Elvina Abdullaeva: Siegeswillen trainieren

In der zweiten Runde des DFB-Pokals erwischte es nun Hertha BSC Berlin und Hannover 96. Beide Bundesligisten verloren jeweils gegen unterklassige Gegner. 96-Präsident Martin Kind fand nach der Partie deutliche Worte und kritisierte, dass es an der Motivation und Einstellung seiner Spieler gefehlt habe. Die Anklage kommt nicht von ungefähr, da bei Spielen gegen einen Außenseiter der Siegeswille und die mentale Stärke der überlegenen Mannschaft eine wichtige Rolle spielt. Diejenigen, die vom Kopf bis Fuß immer gewinnen wollen und die besten Leistungen zeigen wollen, werden auch die Besten. Und allen voran Leistungsstabilität, egal gegen wen gespielt werden soll, kann die Mannschaft an die Spitze bringen. Doch aus gewissen Gründen fällt es manchmal schwer, sich auf das Spiel gegen einen offenkundig unterlegenen Gegner richtig einzustellen. Was kann aus der sportpsychologischen Sicht dem entgegengebracht werden?

Zum Thema: Wie werden Favoriten vor dem Spiel gegen Außenseiter motiviert?

Worin besteht genau die Gefahr für Favoriten, wenn sie gegen eine schwache Mannschaft antreten sollen? Man kann hier vier Hauptstolpersteine benennen: generell falsche Einstellung und niedrige Motivation gegen den Außenseiter und demzufolge geringe Einsatzbereitschaft und Konzentration auf dem Platz (vgl. Baumann, 2008). Wenn dieses nicht berücksichtigt wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein starkes Team gegen einen schwachen Gegner verliert.

Daher ist es wichtig, die eigene Mannschaft sorgfältig auch auf schwache Gegner mental vorzubereiten. Wie erwähnt, resultieren die meisten Probleme aus einer falschen Einstellung und niedriger Motivation. Dies lässt sich aber durch einige psychologischen Maßnahmen verbessern, so dass die Favoritenmannschaft ihren Gegner nicht unterschätzt.

Mittel gegen Faulenzen

Der erste Schritt ist es, sich die richtige Einstellung zu verschaffen. Eine falsche Einstellung vor dem Spiel gegen den Außenseiter wäre: „Wir schaffen das locker, die sind sowieso schwach“. Ein gewisses Selbstbewusstsein ist zwar notwendig. Doch man darf den Gegner nicht unterschätzen. Daher sollte in einer Favoritenmannschaft eine konstruktive Einstellung geschaffen werden, z. B. „Wir wollen Pokalsieger werden, wir spielen in jedem Spiel wie der Pokalsieger.“ Außerdem, ist es wichtig, dass der Trainer alle starken Seiten, trotz des schwachen Gegners, aufzeichnet. Die Favoritenmannschaft ist ein rotes Tuch für den Außenseiter. Dieser kommt übermotiviert ins Spiel und übertrifft oft die Erwartungen aller. Die Gegenüber bereiten sich in der Regel sehr gut auf ein solches Spiel vor. Falls es dem Trainer des überlegenen Teams gelingt, seine Spieler zu überzeugen, wird somit der erste Schritt zu einer leistungsfördernden Einstellung gemacht.

Der zweite Schritt besteht darin, die Spieler richtig zu motivieren, damit sie das ganze Spiel diese Einstellung beibehalten und dementsprechend aktiv agieren. Schließlich kann die gemeinsame Passivität zu einer möglichen Niederlageursache gegen einen schwachen Gegner werden. Dies entsteht durch sogenanntes „soziales Faulenzen“, ein sozialpsychologisches Phänomen. Dies beschreibt eine Einsatzbereitschaftssenkung des Menschen, wenn bei einer Gruppenarbeit seine individuellen Leistungen nicht bemerkt werden oder nicht auffällig sind. Dies kommt insbesondere oft bei einfachen Aufgaben vor. So wie in unserem Fall. Die Spieler sind davon überzeugt, dass ihre Mannschaft den Sieg schon in der Tasche hat. Sie wissen, dass ihre Eigenleistungen in diesem Spiel vom Trainer nicht so hoch geschätzt und gelobt wird, weil es ein schwacher Gegner ist. Somit beginnen sie sich, im Spiel zu verstecken, faulenzen und überlassen die Verantwortung für das Spielergebnis den anderen Mitspielern. Wenn solches Benehmen bei mehreren Spielern auftritt, wird die ganze Mannschaft passiv spielen. Somit nimmt die „schwache“ Gegnermannschaft die Zügel in die Hand, entmutigt den Favoriten und besiegt ihn womöglich. Daher muss der Trainer dafür sorgen, dass er präventiv, also vor dem Spiel gegen den Außenseiter, etwas gegen dieses soziale Faulenzen unternimmt:

