das Beispiel BVB jedoch, dass dies nicht so einfach ist. Aber warum ist das so? Aufgrund der sich wiederholenden Niederlagen sank das Selbstvertrauen der Spieler sehr stark. Der Druck seitens der Massenmedien und der Fans wurde von Spiel zu Spiel nur größer. Mit diesem Druckanstieg erhöhte sich die Angst der Fußballer, wieder Fehler zu machen und zu verlieren. So erklärte Nuri Sahin die Niederlage im ersten Heimspiel nach der Winterpause gegen Augsburg damit, dass die Spieler viele falsche Entscheidungen getroffen haben und auf dem Platz hektisch waren. Dies ist ein typisches Verhalten, wenn man stark verunsichert ist. Eine enorme Anspannung oder die Angst, wieder etwas falsch zu machen, torpediert den guten Vorsatz, die Nerven in den Griff zu bekommen. Ein großer Druck durch die Leistungserwartung vom Außen lässt oft keinen Platz mehr dafür, die Situation mit der nötigen Distanz zu betrachten. Diese Distanz ist aber notwendig, wenn man auf die richtige Lösung kommen will. Wie können Trainer oder Spieler, die sich in einer vergleichbaren Situation wie Borussia Dortmund befinden, zu der so dringend benötigten Gelassenheit bei einem derartig großen Leistungsdruck zurückfinden?

Erster Schritt: In die Katastrophe versinken

Damit die Problematik ihre bedrohliche Bedeutung verliert, muss man die entstandene Situation umbewerten. Dafür ist die Methode „Entkatastrophisieren“ (Kirn, T. et al., 2009), die in der Sportpsychologie auch als „Super-GAU-Methode” bezeichnet wird, sehr gut geeignet. Beim Entkatastrophisieren setzt man sich mit den Konsequenzen des schlimmst möglichen Situationsausganges auseinander. Nehmen wir das also Beispiel des BVB, damit es nachvollziehbarer ist. Damit Trainer und Team mit einem klaren Kopf und ohne starken Druck an der Problemlösung arbeiten können, müssen sie sich mit folgenden Fragen auseinandersetzen:

Was könnte schlimmstenfalls infolge dieser BVB- Krise passieren?

Der Abstieg in die 2. Bundesliga? Ja, das ist schlimm, keine Frage. Aber das wäre nicht der erste Fall, dass eine erstklassige Mannschaft aus der ersten Liga abstürzt und dann aus eigenen Fehlern lernend wieder aufsteigt. Schauen wir nach Italien: Hier musste Juventus wegen eines Manipulationsskandals in der Serie B spielen. Jetzt sind sie wieder in der Serie A und konnten drei Jahre in Folge die italienische Meisterschaft gewinnen. Der Abstieg in die zweite Bundesliga ist zwar das schlimmste Szenario für Borussia Dortmund, bedeutet aber kein Ende für die Mannschaft.

Was würde ein Abstieg für die Spieler und Trainer persönlich bedeuten?

  • Ein finanzieller Schaden oder ein Verlust des Arbeitsplatzes? Mal ganz ehrlich. Alle beim BVB verdienen genug, um mehrere Jahre finanziell sorgenfrei leben zu können. Und wenn es eine Vertragskündigung geben sollte, bleibt sicherlich niemand ohne Job, sondern kann in einer anderen Mannschaft seine Klasse zeigen.
  • Zorn, zahlreiche Kritik und Druck der Medien? Egal was passiert, es ist einfach unrealistisch, in den Medien immer gut dazustehen. Das Bild, dass die Medien über eine Mannschaft zeigen, ändert sich ständig. Das Gute daran – wenn es wieder besser läuft, und das passiert mit Sicherheit, wird die schlimme Zeit vergessen sein und die Spieler und die Trainer werden wieder vergöttert. So einfach ist die Psychologie der Massen. Das Gleiche gilt für die Fans. Und übrigens – sind die Fans nicht dafür da, auch in schlechten Zeiten die Mannschaft zu unterstützen? Andernfalls sind sie keine Fans.
  • Vielleicht ist die Situation den Spielern oder dem Trainer gegenüber anderen erfolgreichen Menschen oder im Bekanntenkreis peinlich? Dann ist hier zu sagen, dass diejenigen, für die sie wirklich wertvoll sind, sie wegen des Abstiegs in die 2. Bundesliga nicht weniger respektieren werden.

Ich hoffe, dass dieses Beispiel verdeutlicht hat, in welche Richtung das Team denken sollte. Versucht man nach einem schlimmen Situationsausgang, wie oben beschrieben zu denken (Entkatastrophisierung), baut sich der stark störende Druck sehr gut ab. Wendet ein Betroffener diese Technik an, so wird er sehr wahrscheinlich verstehen, dass ein Abstieg der Mannschaft kein Lebensende für ihn bedeutet. Der Mensch beruhigt sich allmählich, weil ihm das Verständnis dessen kommt, dass er auch diese Situation überwinden kann. Mit der erlangten Gelassenheit empfindet er weniger Angst, einen Fehler zu machen. Auf diese Art befreien sich die Spieler von der Anspannung und das Team gewinnt für die Problemlösung die benötigte Handlungsfreiheit. In der sportpsychologischen Praxis empfiehlt Prof. Dr. Oliver Stoll die Anwendung dieser Methode aber nur bei Spielern, die als psychisch stabil eingeschätzt werden können. Hier ist also das Fingerspitzengefühl des Sportpsychologen gefragt.

