Johannes Wunder: Reflektion im Teamsport

Personalgespräche gibt es nicht nur in der Wirtschaft. Auch im Sport wird sich unterhalten. Zwischen Trainern und Sportlern, Sportlern und Sportlern oder Trainern und Trainern. Und da die Häufigkeit der Entscheidungen und Leistungsabfragen während einer Trainingswoche oder einem Wettkampf enorm hoch ist, gibt es folglich auch viel Potential für unterschiedliche Auffassungen. Doch wie können wir Situationen im Gespräch objektivieren? Die Wahrnehmung ist aus eigener Erfahrung teilweise sehr verschieden. Sätze wie „Ich sehe in dir Führungsqualitäten“ oder „du bist in dieser Technik nicht konstant“ sind nur zwei Beispiele, welche viel Interpretationsspielraum zulassen.

Zum Thema: Wahrnehmung im Sport und wie eine gute Analyse Leistung steigernd wirken kann

Zu Beginn ist es wichtig, einen kurzen Einblick in das Thema Wahrnehmung zu geben. „Die scheinbare Einfachheit der Wahrnehmung führt also dazu, dass wir die Ergebnisse der Wahrnehmung für korrekte Abbilder der Außenwelt halten.“ (Hagendorf et al., 2011). Wir nehmen unsere Umwelt also wahr und für uns ist das die (eigene) Realität. Beeinflusst wird diese durch viele Faktoren, u.a. durch eigene Erfahrungswerte. „Letztendliches Ergebnis der Wahrnehmung ist die Reaktion auf die Umwelt. Viele Reaktionen zielen darauf ab, den nächsten Durchlauf der Wahrnehmungskette zu beeinflussen, indem neue Eigenschaften der Umwelt für die Wahrnehmung zugänglich gemacht werden.“ (Bley, 2006).

Wir Trainer, aber auch Berater im Bereich der Sportpsychologie stehen immer wieder vor der Hürde, die eigene Wahrnehmung zu reflektieren, herunterzubrechen und sich auch in die Wahrnehmung anderer hineinzuversetzen. Oder eben die eigene Realität so zu kommunizieren und keine Allgemeingültigkeit daraus zu machen. Wie kann man seine Wahrnehmung aber objektivieren, um mehr oder weniger valide Aussagen zum Beispiel zur Leistung eines Athleten treffen zu können?

In einem meiner vorigen Artikel (Link zum Text inklusive des Fragebogens) habe ich einen Fragebogen vorgestellt, den ich speziell für die Themengebiete von Spitzensportlern im Basketball zusammengestellt habe. Ich habe bereits über die Vorteile gesprochen, die eine Reflektion des Sportlers selbst und auch seiner Teamkollegen mit sich bringt.

Die Ergebnisse lassen aber deutlich mehr Rückschlüsse auf den Einzelnen und das Team zu, als nur den Vergleich zweier Auswertungen.

Mehr Infos zu Johannes Wunder: https://www.die-sportpsychologen.de/johanneswunder/

Einbezug von Trainermeinung

Im Rahmen der Datenanalyse habe ich die Fragen für die jeweiligen Spieler auch an die Trainer weitergegeben. Die Einschätzung habe ich in die Auswertung mit einbezogen. So lassen sich nicht nur Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem Teamdurchschnitt und dem Trainerteam ausfindig machen, sondern auch unter den einzelnen Trainern. Zudem können die Werte in „Personalgesprächen“ als Grundlage dienen, wenn es um die Einschätzung der Leistung geht. Wenn der Sportler möchte, kann er in diesem Rahmen auch seine eigene Einschätzung vorlegen. Ein gemeinsamer Vergleich kann so positiv und produktiv stattfinden und der Austausch über die eigene Wahrnehmung gelingt nahezu spielerisch.

Gruppendynamiken ausfindig machen

Eine weitere Möglichkeit bietet sich, wenn die Durchschnittswerte untereinander verglichen werden. Dies kann sowohl nur inoffiziell im Trainerteam erfolgen oder öffentlich für die Mannschaft. Ein internes Ranking von Highscores oder spezifischen Fragen gibt einen konkreten Eindruck, wie die Teammitglieder einen Spieler sehen. So können sich Führungspersönlichkeiten manifestieren oder herausbilden, wenn sich ein Athlet schlechter sieht als seine gesamten Teamkollegen ihn bewerten. Ein Spieler, der in den meisten Fragen zum Beispiel hohe Werte erreicht, wird von seinen Teamkollegen als führendes Mitglied betrachtet – natürlich abhängig von den Fragekategorien.

Heikles Thema Spielzeit

Auch die Spielzeit kann indirekt zum Thema werden. So kann der Trainer seine Wahrnehmung zu einzelnen Spielern mit der des gesamten Teams überprüfen. Liegt er annähernd richtig, dient dies als Argumentationsgrundlage. Weicht die Einschätzung massiv ab, gilt es Ursachen zu finden oder zu korrigieren.

Zielsetzung und Zielvereinbarungen

Abschließend wurden die Daten auch zur Erarbeitung von Zielen genutzt. Gemeinsam mit den Spielern habe ich die Fragen so unterteilt, dass klar ist, welche Punkte kurz, mittel und langfristig veränderbar wären. Konkret gab es vor einem sportlich entscheidenden Spiel dann die Aufgabe, sich zwei Fragen herauszusuchen, die der Spieler korrigieren will. Im Anschluss sollte jeder Sportler notieren, wie er seinen Durchschnittsscore bei diesem Punkt konkret kurzfristig verbessern kann, zum Beispiel „Reden in der Verteidigung“ oder „Aktiver Support auf der Auswechselbank“.

Die Notizen habe ich dann vor dem Spiel in der Umkleidekabine aufgehangen – mit dem Hinweis, dass jeder sehen kann, was sein Teammitglied sich vorgenommen hat. Und ihn notfalls auch erinnern kann, wenn während des Spiels der Fokus kurz verloren geht. Das schafft nicht nur Transparenz, sondern auch ein Gefühl der Gemeinsamkeit, das bevorstehende Ziel mit den vorhandenen Ressourcen zu erreichen.

Mehr zum Thema:

Literatur:

Schweizer (2014). Neuroleadership: Fremd- und Selbsteinschätzung des Führungskräfteverhaltens in einem mittelständischen Unternehmen.

Hoorn, Rindt & Stampfl (2010). Leitfaden zur Kompetenzbilanz im Freiwilligendienst.

Fuchslocher J., Romann M.: Ein Talentselektions-Instrument für den Nachwuchsleistungssport: «PISTE». In: Neumann G, ed. Talentdiagnose und Talentprognose im Nachwuchsleistungssport 2 BISp-Symposium: Theorie trifft Praxis. Bonn: Sportverlag Strauss, 2009:151–152.

Hagendorf et al. (2011). Allgemeine Psychologie für Bachelor: Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Springer

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