Prof. Dr. Oliver Stoll: Spaniens WM-Scheitern

Der Weltmeister ist ausgeschieden. Nach der 1:5-Auftaktschlappe gegen die Niederlande war die spanische Fußball-Nationalmannschaft auch beim 0:2 gegen Chile taktisch überfordert, körperlich unterlegen und sichtlich gehemmt.

Zum Thema: Welche Bedeutung kommt dem Selbstwertgefühl beim vorzeitigen Scheitern der spanischen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM zu?

In den Medien findet aktuell eine Diskussion zum Thema „Selbstwertgefühl“ und Erfolg im Fußball statt. Grundlage boten bereits die ersten WM-Tage: Deutschland gewinnt souverän 4:0 gegen Portugal, Spanien hingegen scheidet nach zwei Niederlagen aus dem WM-Turnier aus. In beiden Fällen ist die unterschiedliche Körpersprache der Spieler zu beobachten gewesen. Die deutschen Spieler agierten dynamisch, fest entschlossen, deutlich zu sehen in Gestik und Mimik. Die spanischen Spieler hingegen liefen eher unsicher und nicht immer überzeugend über das Spielfeld. Soweit so gut. Es wäre jedoch sehr reduktionistisch, diese Beobachtungen auf ein möglicherweise – im Falle der deutschen Spieler hohes – und im Falle der Spanier niedriges Selbstwertgefühl zurück zu führen.

Das „Selbstwertgefühl“ wird in der Psychologie durch drei verwandte – jedoch graduell -unterschiedliche Konstrukte beschrieben. Hierzu gehören die Selbstwirksamkeitserwartung, das Selbstkonzept sowie konkrete Fähigkeitseinschätzungen. Alle drei Konstrukte sind überdauernde, also stabile, Wertungsdispositionen und verändern sich (in der Regel) nicht innerhalb kürzester Zeit. Die Psyche eines Fußballers ist sehr komplex und lässt sich eben nicht auf nur einen Teilbereich reduzieren. Ich möchte dies mal an einem Beispiel deutlich machen: Ein Sieg oder eine Niederlage hat natürlich immer eine Einschätzung zur Folge. In der Psychologie sprechen wir hier von „Kausalattribution“, also der Ursachsenzuschreibung. Die kann funktional oder dysfunktional ausfallen und je nachdem, wie dies passiert, hat das natürlich eine Auswirkung auf die Leistungsmotivation. Wenn ich also beispielsweise nach einem Sieg, die Ursache in meinen stabilen Fähigkeiten sehe, dann hat dies natürlich eine Steigerung der Leistungsmotivation zur Folge (funktionale Ursachenzuschreibung). Wenn ich allerdings nach einer Niederlage den Grund in meinen fehlenden Fähigkeiten sehe, dann wiederum senkt das meine Leistungsmotivation (dysfunktionale Ursachenzuschreibung). Die Folge daraus ist eben ein nicht mehr entschiedenes und eher unsicheres Auftreten auf dem Spielfeld, beziehungsweise eine Verminderung meines Einsatzes und eine niedrigere Volition (Wille). Auch dies lässt sich zum Beispiel in der Körpersprache erkennen.

Leistungsmotivation ist im übrigen eher etwas situatives und nichts stabiles. Somit würde sich jedoch auch die Körpersprache der beiden oben genannten Teams erklären lassen, ohne das gleich ein niedriges oder hohes Selbstwertgefühl hierfür verantwortlich gemacht werden kann. Unter dem Strich bleibt, dass man nur darüber spekulieren kann, was psychisch bei den Spielern passiert ist. Wir alle wissen nicht, wie sie denken und fühlen und können somit auch nicht solche Prognosen, wie sie aktuell in der Öffentlichkeit verbreitet werden, treffen. Die Psyche eines Menschen ist eben sehr komplex sowie auch die Handlungen auf dem Spielfeld. Auch wenn wir am liebsten alles im Detail analysieren und wissen würden, so ist dies einfach nicht möglich. Die einzigen, die uns hier weiter helfen können, sind die Spieler selbst beziehungsweise die Menschen in ihrem Umfeld, denen sie sich anvertrauen.

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