Zweiter Schritt: Das Selbstvertrauen wiedergewinnen

Wenn der Druck gewissermaßen abgebaut ist, kommt die Zeit, sich zu überlegen, was für das Verhindern des schlimmsten Falls vorzunehmen ist. Jürgen Klopp nennt es „Neustartplan” und will damit seinen Spielern klar machen, dass sie den Glauben an sich selbst im Spiel haben sollen. Der Wiederaufbau des Selbstvertrauens der Spieler hängt aber direkt von den Erfolgserlebnissen der Mannschaft ab. Man hat unterschiedliche Möglichkeiten, um das Selbstvertrauen zu stärken:

  1. Man könnte, beispielweise, die Hoffnung auf einen neuen Spieler setzen. Oder diejenigen spielen lassen, die schon lange nicht mehr gespielt haben. Denn sie identifizieren sich nicht mit den vorherigen Niederlagen der Mannschaft und treten im Spiel selbstbewusster auf. Zusätzlich haben Ersatzspieler in der Regel einen großen „Spielhunger“ und den brennenden Wunsch, ein sehr gutes Spiel zu zeigen. Genau solche Leute braucht die Mannschaft. Diejenigen, die bereit sind zu kämpfen und andere mit dieser Bereitschaft anzustecken.
  2. Es ist immer von Vorteil, mit den Schlüsselspielern des Teams auch individuell zu arbeiten. Hier geht es um Techniken, mit Hilfe derer der Spieler bewusst und zielgerichtet zuversichtlich auf dem Platz auftritt. Durch ein selbstbewusstes Auftreten einiger Spieler, ist eine Kettenreaktion im Rest der Mannschaft sehr wahrscheinlich. Am Ende dieses Textes stehen Links zu Blogartikeln, welche diese Techniken näher in Betracht ziehen.
  3. Noch eine wesentliche Quelle neuer Erfolgserlebnisse befindet sich in vorangegangenen Leistungen der Mannschaft. Der Trainer kann in solchen Situationen jederzeit auf frühere Erfolge zurückgreifen. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, wie er das anstellen kann. Ein Beispiel wären Videoausschnitte oder Fotos von früheren Erfolgsspielen. Erinnerungen an die Zeiten, in denen sie gut waren und trotz Schwierigkeiten gewonnen haben. Durch das Ergänzen der Videos mit Schlagwörtern über die Stärken der Mannschaft oder sogar die des jeden einzelnen Spielers könnte die aufbauende Wirkung erhöht werden.

Parallel zum Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga ist Borussia Dortmund alsbald auch im Achtelfinale der Champions League aktiv. Im Prozess des psychologischen Neustarts, von dem Jürgen Klopp gesprochen hat, muss diese Extra-Belastung nicht störend sein. Zum einen ist Juventus ein absoluter Topklub im internationalen Fußball und die Königsklasse per se für viele Spieler eine zusätzliche Motivationsquelle. Zum anderen wird der BVB trotz der gegenwärtigen Krise von Juve und dessen Trainer Massimiliano Allegri absolut ernst genommen, was in Dortmund wiederum die Spieler an die eigene Stärke erinnern könnte. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob Jürgen Klopp und sein Team den richtigen Weg gefunden haben.

Für diejenigen, deren Mannschaft in die gleiche psychologische Falle geraten ist, kann Folgendes gesagt werden: Versuchen Sie zu verstehen, dass egal welch ein dramatischer Situationsausgang auch immer in Frage kommt – Sie persönlich und Ihr Team werden es überleben. Damit erhöhen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass alles, was Sie für die Verhinderung der „Katastrophe“ unternehmen, für Sie mit Erfolg ausgeht.

Links zu den weiteren Artikeln:

1.Christian Reinhardt: Mesut Özils Körpersprache

2.Stephan Neigenfink: „Der Traum war aus“

Quelle:
1.Kirn, T., Echelmeyer, L., Engberding, M. (2009). Imagination in der Verhaltenstherapie. Heidelberg: Springer Medizin Verlag

