Thorsten Loch: Von Arminen, Fohlen, David & Goliath

Das Team der Stunde im laufenden DFB-Pokalwettbewerb heißt Arminia Bielefeld. Knapp neun Monate nach dem Abstieg herrscht beim Drittligisten wieder eitel Sonnenschein. Alle Zeichen stehen auf Wiederaufstieg und nach dem berauschenden 3:1 im Achtelfinale gegen Werder Bremen geht auch der Pokaltraum des Teams von Trainer Norbert Meier weiter. Im Viertelfinale steht für die Arminen nun das nächste Highlight an, nämlich dann, wenn die Fohlen aus Mönchengladbach zu Gast sind.

Zum Thema: Woran sich Außenseiter orientieren sollten

Sinnbildlich für den Sieg eines Außenseiters gegen einen vermeidlich überlegenen Gegner ist die biblische Geschichte David gegen Goliath. Wenn man diese Geschichte genauer unter die Lupe nimmt und der Frage nachgeht, wie es David geschafft hat, den schier übermächtigen Gegner zu besiegen, scheinen hierbei sechs Faktoren ausschlaggebend zu sein (Linz, 2014):

  1. Mut, Unerschrockenheit
  2. Vertrauen auf den Sieg
  3. Wissen um die eigene Stärke und Einsatz genau dieser Stärken
  4. Handeln, ohne zu zögern
  5. Überraschungsmoment (was beinhaltet, als Erster zu handeln)
  6. Gnadenlosigkeit

Was können Trainer aber mit dieser Grundlage anfangen?

Keine Angst vor großen Namen

Zuerst besteht die Aufgabe des Trainers darin, der Mannschaft die mögliche Angst vor dem Kontrahenten zu nehmen. Dabei ist besonders hilfreich, auf die möglichen Schwächen und Probleme des Gegners einzugehen. Eine gute Möglichkeit besteht darin, das Team an frühere Spiele zu erinnern, in denen ihr ein überraschender Erfolg gelungen ist. Zudem ist es von Vorteil, nicht den Sieg in den Vordergrund zu stellen, sondern Handlungs- und Zwischenziele zu formulieren. So wird der vermeintlich unüberwindbare Aufgabe in kleinere zu bewältigen Sequenzen zerlegt. Dies hat zur Folge, dass mit jedem erreichtem Etappenziel das Selbstvertrauen der eigenen Spieler steigt.

Vertrauen in die eigene Stärke

David beschäftigt sich nicht mit den möglichen Konsequenzen, die ein Sieg nach sich zöge oder was ihm im Falle einer Niederlage bevorstünde. Vielmehr besinnt er sich auf seine Stärken (Kompetenzerwartung), was ihm Kraft und Handlungsfähigkeit liefert. Sich mir der eigentlichen Handlung zu beschäftigen und nicht mit den möglichen Konsequenzen, ist wichtig, denn was die Zukunft bringt, kann ich nicht beeinflussen, jedoch die vorgeschalteten Handlungen, welche dazu führen.

Aus eigener Stärke handeln

Aus eigener Stärke handeln bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Bielefelder Mannschaft um Trainer Meier nicht auf mögliche Fehler der Gladbacher warten sollte. Es ist naiv zu glauben, dass den spielstarken „Fohlen“ aus Gladbach gravierende Fehler beispielsweise im Aufbauspiel unterlaufen werden. In diesem Punkt sollten sich die Arminen auf ihre Stärken berufen. David probiert eine Rüstung an, legt diese jedoch wieder ab, weil er es nicht gewohnt war, mit dieser zu kämpfen. Auch geht er nicht mit dem Schwert in den Kampf, sondern besiegt Goliath mit seiner Steinschleuder, welche er tagtäglich nutzt. Trainer Meier sollte seine Mannschaft gemäß ihrer Stärke aufstellen und spielen lassen. Dies muss nicht zwangsläufig etwas Spektakuläres sein. Ein alltägliches Mittel gekonnt eingesetzt, macht jedem Gegner das Leben schwer.

Entschlossenes und überraschendes Handeln

In der Geschichte fackelt der Schäfer David nicht lange. Er tastet sich nicht vorsichtig an und erkundet mögliche Stärken und Schwächen Goliaths. Er hat eine einfache Strategie und setzt diese unverzüglich um. Als Außenseiter kann man sich ein anfängliches Abtasten nicht leisten. Der Gegner ist mir überlegen und aus diesem Grund sollte ich nicht in der passiven Rolle verharren. Das Überraschungsmoment lebt davon, dass es sofort umgesetzt wird. Die Spieler der Borussia sind hervorragend taktisch geschult und werden sich schnell formieren können und weitere Bemühungen schnell zunichtemachen, wenn die Bielefelder in ihren Aktionen nicht entschlossen handeln.

Auf den „Todesstoß“ vorbereitet sein

Der entscheidende Faktor, der weiter oben genannt wurde, ist Gnadenlosigkeit (Linz, 2014). Dies hört sich auf den ersten Blick verwunderlich an, jedoch kommt diesen Faktor eine enorme Bedeutung zu. David begnügt sich nicht damit, dass er den Riesen mit dem Stein an der Stirn traf, nein, er nahm dessen Schwert und köpfte ihn. Nur so konnte sich David auch sicher sein, dass er den Kampf gewonnen hat. In der Vergangenheit gibt es einige Beispiele, wo der vermeintliche Außenseiter bis kurz vor Schluss auf der Gewinnerstraße war, jedoch dann die Courage vor dem eigenen Erfolg verlor. Ein klassisches Beispiel dafür war das Wimbledonendspiel aus dem Jahr 1993 zwischen Jana Novotna und Steffi Graf. Die Tschechin führte im dritten und letzten Satz gegen die bis dato wenig überzeugende Favoritin bei eigenem Aufschlag mit 4:1. Alles schien gelaufen. Novotna stand ganz dicht vor ihrem ersten Wimbledonsieg. Doch dann begann ihre Nerven an zu flattern und sie gewann kein Spiel mehr und musste letztendlich den Platz als Verliererin verlassen. Sie hatte ganz einfach Angst vor ihrem Erfolg bekommen.

Fazit:

Letztendlich gibt es einige Möglichkeiten für Trainer, das jeweilige Team auf ein solches Spiel vorzubereiten. Ob es wirklich der zwei Klassen tiefer spielenden Mannschaft aus Bielefeld gelingen wird, dem Bundesligisten ein „Bein zu stellen” und der Traum der Bielefelfer vom Pokalfinale und dem europäischen Wettbewerb weiterlebt, bleibt abzuwarten. Ich freue mich auf ein spannenden und unterhaltsamen Pokalabend und bin gespannt auf die Interviews nach dem Spiel, wenn Arminen und Borussen möglicherweise von David und Goliath berichten.

 

Literatur:

Linz, L. (2014). Erfolgreiches Teamcoaching: Ein Team bilden, Ziele definieren, Konflikte lösen. Meyer&Meyer Verlag: Aachen.

 

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