Prof. Dr. Oliver Stoll: Bin ich sportsüchtig?

Sicher haben sie in den vergangenen Wochen den Teufel an irgendeiner Wand geschrieben gesehen: Sportsucht. Denn in Folge einer Studie machten sich zahlreiche Massenmedien an Interpretationen, die jeden Sportbegeisterten den Angstschweiß auf die Stirn hätten zaubern müssen. Aber räumen wir mit dem Phänomen mal auf.

Zum Thema: Hype, Charakteristika und Urachen der Sportsucht

Es scheint diese Sportler tatsächlich zu geben. Ich spreche von Menschen, die Bewegung nicht nur tagtäglich brauchen, sondern sogar darunter leiden, wenn sie sich nicht bewegen können.  Sportsucht ist ein Phänomen, das wissenschaftlich noch nicht wirklich gut untersucht ist.  Der Begriff existiert auch nicht in den klassischen Diagnose-Manualen (ICD oder DSMM) , die Ärzte und Psychotherapeuten nutzen, um eine Krankheit zu diagnostizieren. Aber dennoch scheint es so etwas wie Sportsucht zu geben.  Diese Störung tritt jedoch weitaus weniger häufig auf, als dies uns Massenmedien zu vermitteln versuchen. Gerade in der jüngeren Vergangenheit häuften sich immer wieder Artikel zu diesem Phänomen in der Regenbogenpresse. Ein kürzlich publizierter Artikel (Ziemainz et al., 2013) geht von einer Prävalenz von 3 bis 4% aus. Da in dieser Studie ein Fragebogeninstrument zu Datenerfassung  genutzt wurde, handelte es sich also auch erst einmal nur um ein sehr grobes „Screening“. Um eine Sportsucht wirklich sicher diagnostizieren zu können, müsste auf dieses erste Fragebogen-Screening ein diagnostisches, klinisches Interview erfolgen. Somit ist davon auszugehen, dass – basierend auf  den Daten der o.a. Studie – die Prävalenz an einer Sportsucht zu erkranken unter  1% liegt. In diesem Zusammenhang sei noch darauf hingewiesen, dass es zwei verschiedene Formen von Sportsucht gibt. Die sogenannte primäre Sportsucht ist das, worüber wir hier sprechen. Bei der sekundären Sportsucht liegt eine exzessiv durchgeführte, auch tägliche, körperliche Aktivität vor, die jedoch vorrangig das Ziel hat, Kalorien zu verbrennen, da dies bei einer vorliegenden Ess-Störung  eine die Krankheit unterstützende Maßnahme ist.

Das Krankheitsbild

Worüber sprechen wir? Bei einer (primären) Sportsuchterkrankung müssen – ähnlich wie bei anderen Suchterkrankungen – spezifische Kriterien vorliegen.  Die betroffenen Personen benötigen so etwas wie eine „Dosis-Steigerung“, um möglichen Entzugserscheinungen zu entgehen, dass heißt dann auch, dass Entzugserscheinungen vorliegen müssen, wenn die betroffenen Personen an der Ausübung von Sport gehindert werden.  Ihre gesamte Aufmerksamkeit, ihr Denken und ihre Handlungen sind vollständig auf  die Umsetzung der sportlichen Aktivität gerichtet. Das geht so weit, dass das Berufsleben beeinträchtigt wird und auch soziale Kontakte leiden (Soziale Isolation). Nicht selten kommt es zu massiven Problemen im Familienleben.  Ein sehr problematischer Aspekt betrifft die Tatsache, dass sportsüchtige Personen auch trainieren wenn sie verletzt oder krank sind. Dies kann bekanntermaßen (z.B. bei einer vorliegenden Myokarditis) bis zum plötzlichen Herztod führen. Keinesfalls ist dieses Phänomen jedoch mit  „Sportleidenschaft“ zu verwechseln. Gerade in Ausdauersportarten sind bei ambitionierten Athleten hohe Trainingsumfänge normal. Im Unterschied zu sportsüchtigen Athleten wird hier jedoch systematisch und zielgerichtet trainiert, Ruhetagen werden eingehalten und die Leistungsoptimierung steht im Vordergrund.  Sportsüchtige Personen trainieren nicht. Sie laufen einfach nur, angetrieben durch einen „inneren Impuls“, der jederzeit auftreten kann.  Man findet sportsüchtige Athleten im Übrigen auch nicht vorn in den Ergebnislisten, denn sie trainieren ja nicht. Manchmal geraten sie sogar in Übertrainingszustände, die bekanntermaßen alles andere als leistungsfördernd sind. Dennoch nehmen sie mitunter auch an Wettkämpfen teil. Dies tun sie jedoch im Wesentlichen nur, weil sie ein Alibi benötigen, warum sie so viel trainieren, denn eine Suchterkrankung – und sei es auch nur eine solche Sportsuchterkrankung – ist sozial durchaus nicht positiv besetzt. Die betroffenen Personen schämen sich durchaus auch dafür, wenn dieses Verhalten aufgedeckt wird.

Unerforschte Ursachen

Was sind die Gründe für die Entwicklung dieser Suchtform? Darüber wissen wir noch nicht viel. Alles, was hierzu publiziert ist, bleibt spekulativ. Es gibt Ansätze, die davon ausgehen, dass die betroffenen Personen mit der Ausübung ihres Sports etwas anderes – als z.B. ein Problem – innerpsychisch zu kompensieren versuchen. Es gibt Erklärungsversuche, die davon ausgehen, dass es insbesondere in die positiven Verstärker sind, die mit dem Sport treiben verbunden sind (Gewichtsabnahme, Körperbild, Selbstwert). Andere eher biologische basierte Erklärungsversuche neigen dazu, spezifische  Prozesse in bestimmten Arealen (Neurotransmitter, Botenstoffe) für die Ausprägung dieser Sucht verantwortlich zu machen.  Die Erforschung der Wirkmechanismen wird sicherlich die zukünftige sportpsychologische Forschung maßgeblich bestimmen.

Sollten ihr Angstschweiß nun nicht verschwunden sein, holen sie sich Hilfe. Gern stehe ich für den Erstkontakt und Weitervermittlung zur Verfügung.

 

Quellen:

Stoll, O., Alfermann, D. & Pfeffer, I. (2010). Lehrbuch Sportpsychologie. Bern: Huber.

Schipfer, M. & Stoll, O. (2011). Laufleidenschaft oder Laufsucht? Erste Ergebnise zur Validierung eines Screening-Instruments. . In K. Hottenrott, O. Stoll & R. Wollny (Hrsg.), Kreativität – Innovation – Leistung. Wissenschaft bewegt Sport bewegt Wissenschaft (S. 96). Hamburg: Czwalina.

Ziemainz, H., Stoll, O., Drecher, A,, Erath, R., Schipfer, M. & Zeulner, B. (2013). Die Gefährdung zur Sportsucht in Ausdauersportarten. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 64 (2), 57-64

Internet: http://www.mdr.de/exakt/die-story/video153280.html

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