Thorsten Loch: Gefahren der Zielsetzung

“Systemversagen”, so bezeichnete Bernd Hoffmann, Vorstandsvorsitzender des Hamburger SV den verpassten Wiederaufstieg seines Profi-Teams in die erste Bundesliga. Der sichtlich ergriffene HSV-Boss vor der versammelten Hamburger Weltpresse weiter: “Das gesamte System ist im Winter irgendwann kollabiert und nicht wieder auf die Beine gekommen.” War war passiert? Schließlich hatte die junge Mannschaft von Trainer Hannes Wolf nach der Hinrunde recht souverän die Zweitliga-Tabelle angeführt. Ein sportpsychologischer Erklärungsversuch.

Zum Thema: Positive Auswirkungen und Gefahren der Zielsetzung

Mehr Infos zu Thorsten Loch: https://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

Sich Ziele zu setzen, stellt eines der wirksamsten Antriebsmittel zum sportlichen Handeln dar. Ziele lenken unser Leben und unser Tun in eine bestimmte Richtung. Sie fungieren als eine Art Leitlinie unserer Antriebe, setzen Handlungsenergien frei und erhöhen unsere Beharrlichkeit und Anstregungsbereitschaft (Baumann, 1998). Problematisch wird es dann, wenn der Anspruch und die Wirklichkeit auseinanderdriften. Die selbstgesteckten Ziele können den Beteiligten sprichwörtlich über den Kopf wachsen und somit das Gegenteilige bewirken. Anstelle von Zug-/und Schubeffekten kann eine erlebte unrealistische Zielsetzung die Personen unter enormen Druck setzen und ausbremsen. Die Auswirkungen lassen sich sehr schön anhand der Hin-/ und Rückrundentabelle der Zweiten Liga abbilden. Thronten die Hamburger nach Abschluss der Hinrunde noch von ganz oben, zeigt die zweite Runde den dramatischen Abfall. Den starken 37 Punkten folgten bis zum vorletzten Spieltag lediglich magere 16 Punkte (bei nur 4 Siegen) und der damit verbundene drittletzte Platz.

„Es ist immer schwierig mit den Motiven der Spieler, wir haben definitiv das, was uns ausgemacht hat, die Stabilität, nicht mehr auf den Platz bekommen. Irgendwann war`s dann auch egal, wen du aufstellst, wie du einstellst.“

Hannes Wolf, HSV-Trainer

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche Ursachen für diese Entwicklung und erlebte Hilflosigkeit von Wolf mitverantwortlich sind? Ein solches Konstrukt mit einer Vielzahl von verschiedenen Faktoren spielt hier eine Rolle. Als Außenstehender ist es schier unmöglich, eine detaillierte Analyse anzufertigen. Aus diesem Grund sei an dieser Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen, dass kein Anspruch auf Richtigkeit besteht. Allerdings veranschaulichen die Geschehnisse um den Hamburger SV das Phänomen, dass ein zu Beginn motivierendes Ziel eine gegenteilige Kraft entwickeln kann.

Gefahren der Zielsetzung

Trotz der positiven Auswirkungen auf den Motivationszustand können durch die Zielsetzung auch Gefahren bzw. negative Effekte auftreten:

  • Ziele können eine mentale Blockade zur Folge haben,
  • schaffen Erwartungsdruck,
  • führen zur Abhängigkeit von personaler Wertschätzung und Leistungen und
  • können das Ignorieren wesentlicher Faktoren zur Folge haben, die zu ihrer Erreichung notwendig wären.

Wie wir sehen, können viele Effekte aus einer „falschen“ Zielsetzung entstehen. Aus „Platzgründen“ widmen wir uns dem Bereich der Ignoranz. Sportler, die mit aller Gewalt ein Ziel erreichen wollen, geraten in Gefahr, Schwierigkeiten, die auf dem Weg dahin zu überwinden sind, zu verkennen, zu missachten oder zu ignorieren. Reinhold Messner bringt seine Lust am Bergsteigen damit zum Ausdruck: „Der Weg ist das Ziel.“ Er drückt damit aus, dass Ziele nicht dauernd als konkrete Bilder vor Augen sein müssen. Jedes Ziel bedarf der Überwindung einer mehr oder weniger langen Wegstrecke, bis es erreicht ist. Wer den richtigen Weg wählt, kommt von selbst ans Ziel.

Wer mit Gewalt siegen will, erhöht die Angst vor der Niederlage.

Aus diesem Grund kann man Ziele auch „vergessen“, d.h. sie rutschen in unserem Bewusstsein auf die Ebene des Mitbewussten ab (Baumann, 1998). Das Ziel lenkt dann unser Handeln auf einer latenten Stufe des Mitbewussten, es verleiht unserer Tätigkeit Sinn und Richtung, ohne als bewusste Vorgabe andauernd gegenwärtig zu sein. Michael Phelps bringt es treffend auf den Punkt. „When you have one foot in the future and one foot in the past you`re pissing in the present.” Damit ist gemeint, starre Ziele für den Moment fallen zu lassen und sich auf den Weg bzw. das Hier & Jetzt zu konzentrieren.

Zu hoher Ehrgeiz oder es „mit Gewalt“, „mit der Brechstange“ zu versuchen, zerstört die innere Gelassenheit, die zur Freisetzung optimaler Leistungsreserven notwendig ist. Mit „Zähne zusammen beißen“ und „Augen zu und durch“ kann man keine Qualitätsverbesserung des Handelns erreichen. Nur wem es gelingt, sich gelöst, freudvoll, hellwach und dem augenblicklichen Geschehen hingeben und seine Umwelt mit allen Sinnen in sich aufnehmen kann, wird ohne unökonomischen Kraftaufwand unter Beachtung aller Hinweisreize den Weg zum Ziel bewältigen.

Fazit

Dem Hamburger SV ist es in dieser Saison nicht gelungen, eine hervorragende Hinrunde zu bestätigen und das selbst auferlegte Ziel Aufstieg in die Tat umzusetzen. An diesem Beispiel lässt sich schön veranschaulichen, wie aus einem zuerst motivierenden Ziel, genau die gegenteilige Kraft erwachsen ist und sprichwörtlich die Spieler und Trainer lähmt. Etwas erzwingen zu wollen, löst Gegenreaktionen, Ängste und Blockaden aus. Nur das Sich-Hingeben in die augenblickliche Situation kann alle Energie in die Handlung einfließen lassen und alle Sinne darauf richten. Gedanken an handlungsferne Ziele stören die innere Wahrnehmung und lenken sie vom gegenwärtigen Tun ab. Wie ein Trainer seine Spieler dabei unterstützen kann, wird Inhalt des folgenden Beitrages sein.  

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Quellen:

https://www.hamburg1.de/nachrichten/40502/Das_komplette_Interview_mit_Bernd_Hoffmann.html

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