Thorsten Loch: Mit neuem Trainer zum Erfolg zurück?

Mirko Slomka, Jens Keller, Robin Dutt und Armin Veh lauten die Namen der Fußball-Bundesligatrainer, die in der Hinrunde der Saison 2014/2015 entlassen worden sind. Ebenfalls vier waren es im gleichen Zeitraum der Vorsaison. Ganz klar: Trainerentlassungen sind und bleiben ein probates Mittel für Vereine in sportlicher Schieflage. Oft liegen einem  Rausschmiss aber fatale Fehleinschätzungen der sportlichen Leitung oder des Vorstands zu Grunde. Denn unser Gehirn spielt uns bei der Bewertungen von Leistungen so manchen unterbewussten Streich.

Zum Thema: Warum wird der Trainerwechsel immer noch als ein geeignetes Mittel gesehen, um wieder zurück in die Erfolgsspur zu finden und was sind mögliche Gründe für diese Annahme?

Im Gegensatz zum Bereich der Wirtschaft, in dem oft nicht klar definiert ist, an welchen Kriterien erfolgreiches Führen festgemacht werden kann, gibt es im Spitzensport ein einziges Kriterium. Den Erfolg, der sich in Siegen, Punkten, Platzierungen und Tabellenständen widerspiegelt. Dies hat zur Folge, dass die im Spitzensport exponierten Erfolgstrainer das Image der Berufsgruppe bestimmen (Hermann/Mayer, 2014). Die Beurteilung von Trainern auf der Grundlage von besonderer beruflicher Qualifikation, außergewöhnlichem Wissen oder pädagogisch-psychologischen Fähigkeiten zählen kaum oder sind häufig ohne Belang. Schmidt (2011) verglich die Verweildauer von Bundesligatrainern mit CEOs aus Wirtschaftsunternehmen und kam zu dem Ergebnis, dass der Verbleib eines Trainers enorm abhängig von den Ergebnissen seines Teams ist. 63% aller Entlassungen erfolgen aufgrund offenkundiger Erfolglosigkeit. Im Gegensatz dazu wurden nur 10% der CEOs entlassen, weil die Leistungen nicht den Erwartungen des Unternehmens entsprachen.

Rauswurf die falsche Strategie

In einer weiteren Studie von Strauss und Tippenhauer (2003) wurden in 35 Spielzeiten knapp 10.000 Spiele und deren Ergebnisse analysiert und dabei besonders die vorzeitigen Entlassungen untersucht. Musste ein Trainer seinen Hut nehmen, wurden die zwölf Spiele davor und die zwölf Spiele danach näher betrachtet. Das Fazit ist, dass der Rauswurf die falsche Strategie ist. Die neuen Trainer hätten keine Besserung gebracht, wenn deren Vorgänger wegen den Spielergebnissen gehen mussten. Häufig hätten neue Trainer zwar einen kurzfristigen Aufwind gebracht, siehe den Nachfolger von Armin Veh Stevens, sind jedoch umso unsanfter mit der Mannschaft wieder abgestürzt. Doch warum wird dennoch, trotz wissenschaftlich belegten Ergebnissen, immer noch der Trainerwechsel als ein probates Mittel gesehen, um die Mannschaft wieder in die Spur zu bringen?

Rückschaufehler, Erkenntnis-Illusion und Halo-Effekt

Die ausschließliche Fixierung auf die erzielten Ergebnisse kann Trainer und Funktionäre dazu verleiten, Gegebenheiten die de facto außerhalb ihrer Kontrolle liegen, als durch sie kontrollierbar einzuschätzen. Die Folge davon ist, dass diese Personengruppe zu stark auf sich selbst und ihre Leistung fixieren. Dieser systematische Fehler wird auch als Rückschaufehler bezeichnet. Der Rückschaufehler beruht auf der mangelnden Fähigkeit des menschlichen Verstandes, vergangene Wissenszustände oder Überzeugungen, die sich gewandelt haben, zu rekonstruieren. Sobald man von einer neuen Sicht der Dinge überzeugt ist, verzerrt sich die Erinnerung an das, was man glaubte, ehe man seine Einstellung ändert. In der Rückschau werden dann beispielsweise mit Erfolg belohnte Entscheidungen, die nahezu unausweichlich immer auch Unsicherheit und Risiko enthalten, kaum als „glücklich“, sondern meist als wissend und umsichtig bewertet. Diese Art der kognitiven Täuschung ist eng verwandt mit der so genannten Erkenntnis-Illusion. Sie besagt, dass das Erzählen von Geschichten die Wirklichkeit insofern verdreht und vereinfacht, als der erzählten Realität nachträglich Sinn verliehen und dafür alles, was nicht passt, verdrängt wird. Rückschaufehler und Erkenntnis-Illusion sind die hartnäckigsten und gefährlichsten Denkfehler. Die Problematik besteht darin, dass sie die Illusion nähren, man habe die Vergangenheit verstanden, was wiederum die Folgeillusion bekräftigt, man könne die Zukunft vorhersagen und kontrollieren. Diese Denkfehler können zu einer gewissen Selbstüberschätzung führen und dazu verleiten, falsche Entscheidungen zu treffen. Desweiteren passiert es auch häufig, dass sich Beurteiler von einer Eigenschaft einer Person blenden lassen und – ohne dafür eine Grundlage zu haben – deren Persönlichkeit danach beurteilen. Dieses Phänomen wird auch als Halo-Effekt bezeichnet und lässt sich derzeit gut an der Person Jürgen Klopp fest machen. Galt Jürgen Klopp in der Zeit des sportlichen Erfolgs noch als ein lässiger, cleverer Trainer mit einer klaren Art Fußball spielen zu lassen, wird ihm dieses derzeit gegensätzlich vorgeworfen – keine klare Linie, stetig wechselnde taktische Formationen und eine sukzessive Abkehr vom Erfolgssystem der vergangenen Jahre. Die völlig gegensätzlichen Beschreibungen zu ein und derselben Person erhalten nur durch das Kriterium des Erfolgs als einzigen Beurteilungsmaßstab so etwas wie Plausibilität.

Strauss und Tippenhauer (2003) führen zudem die alljährlich wiederkehrende Welle der Trainerentlassungen in der Fußballbundesliga auf den hohen öffentlichen Druck zurück, dem Manager und Vereinsführung ausgesetzt sind. Die Entscheidungsträger sind gut darin beraten, sich nicht allzu schnell zu einer Entscheidung hinreißen zu lassen, und den Trainer, der womöglich Jahre zuvor erfolgreiche Arbeit geleistet hat, zu beurlauben, nur weil die sportliche Erfolg derzeit ausbleibt, jedoch die Arbeit zusammen mit dem Team noch hervorragend läuft.

 

Literatur:

Hermann, H.-D./Mayer, J. (2014). Make them go! Murmann Verlag GmbH: Hamburg.

Schmidt, S. (2011). In the Line of Fire: Verweildauer von Bundesligatrainern und CEOs in Deutschland. Eine vergleichende Analyse. EBS Buisness School: Research Paper Series, 11 – 02.

Tippenhauer, A./Strauss, B. (2003). Trainerentlassungen in der Fußballbundesliga, S. 334. In: Bernd Strauss et al. (Hrsg.): Sport goes media Czwalina Verlag: Hamburg

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