Dr. René Paasch: Die Gesetze des DFB-Pokals

Hamburger SV, Hertha BSC Berlin oder VfB Stuttgart? Welchen Erstligisten es in der diesjährigen ersten Pokalrunde treffen wird, ist unsicher. Mit relativer Sicherheit und auf Grundlage der Erfahrungen der vergangenen Jahre lässt sich sagen: Ganz bestimmt wird der ein oder andere haushohe Favorit seine Probleme bekommen. Dr. René Paasch hat sich diesem Phänomen genähert.

Zum Thema: Was steckt sportpsychologisch hinter den Gesetzen des DFB-Pokals?

„Soziale Faulheit“ lautet ein Phänomen, welches herangezogen werden kann, um Niederlagen höherklassiger Teams in einem Wettbewerb wie dem DFB-Pokal oder aber auch bei Freundschaftsspielen zu erklären. Denn das “soziale Faulenzen” gehört zum sportlichen Alltag einer Sportmannschaft, definiert als Gruppe, dazu. Fußballer haben in Spielen immer wieder die Chance, sich hängen zu lassen oder hinter der Leistung der Mitspieler zu verstecken. Dieses Verhalten ist menschlich und demnach erwartbar, kann aber in der Wettbewerbssituation zu einem Problem für den Teamerfolg werden. Die Aufgabe von Seiten des Trainers ist es also, vorab dagegen anzuwirken. Dies lässt sich beispielsweise mit individuellen Zielen realisieren: Den einzelnen Spielern könnten etwa konkrete Erwartungen an ihre Zweikampfwerte, Torabschlüsse oder Passquote mit auf den Weg gegeben werden. Im Ergebnis dieser Sonderaufgaben hat jeder einzelne also bestimmte Aufträge, die sich bei Erfüllung positiv auf die Mannschaftsleistung auswirken und natürlich das “soziale Faulenzen” eindämmen.

Die Chance der Kleinen

Drehen wir das Thema auf die andere Seite: Was können die unterklassigen Teams richtig machen? Erst einmal empfehle ich allen Amateuren eine möglichst langfristige Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen, um auch diese Ressourcen zu nutzen. In der gemeinsamen Arbeit kann die Mannschaft systematisch auf die besondere Aufgabe vorbereitet werden. Hierbei geht es vor allem um gruppendynamische Prozesse, also die Herausarbeitung des Teamgeists (http://www.die-sportpsychologen.de/2015/06/19/dr-rene-paasch-fuehrung-und-teamentwicklung-im-fussball/) und das Bewusstsein, sich auf die eigenen Stärken verlassen zu können. Denn neben technischen Fähigkeiten zeigt sich der Klassenunterschied oft im absoluten „Ich will und ich kann“! Schließlich können technische Mängel durch hundertprozentige Laufbereitschaft, stetiges Reden und Motivieren auf dem Platz in diesen besonderen Spielen ausgeglichen werden. Wenn die Spieler dies verinnerlichen, ist die Mannschaft schon sehr weit und wird zu einem ernstzunehmenden Gegner.

Fit vom Punkt

Die absolute Krönung der Pokaldramaturgie ist bekanntlich das Elfmeterschießen: Während ein Profi auch vor 60.000 unzufriedenen Zuschauern noch den Elfmeter verwandeln können sollte, neigen Amateure häufiger dazu, dass ihnen in dieser unbekannten Situation die Nerven versagen. Ein Beispiel ist etwa die Zweitrunden-Pokalpartie aus dem Vorjahr zwischen dem 1.FC Magdeburg und Bayer Leverkusen. Der damalige Viertligist machte in der Partie fast alles richtig, scheiterte dann aber kläglich im Elfmeterschießen. Für die Vorbereitung einer solchen Drucksituation empfehle ich das bekannte Prognosetraining nach Eberspächer (2012) und parallel dazu das Üben von handlungsleitenden Selbstgesprächen (http://www.die-sportpsychologen.de/2015/05/22/prof-dr-oliver-stoll-macht-der-selbstgespraeche/). Wer sich an den Film “Sommermärchen” über die WM 2006 erinnert, weiß, wie die Nationalspieler die Elfmetersituation simuliert haben. Ein Sportpsychologe kann mit den Spielern erarbeiten, wie man damit umgeht, wenn die Herzfrequenz nach oben schnellt und die Knie anfangen zu zittern.

In diesem Sinne: Ich wünsche uns einen spannenden Pokalspieltag. Mal sehen, welche Favoriten an diesem Wochenende auf der Strecke bleiben.

 

Literatur:

 

Eberspächer, H. (2012):  Das Handbuch für Trainer und Sportler. Stiebner Verlag GmbH. ISBN 3936376034

Karau, S. J. & Williams, K. D. (1993). Social loafing: A meta-analytic review and theoretical integration. In: Journal of Personality and Social Psychology. 65(4), 681–706.

Jeannine Ohlert: Teamleistung. Social Loafing in der Vorbereitung auf eine Gruppenaufgabe. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, ISBN 978-3-8300-4001-9.

Internet:

http://www.die-sportpsychologen.de/2015/05/22/prof-dr-oliver-stoll-macht-der-selbstgespraeche/ (Zugriff am 07.08.2015)

http://www.die-sportpsychologen.de/2015/06/19/dr-rene-paasch-fuehrung-und-teamentwicklung-im-fussball/) (Zugriff am 07.08.2015)

 

Print Friendly, PDF & Email

Aufrufe: 95