Dr. René Paasch: Spielsituationen schneller erfassen und besser entscheiden

Unsere heutigen Leistungskicker müssen komplexe Spielsituationen schnell und angemessen lösen können. Dafür brauchen sie eine gute Wahrnehmungs- und Entscheidungsfähigkeit. Wiewird diese gezielt trainiert? Welche Methoden wenden Trainer aus pädagogischer Sicht in der Praxis an und mit welchem Erfolg?

Zum Thema: Spielerzentrierter Lehransatz im Fussball

Im heutigen Leistungsfussball sind kognitive Prozesse ausschlaggebend für Sieg und Niederlage. Dazu gehört es, die Spielsituation unter Zeitdruck wahrzunehmen/zu verarbeiten, und vorausschauend auf mögliche Spielzüge, eine entsprechende Entscheidung zu treffen. Doch wie lässt sich die Fähigkeit, schnell und effizient zu entscheiden, überhaupt trainieren? Zumindest die Wissenschaftler sind sich einig, dass die Ausbildung der Entscheidungsfindung einen ähnlich hohen Stellenwert haben sollte, wie die sportmotorischen Fähigkeiten. Vor allem im Nachwuchsfussball sollte taktisches Entscheidungshandeln ein fester Bestandteil der Trainingsarbeit sein. Dennoch gibt es noch keine klare Vorstellung, wie die Schulung der Entscheidungsfähigkeit praktisch aussehen könnte. Noch setzen viele Trainer im Nachwuchstraining auf einen trainerzentrierten Lehransatz. Meist setzen sie auf isolierte Übungen ohne Spielzusammenhang und geben dabei den Spielern direkte Handlungsanweisungen. Das zeigen bspw. Trainingsanalysen aus England (Partington, Cushion, Harvey, 2013/14).

Jedoch ist Weitsicht bei der Gabe von Feedback geboten, da einfachste Hinweise dazu führen können, dass der Aufmerksamkeitsfokus von Nachwuchsspielern verkleinert wird und dadurch wichtige Merkmale von Spielsituationen nicht berücksichtigt werden (Memmert, König, 2011). Die moderne Pädagogik empfiehlt dagegen einen spielerorientierten Lehransatz, damit Nachwuchsspieler handlungsschneller werden (Partington, Cushion, 2013).  Spieler werden demnach mit möglichst realen Bedingungen des Wettspiels konfrontiert, die sie in unterschiedlichen Konstellationen situativ lösen müssen.

Gefahr des „Over-Coachings“

Wichtig: Um taktische Fähigkeiten wie schnelles Entscheiden zu erlernen, brauchen Spieler eine Lernumgebung, die Raum für selbstständiges Denken und Handeln zulässt (Memmert, König, 2011). Statt ihren Spielern zu sagen, was sie tun sollen, sollten Trainer sie durch Methoden wie gezieltes Nachfragen, Stichworten oder Feedback dahingehend unterstützen, eigene Lösungen zu entwickeln (Light,  Harvey, Mouchet, 2014).

Noch aber hat dieser Lehransatz in der Trainingspraxis zur Schulung des Entscheidungshandelns wenig Raum (Partington M, Cushion C, Harvey, 2014). Die Häufigkeit der Coachingmaßnahmen durch den Trainer deutet auf ein „Over-Coaching“ hin. Raab wies nach, dass explizite Anweisungen des Trainers Anfängern zwar zu einem raschen Lernen in der Anfangsphase verhelfen, jedoch in komplexeren Wettkampfsituationen häufig nicht abgerufen werden können (Raab, 2003). Trainer sollten daher die Art und Weise, wie sie ihre Fragen oder Rückmeldungen gegenüber den Spielern formulieren, dahingehend ausrichten, dass sie die Spielsituation kritisch hinterfragen und eigene Lösungswege entwickeln.   

Fazit

Es gibt zwei pädagogische Anregungen, wie ein Trainer die Lernprozesse seiner Spieler beeinflussen kann: Der trainerzentrierte Ansatz setzt auf ein geführtes Lernumfeld, in dem die Spieler Anweisungen während der Trainingsform folgen und umsetzen. Der spielerorientierte Ansatz verlangt hingegen von den Spielern, Spielsituationen zu reflektieren, Optionen zu erkennen und Entscheidungen zu treffen. Aufgabe des Trainers ist es, diesen Ablauf anzustoßen und zu lenken, damit die Spieler die gemachten Erfahrungen verinnerlichen und durch wiederholtes Trainieren festigen können.

Dr. René Paasch
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Literatur

  1. O’Connor, D., Larkin, P., & Williams, A. M. (2017): What learning environments help improve decision-making? Physical Education and Sport Pedagogy, 22(6), 647-660.
  2. Partington M, Cushion C. (2013): An Investigation of the Practice Activities and Coaching Behaviors of Professional Top-Level Youth Soccer Coaches.” Scandinavian Journal of Medicine and Science in Sports 23 (3): 374–382
  3. Partington M, Cushion C, Harvey S. (2014): An Investigation of the Effect of Athletes’ Age on the Coaching Behaviours of Professional Top-Level Youth Soccer Coaches. Journal of Sports Sciences (2014) 32 (5):403– 414
  4. Memmert D, König S. (2011): Zur Vermittlung einer allgemeinen Spielfähigkeit im Sportspiel, in: König S, Memmert D, Moosmann K. Das große Buch der Sportspiele. Wiebelsheim (2011): 18–37
  5. Light RL, Harvey S, Mouchet A. (2014): Improving ‘At-Action’ decision-making in Team Sports through a Holistic Coaching Approach. Sport, Education and Society (2014) 19 (3): 258–275
  6. Raab M. Decision Making in Sports: Influence of Complexity on Implicit and Explicit Learing. International Journal of Sport and Exercise Psychology (2003) 1 (4): 406-433

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