Dr. René Paasch: Let The Music Play

Die Mannschaft kommt am Stadion an. Mats Hummel, Mario Götze und Mesut Özil steigen aus dem Bus mit großen Kopfhörern über den Ohren. Bei diesen Bildern dürften sich viele schon gefragt haben: Was hören die da eigentlich? Da kaum noch Geheimnisse bleiben und außerdem die Musikindustrie ein Interesse hat, Fußball-Ptofis als (Kopfhörer)-Werbeträger zu nutzen, ist der Inhalt der Teamplaylist natürlich bekannt. Viel wichtiger ist aber, dass Musik in vielerlei Hinsicht Wirkung erzeugen kann.

Zum Thema: Wie Musik wirksam im Training und in der direkten Wettkampfvorbereitung eingesetzt werden kann

Es gibt eine ganze Bandbreite psycho-physiologischer Aspekte, die bei Musik zum Tragen kommen. Es scheint im Gehirn so etwas wie einen “Regelkreis” zu geben, der den Takt der körperlichen Stimulation innerhalb unserer Muskulatur bestimmt. Viele Arten menschlicher Bewegung sind rhythmischer Natur, und der Rhythmus der Musik wird vom Körper nachgeahmt. Wir können somit ein rhythmisches Bild dazu benutzen, um die Bewegung unseres Körpers noch effizienter zu gestalten. Das ist auch der Grund dafür, warum erfolgreiche Mannschaften wie die deutsche Fußballnationalmannschaft Musik zur rhythmischen Unterstützung ihres Balltrainings oder für andere Trainingsinhalte benutzen. Auf psycho-physiologischer Ebene reduziert Musik gerade in Trainingssituationen und Wettkämpfen unsere Wahrnehmung von Anstrengung, da sie die Kommunikation zwischen der Muskulatur und dem Schmerzzentrum im Gehirn teilweise blockiert und mit dem anregenden Reiz des Klangs ersetzt. Durch gezielt zusammengestellte Musik reduziert sich das Empfinden von Anstrengung.

“Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.”

Der französische Schriftsteller Victor Hugo im 19. Jahrhundert

In emotionaler Hinsicht beeinflusst uns Musik ebenso stark: Sie verstärkt positive Gemütszustände und reduziert negative Emotionen wie Anspannung, Erschöpfung und Ärger. Wenn wir ein bestimmtes Stück mit einer schönen und erfolgreichen Zeit in unserem Leben assoziieren (Herbert Grönemeyer: Es ist Zeit, dass sich was dreht & Andreas Bourani: Auf uns) bringt es diese positiven Momente in unser Empfinden zurück, wenn wir es wieder hören. So könnten Fußballer und Mannschaften, die gerade einige Misserfolge hinter sich haben oder über Ängste vor anstehenden K.-o.-Spiele klagen, sich mit ihrer auditiven Vergangenheit beschäftigen und vergleichen diese mit Zeiträumen, in denen sie zum Beispiel wie bei Weltmeisterschaft 2014 außerordentlich erfolgreich waren. Aus diesen Erkenntnissen könnten Sie dann eine gewisse Bilderwelt kreieren, die sie dann gezielt einsetzen, um einen erfolgreichen Gemütszustand herzustellen.

Die optimale Playlist?

In den vergangenen sechs Jahren wurden große Fortschritte gemacht und festgestellt, dass es so etwas wie einen “sweet spot”, also eine optimale Wirkung des Tempos von Musik in Verbindung mit sportlicher Aktivität gibt. Die optimale musikalische Wirkung liegt dabei bei einer Taktgeschwindigkeit von 125 bis 140 BPM. Es handelt sich jedoch nicht um eine lineare Beziehung: Wenn ein Fußballer während seines Sprinttrainings schneller wird, muss er nicht zwangsläufig die Geschwindigkeit seiner Musik erhöhen. Viel wichtiger ist die Auswahl von Songs mit einer gleichbleibend rhythmischen Qualität, mit bestätigenden Texten und positiven Harmonien. Die Musik sollte ferner die eigenen musikalischen Hörgewohnheiten widerspiegeln und aus dem sozialen Umfeld des Athleten stammen. Die intensiven Trainingseinheiten sollten grundsätzlich nicht mit extrem lauter Musik verbunden werden. Schließlich lauern hier Gefahren: Während des Trainings steigt der Blutfluss zu den arbeitenden Muskeln stark an, was das Innenohr sehr empfänglich für potenzielle Schädigungen macht und bei einer hohen Lautstärke zu temporärem Hörverlust führen kann.

Des Weiteren sollte Musik nur zeitweise und vor allem bei einer gemäßigten Lautstärke gehört werden, so dass man sich auch dann noch problemlos unterhalten kann, wenn man Kopfhörer trägt. Man sollte auf wechselnde Betonungen der Takte, ebenso verzichten wie auf Titel, die in ihrem Verlauf langsamer oder schneller werden. Außerdem sollte die eigene Playlist möglichst viel Abwechslung bieten und alle paar Wochen neu zusammengestellt werden, damit keine Langeweile und somit Irritation während des Trainings oder Wettkampfs aufkommen kann. Auch sollte nicht jede Trainingseinheit mit Musik untermalt werden. Wenn zwei Einheiten mit musikalischer Unterstützung, sollte dann eine ohne folgen, damit keine unbewusste Desensibilisierung stattfindet. Denn wie bei jeder anderen Stimulanz, lässt die Wirkung von Musik nach, wenn sie überdosiert wird. Die heute wohl populärste Version für Fußballer, Zuschauer und Mannschaften ist der Song „You’ll Never Walk Alone“ von Gerry & the Pacemakers. Sinn und Zweck des Titels ist es, der Mannschaft das Gefühl zu verleihen, dass das ganze Stadion hinter ihr steht. Quasi als unzerstörbares Band zwischen Fans und Spielern. Wie auch der äthiopische Langstreckenläufer Haile Gebrselassie: Vor einer Leichtathletikveranstaltung in Birmingham 1998 bat er die Organisatoren, während seines Laufs seinen Lieblingssong Scatman von Scatman John zu spielen. Vom Start weg führte er damit das Feld an; seine Mitläufer konnten ihm in keinem Moment folgen. Er übertraf den damaligen Weltrekord um 1,5 Sekunden und stellte damit einen Meilenstein in seiner Disziplin auf. Als Begründung für dieser Leistung gab er später an, dass die Musik optimal zur seiner Höchstgeschwindigkeit passt. Zurück zum Fußball: Musik schießt zwar keine Tore, kann aber im Training und in der direkten Wettkampfvorbereitung effektiv eingesetzt werden.

Elvina Abdullaeva: Musik besser als Doping?

Literatur

Görne, T. (2006): Tontechnik. 1. Auflage, Carl Hanser Verlag, Leipzig, 2006, ISBN 3-446-40198-9

Fritz, T. et al (2013). Musical agency reduces perceived exertion during strenuous physical performance. Proceedings of the National Academy of Sciences

International Jornal of Sports Medicine, 2004, Bd. 25, S. 611-615

Karageorghis, C. I. (2014). Music- Based Interventions. In: Encyclopedia of Sport and Exercise Psychology, Ed. Eklund, R.C., Tenenbaum G.

Internet:

http://thesportjournal.org/article/music-sport-and-exercise-update-research-and-application/

http://www.scientificamerican.com/article/psychology-workout-music/

http://www.physics.usyd.edu.au/~cross/baseball.html

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