2. Meininghaus F. Die letzte Bastion bröckelt. Mitteldeutsche Zeitung, vom 6. Februar 2015

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3 Kommentare

  1. Schritt 1 empfinde ich als überfrüht. Statt einen möglichen Abstieg in der Zukunft zu thematisieren, sollte der Fokus meiner Meinung nach eher auf der Gegenwart liegen. Dabei geht es darum die Kontrolle über die Situation zurück zu gewinnen. Der aktuelle Tabellenplatz sollte als gegewärtige Realität erkannt werden. Die vergangenen Spiele lassen sich nicht mehr ändern. Man kann nur für das jeweils nächste Spiel arbeiten so gut es eben geht. Fußball bleibt ein Spiel, das eine unvorhersehbare Dynamik hat, Kontrolle hat jeder Spieler daher nur über sich selbst. Wenn jeder Spieler vollen Einsatz zeigt, kann sich auch niemand etwas vorwerfen. Doch Niederlagen werden erneut passieren. Akzeptiert man eine möglichen Abstieg, kann das auch nach hinten losgehen und in Resignation enden. Daher kann die Floskel “wir müssen von Spiel zu Spiel schauen” hier ernst genommen werden.
    Von außen kann man zudem sicherlich mit Workshops, Motivationsvideos usw. positiv auf das Selbstbewusstsein einwirken. Doch das wirksamste Mittel sind schlicht und einfach Siege. Darauf muss aufgebaut werden und nach jedem Sieg müssen die postiven Dinge verstärkt werden.

    btw: Der Finanzieller Schaden würde sich im mehrfachen Millionenbereich verhalten. Der BVB hatte im letzten Jahr einen Umsatz von 260,7 Millionen Euro (260.700.000 Euro!!!). 30 Millionen werden alleine durch das verpassen der Championsleague im nächsten Jahr fehlen. Diese Saison bekommt der BVB 36 Millionen an Fernsehgeldern, der beste Verein der zweiten Liga bekommt 10 Millionen. Das sind alles Verlustsummen, für die niemand gerne verantwortlich sein möchte! Das ist in meinen Augen nicht bagatellisierbar.

    • Hallo Christoph, einerseits stimmt es schon, dass ein “Wiedererlangen” von subjektiver Kontrolle durchaus eine Alternative sein könnte. Meiner Erfahrung nach fährt man allerdings mit dem “Entkatastrophisieren”” in einer Situation, die für viele in einer Mannschaft als “ausweglos” erachtet wird, durchaus gut, denn sie hilft die Bedrohungswahrnehmung der aktuellen Situation zu relativieren. In der Tat ist diese Art der “Intervention” auch in meiner Praxis oftmals der “letzte Versuch” Bedrohlichkeitswahrnehmung bei den Athleten zu minimieren. Und ich würde diese Intervention auch nur dann anwenden, wenn ich mir sicher wäre, das die Athleten ansonsten psychisch stabil sind. Du hast Recht, dass dies ansonsten auch “nach hinten los gehen kann”. Man benötigt schon einiges an Erfahrung in der sportpsychologischen Arbeit, wenn man sich dazu entschließt, mit dieser Technik zu arbeiten. Aber wirksam ist sie, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Situation angewandt wird, und wenn man es mit ansonsten, psychisch-stabilen Athleten zu tun hat.

  2. Christoph, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Deine andere Sichtweise auf dieses Problem ist interessant. Ich jedoch finde persönlich den ersten Schritt des „Entkatastrophisierens“ genau zur Situation passend. Die Lage vom BVB ist schon genug schlimm, so dass die Fußballer verunsichert wurden. Aus sportpsychologischer Sicht ist es erforderlich, die Spieler wieder in einen psychisch stabilen Zustand zu bringen, damit sie wieder auf ihrem Leistungsniveau spielen können. Den Schlüssel dafür sehe ich persönlich in der Befreiung vom Druck, der sie stört, sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren.

    Wenn ein Mensch gebeten wird, eine kleine Strecke über einen schmalen Balken, der sich in 10 cm Höhe befindet, zu überqueren, ist das kein Problem für ihn. Das schafft er locker. Wenn er aber die gleiche Aufgabe nun auf 500m Höhe bewältigen soll, gerät der Mensch in eine Angststarre und kann keinen einzigen Schritt mehr machen. Er ist sich bewusst, dass die Konsequenzen eines Falles fatal sind. Damit er den Balken ruhig überqueren kann, sollte man von den 500 m Höhe ablenken. Diese 500 Meter Höhe kann man mit den schrecklich erdrückenden Konsequenzen, unter anderem auch den riesigen finanziellen Verlusten, vergleichen, denen die BVB-Kicker jetzt ausgesetzt sind. D.h. die Spieler können wieder gut spielen, wenn sie diese Konsequenzen, wie die 500 m Höhe, ausblenden. Dies kann man sehr gut durch das Relativieren erreichen. Dabei möchte ich betonen, dass Relativieren nicht bedeutet, sich mit der Sache abzufinden. Dafür ist der zweite Schritt der Methode “Entkatastrophisieren“ auch da. Wie du selbst weißt, zielt dieser ja genau darauf ab, was ich machen kann, um den schlimmsten Fall zu verhindern. Hier ist gerade der Fokus auf die Gegenwart gefragt, über die du schreibst. Die Strategien zum Wiederaufbau des Selbstvertrauens und die daraus resultierenden neuen Erfolge stellen dabei auch mögliche konkrete Schritte, anhand derer der Abstieg verhindert werden kann. Ich finde, dass der zweite Schritt ohne das essentielle Relativieren der Drucksituation für die Mannschaft wenig hilfreich ist.

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