  • Beispielweise könnte man das Verantwortungsgefühl bei einzelnen Spielern im Spiel steigern. Dafür eignen sich die Führungsspieler sehr gut. Es sind diejenigen, die normalerweise die Einstellung der ganzen Mannschaft beeinflussen. Sie leisten einen individuellen Beitrag, der sonst von niemandem übernommen wird. Dies kann den Spielern bewusst gemacht werden. So können diese Spieler darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie für das Mannschaftstempo verantwortlich sind. Sie sollen ihre Mitspieler anspornen und aufpassen, dass das Team ihren eigenen schnellen Spielrhythmus aufrechterhält, damit der Gegner ihnen sein Tempo nicht aufdrängt.
  • Setzen individueller Aufgaben bzw. Mannschaftziele sind auch gute Methoden gegen soziales Faulenzen. Die Aufrechterhaltung des eigenen Tempos wäre beispielweise so ein individuelles Ziel. Mannschaftziele könnten „ein schnelles Tor“ oder „zwei zu null spielen“ sein.
  • Auch das Durchdenken bestimmter motivierender Belohnungen steigert die Einsatzbereitschaft. Es kann sowohl ein materieller Anreiz (Prämien) oder etwas anderes, ganz kreatives sein, was die Spieler anspornt, auf dem Platz zu kämpfen.

Diese Maßnahmen sorgen dafür, dass die Spieler vor der Begegnung mit einem schwachen Gegner sozusagen psychologisch geweckt werden. Durch eine ernste Einstellung, mit voller Kampfbereitschaft und mit einem bestimmten Ziel treten sie auf den Platz. Nur so kann die Übermotivation, Anstrengung der Außenseiter ausgebremst und damit ihre Chancen auf einen Sieg abgeschafft werden.

 

Quelle:

Baumann, S. (2008). Mannschaftspychologie. Methoden und Techniken (2. Aufl.).Aachen: Meyer & Meyer

 

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1 Kommentar

  1. Erst einmal Hallo und Danke für den Artikel. Ich kenne das Favorit-gegen-Außenseiter-motivieren-Problem (nur) aus dem Amateursport. Gerade in dem Bereich ist die zu lockere Einstellung meiner Erfahrung nach ein großes Problem (sofern man im Amateubereich überhaupt von großen Problemen sprechen darf).

    Kennt man in der Sportpsychologie eigentlich uch eine Art umgekehrtes Verhalten bzw. ein Rezept dagegen? Was ich damit meine, ist folgendes: Wir/meine Mannschaft spielen (Amateusport, Sportart’ möcht ich jetzt nicht nennen) seit einigen Jahren in einer Liga, die eigentlich zu gut für uns ist und halten nur diese Klasse, weil wir immer wieder besser als erwartet gespielt haben (es war so richtig diese Übermotivation, wie im Artikel beschrieben, spürbar und greifbar).

    Diese Saison scheint so richtig “die Luft raus” zu sein. Niemand bäumt sich mehr gegen übermächtige Gegner auf (früher war das mal eine Herausforderung), es scheint fast so, als ob alle den Spaß an der Sache verloren hätten.

    Ich frag mal ganz ungeniert: Ist das normal? Gibts ein Patent-Rezept dagegen? Habt ihr eventuell einen Literatur-Tipp für mich?

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