Thorsten Loch: Das lange Warten auf den Anpfiff

Diese Situation kennt jeder Spielsportler: Bis sich beide Teams gesammelt haben und von den Offiziellen auf das Spielfeld gebeten werden, vergehen halbe Ewigkeiten. Im internationalen Fußball sind es, je nach Wettbewerbsformat, nicht selten mehr als zehn Minuten, die die zuvor intensiv physiologisch sowie psychisch auf das bevorstehende Match eingestimmten Spieler “überbrücken” müssen. Eine Zeitspanne, die locker ausreicht, einen Sportler ins Grübeln zu bringen, sofern die Minuten zwischen Kabine und Spielbeginn nicht effektiv genutzt werden.

Zum Thema: Welche Strategien nutzen die Sportler unmittelbar vor Wettkampfbeginn um eine positive Wirkung auf die wettkampfbezogene Kompetenzerwartung zu erzielen?

Das Stichwort lautet Routine. Unter Routine wird ein stets annähernd gleich ablaufender Vorgang bezeichnet. Im Allgemeinverständnis bedeutet „in etwas Routine haben“, dass man dies ohne nachzudenken sicher erledigen kann. Wer routiniert handelt, ist dabei auch nur schwer aus dem Konzept zu bringen und zu stören (Beckmann/Elbe, 2008). Viele Sportler integrieren sportpsychologische Fertigkeiten in eine Routine mit dem Ziel, eine wettkampfbezogene Kompetenzerwartung unmittelbar vor dem Wettkampfbeginn herzustellen. Diese können von Sportler zu Sportler völlig anders aussehen. Gemeinsam haben sie jedoch alle gegenüber Ritualen, dass Routinen gut organisiert sind, jedoch Flexibilität zu lassen (Schack et al. 2005). Außerdem – und hierbei handelt es sich um die wichtigste Unterscheidung – umfassen Routinen Fertigkeiten, die für die anstehenden Aufgaben funktional sind, wie z.B. zum Beseitigen von störenden Gedanken und zum Aufbau von Konzentration und Wettkampfspannung.

Die Funktion von Routinen liegt demnach in einer Stabilisierung von Verhalten über Fertigkeiten. Mit ihnen ist es möglich, einen abgeschotteten Raum zu schaffen, der vom Sportler kontrolliert werden kann, mit dem Ziel, die Handlungsvorbereitung zu optimieren. Der Sportler durchläuft eine Reihenfolge von Aktionen, die sich auf die folgenden Handlungen (bspw. typische Spielsituationen) beziehen. Indem diese Aktionen in einer Routine durchlaufen werden, wird zum einen sichergestellt, dass keine Aktion, die jede für sich eine Funktion erfüllt, vergessen wird. Die einzelnen Sequenzen der Aktionen innerhalb der Routine bestehen sinnvollerweise aus Fertigkeiten, die zielführend sind. Es ist zum einen wichtig das die Sequenz von Aktionen geschlossen ist, sprich keine Zeit übrig bleibt, die nicht durch eine gewollte Aktion ausgefüllt wird. Unausgefüllte Zeit bringt Raum für störende, dysfunktionale Gedanken. Eine gute Routine lässt keinen Freiraum und bringt den Grübler sozusagen zum Schweigen. Zum anderen ist für eine Automatisierung der Routine und der damit gewonnenen Handlungssicherheit wesentlich, dass die Aktionen und deren Anzahl nicht beliebig von Handlung zu Handlung variieren, sondern relativ konstant ausgeführt werden.

Individuelle Routinen müssen entwickelt und tariniert werden

Sportler müssen ihre ganz individuellen Routinen entwickeln und trainieren. In diesem Zusammenhang ist von besonderer Bedeutung, dass die Sportler die Funktion ihrer Routine verstehen. Die Funktionalität der Routine steigt, je mehr diese den individuellen Bedürfnissen des Einzelnen entspricht. Eine weitere Unterscheidung findet in der zeitlichen Dimension statt. So gibt es so genannte Vor- (prä), Nach- (post) und Zwischen- (between) Routinen für sportliche Leistungshandlungen.

Routinen beschränken sich aber nicht ausschließlich auf den Einzelnen selbst. So kommt es auch vor, dass Routinen in Mannschaftssportarten vorkommen. Hier sei an die Weltmeistermannschaft von 1994 aus Brasilien genannt. Diese lief bei den Spielen und den USA Hand in Hand auf den Platz und gab sich so Handlungssicherheit. Als ein weiteres Beispiel sei die Rugbynationalmannschaft aus Neuseeland genannt. Während der Hymne legen sich die Spieler die Arme auf die Schultern und präsentieren sich als Einheit oder tanzen den Haka einen rituellen Tanz der Maori. Wichtig ist jedoch, dass individuelle Routinen nicht im Konflikt mit der Mannschaftsroutine stehen.

Den Sportlern steht mit der Routine eine Möglichkeit zur Verfügung, handlungsrelevante Fertigkeiten sicher einzusetzen und zu etablieren. Absicht dessen ist, eine positive Wirkung auf die wettkampfbezogene Kompetenzerwartung zu erzielen und Wartezeiten vor, nach und zwischen Wettkampfhandlungen aktiv selbst zu gestalten. Dass die Routine eine höchst individuelle Angelegenheit des Sportler ist, die zu den Bedürfnissen des Athleten passen muss, ist eine mögliche Erklärung dafü,r warum manche Nationalspieler die Hymne mitsingen oder auch nicht.

Literatur:

Beckmann, J./Elbe, A.M. (2008). Praxis der Sportpsychologie im Wettkampf- und Leistungssport. Spitta Verlag: Balingen.

Schack, T. (2006). Mentales Training. In: M. Tietjens, B. Strauss (Hrsg.). Handbuch Sportpsychologie, 254-261. Schorndorf: Hofmann.

 

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1 Kommentar

  1. Eine kleine Anmerkung noch, bzw. Frage. Ich arbeite auch viel mit der Entwicklung von Handlungsroutinen, gerade aus den von Dir genannten Gründen. Allerdings ist eine gewisse “kognitive Flexibilität” notwendig. Ein “Plan B” sollte immer da sen, wenn mal “Plan A”, also die Handlungsroutine – aus welchen Gründen auch immer – nicht funktioniert. Wenn ich z.B. mit Athleten Drehbücher für Wettkämpfe entwickele, dann weise ich immer auch darauf hin, dass man eine Handlungsalternative braucht, wenn das “Drehbuch mal nicht funktioniert”. Was denkst Du?

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